Donaueschinger Musiktage | Werke des Jahres 2025

Naomi Pinnock: I put lines down and wipe them away

Für Orchester. Uraufführung bei den Donaueschinger Musiktagen 2025.

Werkkommentar

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Stand

An der Wand hinter meinem Schreibtisch sind Bilder, Zitate und Worte in einer rein zufälligen Reihenfolge aufgeklebt.

Anne Carson, Robert Morris, Amy Sillman und ich.

Die Verschmelzung der Ideen dieser Kunstschaffenden mit meinen eigenen wird zu einer Art Gespräch im kreativen Prozess. Ihre und meine Ideen konvergieren, breiten sich aus und gehen in meiner Komposition in andere Richtungen weiter. Ich weiß nicht immer, warum ich bestimmte Linien, Worte oder Bilder auswähle, aber oft gibt es einen Faden, der sie verbindet.

Handschrift, Zeichnung, die Verbindung zwischen Hand und Gehirn sind einige der Dinge, die sie gemeinsam zu haben scheinen. Anne Carson berichtet in der "London Review of Books", wie sie aufgrund ihrer fortschreitenden Parkinson-Krankheit die Fähigkeit verliert, mit der Hand zu schreiben, und wie unsere Handschrift von unserem Gehirn gesteuert wird: "Deine Handschrift ist dein Gehirn, und dein Gehirn bist du."

Ab 1973 begann der Künstler Robert Morris mit einer fortlaufenden Serie mit dem Titel "Blind Time Drawings". Jedes Werk entsteht, ohne dass er hinschaut. Das Ziel ist, diese Aufgabe in einem bestimmten Zeitrahmen zu bewältigen, wobei eine Vorgabe gemacht wird, wie vorzugehen ist. Oft besteht die Vorgabe darin, eine Geste immer und immer wieder zu wiederholen. Das Scheitern ist dabei vorprogrammiert: Es ist unmöglich, dieselbe Geste perfekt nachzumachen. Und dieser Prozess, dieses Scheitern, ist ebenso Teil der Arbeit wie die endgültige Zeichnung selbst.

Ich fühle mich von der Unmöglichkeit der Wiederholung angezogen. Menschliches Versagen. Geringfügige Verschiebungen in der Instrumentierung oder in der Länge der Noten. Ich versuche, ein Patchwork aus ähnlichem Material zu schaffen, das oszilliert oder überlagert wird, unterstützt durch anschwellende Akkorde, die sich ein- und ausschwingen und einen sich verändernden Farbteppich erzeugen. Dinge erscheinen, verschwinden und tauchen wieder auf; kratzende, schleifende Klänge stoßen auf gläserne Akkorde; staubige Erosion trägt Schichten ab.

Amy Sillman arbeitet in Schichten. Unter einem fertigen Gemälde befinden sich möglicherweise Dutzende anderer potenzieller Gemälde; Schichten, die überdeckt wurden; Wege, die nicht gewählt wurden; eine intensive Suche nach auftauchenden Formen. In den Strichen, Spritzern, Kratzern und Flecken führt der Körper den Geist.

Die Skizzen, Zeichnungen und Botschaften an meiner Wand sind wie Wegweiser. Sie sind Steine zum Anfassen für die manchmal blinde Reise des Schaffens. In ihrem Essay "AbEx and Disco Balls" schreibt Sillman: "Während wir in eine Zeit eintreten, in der sogar Bleistiftschmierereien eine zunehmend exotisierte Sache der Vergangenheit sind, ist die Welt immer noch taktil und materiell. Sie zu berühren heißt, sie zu kennen."

English

On the wall behind my desk are images, quotes and words taped up in a mostly random order.

Anne Carson, Robert Morris, Amy Sillman and me.

The mingling of these makers’ ideas with my own becomes a kind of conversation in the process of creating. Their ideas and mine converge, splay out and continue off in tangents in my composition. I don’t always know why I pick out certain lines, words or images, but there is often a thread of similarity that joins them.

Handwriting, drawing, the hand-brain connection are some of the things that they seem to have in common. Anne Carson, writing in the "London Review of Books" tells of how, due to progressive Parkinson’s disease, she is losing her ability to write with her hand, how our style of handwriting is controlled by our brains: "Your handwriting is your brain, and your brain is you."

From 1973, artist Robert Morris began to make an ongoing series called "Blind Time Drawings". Each work is made without looking and, with an assignment of how to proceed set out, the aim is to attempt to complete this task in a given timeframe. Often the assignment is to repeat a gesture over and over. Failure is baked in: it is impossible to perfectly recreate the same gesture. And this process, this failure, is as much part of the work as the final drawing itself.

I am drawn to the impossibility of repetition. Human error. Slight shifts of instrumentation or lengths of notes. I’m looking to create a patchwork of similar materials, oscillating or overlayed, aided by swells of chords, moving in and out, creating a shifting wash of color. Things appear, disappear and reappear; scratching, brushing sounds bump up against glassy chords; dusty erosion wears away layers.

Amy Sillman works in layers. Underneath a final painting are possibly dozens of other potential paintings, layers that have been covered, paths that have not been chosen, a visceral searching for emergent shapes. In the strokes, spills, scrapes and stains, the body leads the mind.

The scribbles, drawings and messages on my wall are like guideposts. They are stones to touch for the sometimes blind journey of making. In her essay "AbEx and Disco Balls", Sillman writes: "As we pass into a time when pencil smudges themselves are an increasingly exoticized thing of the past, the world is still tactile and material. To touch it is to know it."