Die Vinyl-Schallplatte, die in der Popkultur wieder auflebt und von einer jüngeren Generation neu entdeckt wird, stellt für alle Hörenden eine zutiefst persönliche und emotionale Erfahrung dar. Seit ich gelernt habe, Schallplatten aufzulegen und die Nadel auf eine Rille zu setzen, bis hin zum Durchstöbern staubiger Kisten nach vergrabenen Schätzen, weiß ich, dass in dem Knistern und Knacksen leerer Rillen der Klang der Vorfreude liegt – sei es ein neugieriges Ohr, das auf das nächste Lied wartet, oder der schnelle Gang zum Plattenspieler, um die Scheibe umzudrehen.
Die Schallplatte ist das Relikt eines Rituals. Ob als Zuhörer:in zu Hause, als DJ auf der Bühne oder als Sammler:in von Raritäten in einem Plattenladen – in den Rillen liegt eine Vielzahl von Versen, Erfahrungen und Emotionen. Die Schallplatte repräsentiert ein Stück Zeit, sowohl im Bezug auf die Geschichte als auch auf den Ort. Manchmal werden Millionen von Menschen angesprochen, manchmal werden nur die Herzen einiger weniger begeisterter Zuhörender erreicht.
Die Vinyl-Schallplatte ist ein wunderschönes Artefakt. Ähnlich wie ein "Scholar’s Rock" (Gelehrtenstein) kann die Schallplatte für uns als Schöpfende und als Hörende zu einem zentralen Punkt werden. Gelehrtensteine (gongshi) werden von chinesischen Intellektuellen seit der Tang-Dynastie sehr geschätzt. Die schönen und einzigartigen Steine werden oft als Fokuspunkt für Denker verwendet und helfen ihnen, ihre Gedanken zu sortieren und zu schärfen. Der Dichter und Maler Mi Fu (1051–1107) aus der Song-Dynastie war ein leidenschaftlicher Sammler von Steinen und kategorisierte sie nach vier Qualitäten: shou (schlanke und anmutige Form), zhou (schroff in Form und Oberfläche), lou und tou (Offenheit und Durchlässigkeit mit durch natürliche Erosion entstandenen Öffnungen).
Mi Fus Methodik liegt meiner neuen Komposition "The Scholar’s Record" zugrunde, die aus dem riesigen Donaueschingen-Archiv des SWR schöpft. Das Stück, das als Quartett aus vier von einem Solisten oder einer Solistin bedienten Turntables konzipiert ist, gestaltet Aufnahmen aus der Geschichte des Festivals radikal um und verwendet dabei verschiedenste Techniken wie Skratching, Beatjuggling oder Turntabletöne. Ausgehend von Fus Kategorisierung stelle ich neue Möglichkeiten der Klassifizierung und Auswertung großer Mengen musikalischer Werke zur Diskussion. "The Scholar’s Record" beleuchtet die kompositorische Ästhetik von Plunderphonics, Musique Concrète und Collage-Formen in einer Live-Performance.
Programm der Donaueschinger Musiktage 2025
English
Resurgent in popular culture and embraced by a younger generation, the vinyl record embodies a deeply personal and emotional experience for all listeners. From learning to turn records over and place a needle on a groove, to digging through dusty crates for buried treasure, I’ve long understood that what lies between the crackle and pop of empty grooves is the sound of anticipation – whether it be a curious ear leaning in to hear the next song or the quick dash over to the turntable to flip the disc over.
The record is a relic of a ritual. Whether you’re a listener at home, a DJ on stage or a collector of rarities in a record store, within those grooves lies a multitude of verses, experiences and emotions. The record represents a slice of time, both in history and place, sometimes connecting with billions of people and sometimes reaching the hearts of just a few keen listeners.
The vinyl record is a beautiful artifact. Much like a "Scholar’s Rock", the record can become a focal point for us as creators and as listeners. Scholar’s Rocks (gongshi) have been prized by Chinese intellectuals since the Tang Dynasty. Beautiful and unique, the stones are often used as a focal point for thinkers, helping them filter and refine their thoughts. The Song dynasty poet and painter Mi Fu (1051–1107) was an avid collector of stones and categorized them according to four rhyming qualities: shou (leaness and gracefulness of form), zhou (wrinkly quality in shape and surface), lou and tou (openness and permeability of channels formed by natural erosion).
Mi Fu’s methodology informs my new composition "The Scholar’s Record", which draws on the tremendous SWR-Donaueschingen archive. Performed as a quartet for four turntables for solo performer, the piece radically transforms recordings from the festival’s history, using myriad techniques including skratching, beatjuggling and turntable tones. Taking Fu’s framework as a reference point, I propose new ways of sorting and evaluating large bodies of musical works. "The Scholar’s Record" considers compositional aesthetics in plunderphonics, musique concrète and collage-forms in a live performance.
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- Donaueschinger Musiktage 2025
- Themen in diesem Beitrag
- Performance: Scholar's Record, Mariam Rezaei, The Scholar's Record - Part II für Turntables
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