Ich höre Klänge – aus der Außenwelt oder aus meinem Inneren. Nach und nach beginnen sie, sich für mich zu einer Struktur zu formen. Dann setze ich mich an den Schreibtisch und versuche, eine Skizze zu entwerfen, in der ich zeitliche Abläufe bestimmter Klangereignisse festhalte.
Aber wie lässt sich das, was ich innerlich höre, in Worte fassen? Was ist die Idee hinter meinem Stück? Die Idee – wie auch bei vielen meiner anderen Werke – besteht darin, einen besonderen musikalischen Raum zu schaffen mit einem eigenen Zeitgefühl. Ich möchte eine Klangreise gestalten – sowohl für mich selbst als hörende Komponistin als auch für das Publikum. Es geht darum, Klänge zu strukturieren, ihre Beziehungen zueinander und ihre Erscheinungsmomente festzuhalten und ihnen eine formale Gestalt zu geben.
Natürlich habe ich eigene Assoziationen während des Komponierens. Doch ich möchte diese nicht mitteilen, weil ich den Hörerinnen und Hörern einen eigenen, persönlichen Zugang zur Musik ermöglichen möchte. Ich möchte ihnen nicht vorgeben, was sie hören "sollen", sondern ihnen die Freiheit lassen, ihr eigenes musikalisches Erleben zu entdecken.
Der Titel "Vivrisses" steht für mich sinnbildlich für Achtsamkeit, feines Gespür und eine gesteigerte Sinneswahrnehmung. All das ist für die Klangwelt dieses Stückes zentral. Dabei geht es nicht nur um das Hören im engeren Sinn, sondern um ein waches, empfindsames Lauschen auf kleinste Veränderungen, Übergänge und Resonanzen. Das Stück versteht sich als Einladung, mit offenem, unvoreingenommenem Ohr in einen Zustand konzentrierter Wahrnehmung einzutreten und so die Tiefe der Klänge in ihrer ganzen Vielschichtigkeit zu erfahren.
Programm der Donaueschinger Musiktage 2025
English
I hear sounds – from the outside world or from within myself. Little by little, they begin to form a structure for me. Then I sit down at my desk and try to create a sketch in which I record the temporal sequences of certain sound events.
But how can I put into words what I hear inside? What is the idea behind my piece? The idea – as with many of my other works – is to create a special musical space with its own sense of time. I want to create a sound journey – both for myself as a listening composer and for the audience. It’s about structuring sounds, capturing their relationships to each other and their moments of appearance and giving them a formal shape.
Of course I have my own associations while composing. But I don't want to share them because I want to give the listeners their own personal access to the music. I don't want to tell them what they "should" hear, but rather give them the freedom to discover their own musical experience.
For me, the title "Vivrisses" symbolizes mindfulness, a refined feeling and heightened sensory perception. All of this is central to the sound world of this piece. It is not just about hearing in the narrower sense, but about alert, sensitive listening for the smallest changes, transitions and resonances. The piece is an invitation to enter a state of concentrated perception with an open, unbiased ear and thus to experience the depth of the sounds in all their complexity.