Donaueschinger Musiktage | Werke des Jahres 2024

Pascale Criton: Alter

Für Sopran und Orchester. Deutsche Erstaufführung bei den Donaueschinger Musiktagen 2024.

Werkkommentar

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Stand

Alter ist durchzogen von der Zerbrechlichkeit der Lebensbedingungen und der Ausgesetztheit des Lebendigen gegenüber dem Einbruch unerwarteter Situationen, die das Gleichgewicht der vergangenen Tage durcheinander bringen und die täglichen Gewohnheiten, aber auch die Lebensperspektiven in Frage stellen. Wie kann ein unvorhergesehenes Ereignis den menschlichen Geist so in Verwirrung stürzen, dass alle Menschen die gleiche Sorge, die gleiche Orientierungslosigkeit teilen – zum Beispiel bei einem großen Klimawandel oder einer großen Epidemie? Die Verwirrung erstreckt sich auf alles, was anders wird, von der Veränderung unserer eigenen Empfindungen bis hin zu unserer Beziehung zu anderen Menschen und zur Umwelt. Das unumgängliche, irreversible Ereignis zwingt uns ungewöhnliche Lebensbedingungen auf und führt zu einer schwebenden Zeit ohne Bezugspunkte. Ich wollte mit Alter etwas über diese bezugslose, schwebende Zeit erzählen und über die Verwirrung – aber auch die Verwandlung –, die sie in uns bewirkt.

Die Annäherung an die Ungewissheit, die Unvorhersehbarkeit, hat mich dazu gebracht, eine Dauer zu entwerfen, die den Augenblick festhält, eine Spannung ohne Ziel, die in den ersten sieben Minuten aufrechterhalten wird. Unter Schock und Fassungslosigkeit irren Stimmen umher und sprechen in ihrer jeweiligen Sprache von ihrem hilflosen Bedauern. Da ich mich nicht auf einen bestehenden Text festlegen konnte, entschied ich mich dafür, eine einfache Deklination um das Wort "Welt" zu schreiben, Wortfetzen, die auf Französisch, Englisch, Arabisch und Maori gesungen werden. Diese Sprachen existieren nebeneinander und erzählen vom Verlust einer vertrauten Welt: "Diese Welt, welche Welt? Die unsere? Die ihre? Diese Welt!" Über die Worte hinaus schleichen sich Phoneme und geräuschhafte Silbenkontraktionen ein und verändern die Sprache – ein zunehmender Ausdruck von Verdruss und Ohnmacht.

Der erste Teil von Alter ist ein schwebender Nebeldunst, eine Vielheit, deren Ränder mal schäumen, mal einen unerforschbaren Grund reiben. Dieses Treiben befindet sich in Veränderung, in Transformation: Die Instrumente, die oft paarweise eingesetzt werden, halten bewegte Schichten aufrecht, ein Leben zwischen den Tönen, das aus winzigen Variationen von Tonhöhen und Klangfarben besteht. Die Klänge verändern sich durch die Reziprozität der Nachbarschaft, was die Erzeugung akustischer Phänomene wie Schläge oder Differenztöne begünstigt. Die Stimme, die in den instrumentalen Fluss eingebettet ist, bahnt sich ihren Weg mittels kleiner Abweichungen und koppelt sich an die instrumentalen Klangfarben. Das Orchester dauerhaft in einem schwebenden, nicht wahrnehmbaren Treiben zu halten, erwies sich als eine Herausforderung! Ich habe mich dafür entschieden, die Orchestermasse als eine Vielzahl von horizontalen Beziehungen zu betrachten, anstatt sie in Form von Gegensätzen kontrastierender Blöcke zu denken. Die Holz- und Blechbläser spielen oft paarweise überlappend und steuern über das Gehör die Produktion von gegenseitigen Interferenzen, die durch leichte Tonhöhenschwankungen entstehen. Ebenso ist die Stimmung der Saiten fein verschoben, um Klangveränderungen zu erzeugen. Die Beweglichkeit dieser winzigen Unterschiede trägt zu einer Tiefenwirkung des Klangs bei und ermöglicht den Zugang zu einem empfindlichen "Klangleben". Die scordatura der zweiten Geigen (idealerweise verteilt auf sechs Mikrointervalle innerhalb eines Halbtonclusters), ermöglicht es gewissermaßen, in das Innere des Klangs einzudringen. Diese Annäherung an die Mikrovariabilität des Klangs erfordert ein aufmerksames Zuhören der Musiker:innen, die die angestrebten Intermodulationsphänomene untereinander, über die Noten hinaus und nach Gehör regulieren.

Dieses langsame Driften wird plötzlich von der gesprochenen Stimme unterbrochen, und das Orchester reduziert sich auf ein Schleifgeräusch, das von den Streichern gespielt wird. Die Sängerin ergreift nun für sich selbst das Wort und berichtet von ihren realen Erfahrungen: "Restricted horizons. Am I alone? How to get through these days?" Dieser radikale Schnitt durchbricht die Benommenheit und lenkt die Aufmerksamkeit wieder auf eine konkrete Realität, nämlich die der Einsamkeit, die man Minute für Minute erlebt – eine Endlichkeit in der umgebenden Unwirklichkeit, in der derealisierten Welt des ersten Teils. Wieder war es schwierig für mich, einen geeigneten Text für diese Situation zu finden, und schließlich bat ich Juliet Fraser, einen Text verwenden zu dürfen, den sie während der Zeit von Covid geschrieben hatte, und wir arbeiteten gemeinsam daran, die universelle Bedeutung – die der Isolation und Desorientierung – herauszuarbeiten. Dieser Wechsel von der gesungenen zur gesprochenen Stimme ist unerwartet und dramaturgisch wesentlich, um der Zeit wieder eine Richtung zu geben: Er ermöglicht es, einer Subjektivität, etwas Persönlichem, Raum zu geben – umso mehr, als hier die Interpretin ihre eigene Erfahrung heraufbeschwört! Die Erfahrung eines Standes Null, der Ungewissheit, des Wartens und der vorbeiziehenden Gedanken. Wohin richtet sich unsere Aufmerksamkeit beim Einbruch der Leere, beim Fehlen eines Ziels, eines erkennbaren Richtungspfeils, der die Handlung koordiniert? Diese ungewöhnlichen Bedingungen verändern und beeinträchtigen unsere Subjektivität, begünstigen aber auch das Auftauchen neuer Empfindungen. Kraft der Mutation, Entdeckung der Fremdheit der Welt und unseres Bedürfnisses nach dem Anderen. Ich verfolgte dann den Faden des Textes weiter und bekräftigte den Ausdruck eines ungestümen Verlangens nach Andersartigkeit. Als die Singstimme wieder erschien, begleitet vom langsamen Erwachen des Orchesters, unterstützte das allmähliche Anheben der Orchestermasse sie nun, um "Nein" zu sagen und zum gemeinsamen Zuhören aufzurufen. "Listen!" Bis zum Schrei, der den Bann der Erstarrung ein zweites Mal durchbricht.

Im dritten und letzten, kürzeren Teil kündigt sich das Zusammenleben mit der Welt, wie sie ist, wie sie durch die Macht oder die Kraft der Dinge wird, in einem zarten Neuanfang, einer geschärften, erneuerten Aufmerksamkeit an. Das Gleichgewicht ist zerbrechlich. Wie hält es zusammen? Uns, den anderen, das Tier, die Pflanze, die Körper, die Spezies, die Sprachen? Im weiteren Sinne geht es darum, die Erfahrung eines möglichen – individuellen und kollektiven – Wandels zu machen und dem subjektiven Werden Raum zu geben.

English

Alter is permeated by the fragility of living conditions and the exposure of the living to the onset of unexpected situations that upset the balance of past days and call into question daily habits as well as life perspectives. How can an unforeseen event throw the human mind into such confusion that everyone shares the same concern, the same disorientation – for example, in the case of major climate change or a major epidemic? This confusion extends to everything that changes, from the shift in our own feelings to our relationship with other people and the environment. The inevitable, irreversible event imposes unusual living conditions on us and leads to a suspended time without reference points. With Alter, I wanted to say something about this floating time without reference points, and about the confusion – but also the transformation – that it causes within us.

The approach to uncertainty, to unpredictability, led me to create a duration that captures the moment, a tension without a goal that is maintained in the first seven minutes. Voices wander around in shock and bewilderment, speaking in their respective languages of their helpless regret. Unable to choose an existing text, I decided to write simple variations around the word "world", snippets of words sung in French, English, Arabic and Maori. These languages coexist and tell of the loss of a familiar world: "This world, what world? Ours? Theirs? This world!" Beyond the words, phonemes and noisy syllable contractions creep in and change the language – an increasing expression of exasperation and powerlessness.

The first part of Alter is a floating haze, a multiplicity whose edges sometimes foam, sometimes rub against an inscrutable ground. This drifting is in a state of change, of transformation: the instruments, which are often used in pairs, maintain moving layers, a life between the sounds that consists of tiny variations of pitches and timbres. The sounds change through the reciprocity of the neighborhood, which favors the creation of acoustic phenomena such as beats or differential tones. The voice, which is embedded in the instrumental flow, makes its way by means of small deviations and couples itself to the instrumental timbres. Keeping the orchestra permanently in a floating, imperceptible drift proved to be a challenge! I decided to view the orchestral mass as a multitude of horizontal relationships instead of thinking of it in terms of opposites of contrasting blocks. The woodwind and brass players often play in overlapping pairs and control the production of mutual interference, caused by slight variations in pitch, by ear. The tuning of the strings is also finely shifted to produce changes in sound. The mobility of these tiny differences contri butes to the depth of the sound and allows access to a sensitive "sound life". The scordatura of the second violins (ideally distributed in 12 points on a semitone cluster) makes it possible, in a sense, to penetrate the interior of the sound. This approach to the micro-variability of the sound requires attentive listening on the part of the musicians, who again regulate the desired intermodulation phenomena among themselves, beyond the notes and by ear.

This slow drift is suddenly interrupted by the spoken voice, and the orchestra is reduced to a grinding noise played by the strings. The singer now takes the word for herself and reports on her real experiences: "Restricted horizons. Am I alone? How to get through these days?" This radical cut breaks through the daze and draws attention back to a concrete reality, namely that of loneliness, which is experienced minute by minute – a finiteness in the surrounding unreality, in the derealized world of the first part. Again, it was difficult for me to find a suitable text for this situation, and eventually I asked Juliet Fraser to use a text she had written during Covid, and we worked together to bring out the universal meaning – that of isolation and disorientation. This shift from sung to spoken voice is unexpected and dramaturgically essential to give direction to time again: It makes it possible to give space to a subjectivity, something personal – all the more so as here the interpreter evokes her own experience! The experience of a standstill, of uncertainty, of waiting and of passing thoughts. Where does our attention turn when emptiness sets in, when there is no goal, no recognizable arrow to guide our actions? These unusual conditions change and affect our subjectivity, but also favor the emergence of new sensations. Power of mutation, discovery of the strangeness of the world and our need for the Other. I then pursued the thread of the text and reaffirmed the expression of an impetuous desire for otherness. When the singing voice reappeared, accompanied by the slow awakening of the orchestra, the gradual lifting of the orchestral mass now supported it to say "No" and call for collective listening. "Listen!" Until the cry that breaks the spell of torpor a second time.

In the third and final, shorter part, coexistence with the world as it is, as it becomes through the grace or force of things, announces itself in a tender new beginning, a sharpened, renewed attention. The balance is fragile. How does it hold together? Us, the other, the animal, the plant, the bodies, the species, the languages? In a broader sense, it is about experiencing a possible – individual and collective – change and giving space to subjective becoming.