Donaueschinger Musiktage | Werke des Jahres 2025

Turgut Erçetin: There recedes a silence, faceting beyond enclosures

Für Klarinette und Orchester. Uraufführung bei den Donaueschinger Musiktagen 2025.

Werkkommentar

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Stand

Inspiriert von der Architektur der anatolischen Seldschuken aus dem 13. Jahrhundert, geht dieses Werk der Frage nach, wie komplexe Geometrien in derartigen Räumen dazu beitragen können, die Zwischen-Räume akustischer Architekturen neu zu denken. Es vergegenwärtigt, wie solche komplexen Kompositionen aus Steinmetzarbeiten Licht und Schatten in einer Art aktivieren, dass durch Bewegungen zwischen zwei- und dreidimensionalen Ebenen virtuelle Gebilde zum Vorschein kommen und vielleicht sogar Räume jenseits von begrenzten Bereichen entstehen.

Architektonische Umgestaltungen und die diesem Werk zugrunde liegende Recherche dienen daher weder der Geschichtsschreibung noch der Rekonstruktion einer fixen historischen Erzählung. Es handelt sich vielmehr um den Versuch, die Gegebenheiten von Hinterlassenschaften vorheriger Generationen sowie das darin entstehende Virtuelle aufzuzeigen, wobei das Virtuelle nicht als etwas "Nicht-Reales" verstanden wird, sondern als eine Möglichkeit, all jenes anzusprechen, was das politische Jetzt einfach als etwas "Reales" voraussetzt.

In der Absicht, über Räume jenseits von begrenzten Bereichen nachzudenken, aktiviert dieses Werk Klangfarbe zusammen mit einer Hypergeometrie, die über die übliche Dreidimensionalität hinausgeht. Es bezieht sich etwa auf die Architektur der Eşrefoğlu Camii und der Sivas Divriği Ulu Camii ve Şifahanesi aus dem 13. Jahrhundert und beschäftigt sich dabei nicht nur mit Klang, sondern auch mit Stille – nicht als Momente, in denen kein Klang vorhanden ist, sondern als Einstiegspunkte, an denen sich gleichzeitige räumliche Ereignisse ausdehnen, ähnlich wie sich Schatten über die Negation von Licht als Einstiegspunkt in den Raum ausdehnt und dabei über die Dreidimensionalität hinausgeht.

Das, was ich ursprünglich als Konzert gedacht hatte, verwandelte sich im Laufe meiner Recherchen über die Hypergeometrie in Bezug auf Architektur und Raumakustik. Es eröffneten sich andere Möglichkeiten als ein Konzert für ein Werk, das aus einem Soloinstrument und einem Orchester besteht. Es taten sich Wege auf, wie solche Formen räumlicher Ereignisse durch Klang und Stille zu Spuren ihrer selbst verblassen können. Sie hören auf, als Ursprungspunkte zu existieren, und dringen in Räume jenseits von Begrenzungen vor, ohne dabei die unbegrenzten Gleichzeitigkeiten zu vernachlässigen, die dort ihre Spuren hinterlassen.

English

Informed by the design used for thirteenth-century Anatolian Seljuk architecture, this work explores how complex geometries in such spaces can contribute to rethinking the interstitial spaces of acoustic architectures. It reimagines how the intricate compositions of stone carvings can activate light and shadow in such a way that, through shifting movement between two- and three-dimensional planes, virtual modes, entities and perhaps even the spaces beyond confined areas are allowed to emerge.

Architectural remodeling and the research underlying this work, therefore, serve neither as a history-writing exercise nor as the reconstruction of a fixed historical narrative. Rather, it is an attempt to reveal the realities of the legacies of previous generations and the virtual elements that emerge within them. The virtual is understood not as something "non-real", but as a way of addressing everything that the political present simply presupposes as something "real".

In an effort to reflect on space beyond limited realms, this work activates timbre together with a hyper-geometry which transcends conventional three-dimensionality. Drawing on the architecture of the thirteenth-century Eşrefoğlu Camii and the Sivas Divriği Ulu Camii ve Şifahanesi, it engages not only with sound but also with silence – not as moments where sound is absent, but as entry points where concurrent spatial events expand, much as shadow expands beyond the negation of light as an entry point into space, thereby transcending three-dimensionality.

What I originally intended as a concerto transformed during the course of my research into hyper-geometry, in relation to architecture and embodied acoustics. It opened up possibilities other than a concerto for a work that is comprised of a solo instrument and orchestra. It also revealed ways in which such modes of spatial events can fade into traces of themselves through sound and silence – ceasing to exist solely as points of origin and expanding into spaces beyond boundaries, without neglecting the infinite simultaneities that leave their traces there.