Donaueschinger Musiktage | Werke des Jahres 2025

Kaja Draksler Octet: Bare, Unfolding. Music to the words of Matsuo Bashō

Für Octet. Konzert bei den Donaueschinger Musiktagen 2025.

Werkkommentar

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Stand

"Bare, Unfolding", ein etwa einstündiges Programm, ist die dritte Reihe von Stücken, die ich für mein Oktett geschrieben habe. Es ist in erster Linie von der japanischen Kangen Gagaku-Musik inspiriert und zu Worten des Haiku-Dichters Matsuo Bashō komponiert.

Gagaku ist eine Form der kaiserlichen Hofmusik in Japan, die sich seit über 1200 Jahren in nahezu authentischer Gestalt erhalten hat. Am meisten haben mich daran der schwere Stillstand und die konstante Spannung beeindruckt sowie die extrem ästhetischen Bewegungen der Musiker, die sie aufführen. Ich war fasziniert vom eigentümlichen Klang des Orchesters, von den langsamen Impulsen, die auf kunstvoll verzierten Trommeln erzeugt werden, und von der Phrasierung der Melodien, die immer leicht unsynchron sind. Ich habe versucht, diese Elemente formal, harmonisch- melodisch und klanglich (z. B. durch Veränderung des Schlagwerks) auf mein Ensemble zu übertragen, wobei ich mich weiterhin auf die Sprache stütze, die wir in den letzten zehn Jahren gemeinsam entwickelt haben.

Die Wahl des Dichters war fast zufällig. Ich wollte lange Stücke über kurze Texte schreiben, und das Haiku schien mir mit seinem Rhythmus, seinen Motiven und seinen Metaphern perfekt dafür. Ich fand Bashō in einer Art Gedichtanthologie. Er ist in der Tat einer der berühmtesten Haiku-Lyriker überhaupt, aber das wurde mir erst später bewusst. Ich habe seine Gedichte größtenteils beibehalten, jedoch gibt es auch Stücke, in denen ich der Vielseitigkeit halber einige Worte neu angeordnet, Wiederholungen hinzugefügt oder den Text frei umgestellt habe.

Haikus schaffen es, mit einfachen Bildern eine abstrakte Dimension zu eröffnen. Sie malen mit ruhigem Rhythmus und vermitteln Stillstand, Weite und die Vergänglichkeit von allem auf der Welt. Einen Stillstand, der fast bis zur Erstarrung reicht, finde ich auch in der Gagaku-Musik, vor allem in der Wahrnehmung der Zeit. Dies war eine der faszinierendsten Erfahrungen beim Hören dieser Musik, und daher auch der Titel "Bare, Unfolding".

Ausgewählte Gedichte von Matsuo Bashō

Kirschblüten-
leuchten
der vergangenen Jahre.

Komm, sieh die wahren
Blumen
dieser schmerzhaften Welt.

Die Feldlerche singt den ganzen
Tag, und der Tag
ist nicht lang genug.

In Kyōto,
wenn ich den Kuckuck höre,
sehne ich mich nach Kyōto.

Aus Frühlingsluft
gewobener Mond
und Pflaumenduft.

Herbstabend bitt
wende dich an mich. Auch ich
bin fremd.

Ist er zurückgekehrt,
der Schnee,
den wir gemeinsam betrachteten?

English

A repertoire of roughly an hour in length, "Bare, Unfolding" is the third set of pieces I wrote for my octet. It is primarily inspired by Japanese Kangen Gagaku music and written to the words of haiku poet Matsuo Bashō.

Gagaku is a form of Imperial court music from Japan, preserved in rather authentic form for over 1200 years. What resonated with me most was the quality of heavy stillness and constant tension, and, visually, the incredibly aesthetic movements of the musicians performing it. I was fascinated by the peculiar sound of the orchestra, the slow pulses they produce on their carefully ornamented drums, and their phrasing of melodies, slightly out of sync. I’ve tried to transcribe these elements for my ensemble, formally, harmomelodically and sonically (e.g. by altering the drum set), while still leaning on the language we’ve developed together in the past ten years.

The choice of the poet was near coincidental. I was interested in writing long pieces on short texts, and haiku seemed a perfect choice, with its rhythm, motifs and metaphors. I found Bashō in a sort of poetry anthology. Indeed, he is one of the most celebrated haiku writers, but I only learned that later. While I mostly kept his poems intact, there are pieces in which, for the sake of versatility, I rearranged some of the words, adding repetitions or permutating the text freely.

Haikus manage to reach into the abstract with plain imagery, they paint with calm rhythm and convey stillness, vastness, and the transient nature of everything on Earth. I find this stillness, this inertia even, in Gagaku as well, especially in the perception of time, which was one of the most intriguing experiences while listening to this music – therefore the title, "Bare, Unfolding".

Selected poems by Matsuo Bashō

Cherry blossoms-
light
of years past.

Come, see rea
flowers
of this painful world.

Skylark sings all
day, and day
not long enough.

In Kyōto,
hearing the cuckoo,
I long for Kyōto.

Spring air-
woven moon
and plum scent.

Autumn eve please
turn to me. I,
too, am stranger.

Has it returned,
the snow
we viewed together?