Simone de Beauvoir hat es als Erste gewusst: „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es“. Das schreibt die Philosophin, Schriftstellerin und Frauenrechtlerin 1949 in ihrem epochalen Werk Das andere Geschlecht. Ob die erste Vertreterin der Gendertheorie dabei auch an die Oper gedacht hat, die gut sieben Jahrzehnte zuvor mit dem Bild einer freien, sozial wie sexuell emanzipierten Frau die patriarchalisch geprägte bürgerliche Gesellschaft empört hatte?
Wir wissen es nicht. Wir wissen nur, dass Georges Bizets Carmen die Oper ist, die an deutschen Opernhäusern am zweithäufigsten auf dem Spielplan steht – nach Mozarts Die Zauberflöte. Carmen ist also unsterblich. Beim Versuch, das Stück politisch korrekt in unsere Zeit zu überführen, haben sich allerdings schon unzählige Regisseurinnen und Regisseure die Zähne ausgebissen, denn ebenso unsterblich wie die Oper selbst sind die Klischees, mit denen die Titelheldin kontaminiert ist. In Prosper Mérimées Novelle, die Bizets Librettisten Henri Meilhac und Ludovic Halévy als Vorlage diente, wird Carmen mal als Andalusierin bezeichnet, mal als Maurin, Jüdin und schließlich als Roma. Vor allem das „Zigeuner“-Image ist ihr geblieben – und mit ihm die Stereotypen von Temperament, Wildheit, Freiheitsliebe, Amoralität und Kriminalität. Indem Bizet, der übrigens selbst nie in Spanien war, all dies wirkungsvoll in (ebenfalls oft ziemlich klischeereiche) Klänge setzt, macht er den großen Konflikt der Oper möglich: Hier die tanzbaren, oft fast chansonartigen Arien Carmens mit ihrer sinnlichen Chromatik, dort die harmonisch saubere lyrische Attitüde rund um Don José. Denn wie in fast allen Opern geht es auch in Carmen um das größte aller Gefühle.
Die Liebe scheitert. Die emanzipierte Frau und Femme fatale auf der einen Seite und der pflichtbewusste, zuweilen fast neurotisch wirkende Soldat auf der anderen: Das passt einfach nicht zusammen. Und nicht nur das. Der Konflikt zwischen beiden Menschen und Prinzipien eskaliert derart, dass nur der Tod ihn beenden kann, und es gehört mit zur Tragik des Stücks, dass der verzweifelte Messerstich im Finale Don Josés erste wirklich aktive Handlung ist. Vorher war er getrieben, ein bloßes Objekt von Carmens spielerischem erotischem Begehren; jetzt ist er aktives Subjekt. Oder, um eine weitere Plattitüde zu bemühen: Jetzt ist er endlich Manns genug. Jetzt ist der Mann ein Mann. Oder …?
Diese Frage bringt uns zurück zu Simone de Beauvoir. Und auf die These der Gendertheorie, dass es neben dem biologischen Geschlecht auch ein soziales, gesellschaftlich konstruiertes gibt, das unabhängig ist von biologischen Merkmalen und von entsprechenden Zuschreibungen. Auf dieser Grundlage entstand CarMEN: als launiger Versuch, die vielfachen Klischees rund um die Titelheldin aufzubrechen und dabei auch geschlechtsspezifische Verhaltensmuster zu hinterfragen. Warum sollen eigentlich nur Frauen kokett sein und verführen können? Und ist Don José in der Oper nicht viel verletzlicher und viel zärtlicher als die Frau, der er verfällt?
Die Tatsache, dass Männer, die in hoher Stimmlage singen, heute ganz selbstverständlich zum Musikleben dazugehören, hilft in CarMEN bei der spielerischen Umkehr der Verhältnisse. Außerdem ist Maayan Licht ein ganz besonderer Vertreter seiner Zunft, denn er erreicht die Kopfstimme nicht durch kunstvolles Falsettieren, sondern hat sich die Sopranstimme seiner Kindertage erhalten. Deshalb bezeichnet er sich auch nicht als Countertenor, sondern als Sopranista. CarMEN ist eine gekürzte Kammeropern-Version von Carmen. Die „Greatest Hits“ der Oper sind zu hören, aber Micaëla und Escamillo gibt’s hier nicht, also auch keine Rivalität, kein Machogehabe des Stierkämpfers, keinen Gewissenskonflikt. Auf der Bühne sitzen und stehen fünf Instrumentalist:innen an Klarinette, Cello, Violine, vierhändig gespieltem Klavier. Dazu kommen Dragqueens. Der Heldentenor Mitch Raemaekers ist Don José. Und Maayan Licht ist – ja, was?
Licht ist ein Mann, der mit einer Frauenstimme einen Mann singt. Nein, falsch. Er ist ein Mann, der mit einer Männerstimme eine Frau singt. Nein, auch falsch. Er ist ein Mensch, der über Liebe und Freiheit singt. Ein Mann liebt einen Mann, doch das spielt keine Rolle. Verschwunden ist alles, was nach toxischen alten Männerfantasien müffelte. Am Ende stirbt einer in den Armen des anderen, und das kann uns zu Tränen rühren. „Frei ist sie geboren, frei wird sie sterben“: Das hat die Titelheldin über sich selbst gesungen. Carmen ist für alle da, und CarMEN kann’s beweisen.
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