INHALT
Termin
Besetzung
Programm
Programmtext
Interpret:innen
Festspielkalender
Service
TERMIN
Samstag, 16. Mai 2026, 19:30 Uhr
Schloss Schwetzingen, Rokokotheater
Sendung am Freitag, 5. Juni 2026, 13:05 Uhr in SWR Kultur und zum Nachhören auf SWRKultur.de
BESETZUNG
Maayan Licht Sopranist
Joel von Lerber Harfe
PROGRAMM
Antonio Vivaldi
1678 – 1741
„Vedrò con mio diletto“ /
Arie des Anastasio aus „Il Giustino“. Dramma per musica in 3 Akten RV 717
Georg Friedrich Händel
1685 – 1759
„Rejoice greatly, O daughter of Zion“
Arie aus dem Oratorium „Messiah“ HWV 56
Bedřich Smetana
1824 – 1884
„Die Moldau“
Sinfonische Dichtung aus dem Zyklus „Mein Vaterland“
Bearbeitung für Harfe von Hanuš Trneček
Reynaldo Hahn
1874 – 1947
„À Chloris“
Gabriel Fauré
1845 – 1924
„Après un rêve“ op. 7 Nr. 1
„Le papillon et la fleur“ op. 1 Nr. 1
„Chanson d’amour“ op. 27 Nr. 1
Georg Friedrich Händel
„Crude furie degl’orridi abissi“
Arie des Serse aus „Serse“. Dramma per musica in 3 Akten HWV 40
PAUSE
Georg Friedrich Händel
„Venti, turbini, prestate“
Arie des Rinaldo aus „Rinaldo“. Opera seria in 3 Akten HWV 7
„Lascia ch’io pianga“
Arie der Almirena aus „Rinaldo“ HWV 7
Ekaterina Walter-Kühne
1870 – 1931
Fantasie über Themen aus der Oper „Eugen Onegin“ von Tschaikowsky
Marcel Georges Lucien Grandjany
1891 – 1975
„The Colorado Trail“. Fantasie für Harfe op. 28
Georg Friedrich Händel
„Brilla nell’alma“
Arie aus „Alessandro“. Dramma per musica in 3 Akten HWV 21
Georges Bizet
1838 – 1875
Habanera
aus „Carmen“. Opéra-comique in 4 Akten
Wütende Herrscher, weinende Frauen
Es ist auch ein Spiel: mit Erwartungen und mit Geschlechterrollen. Wenn ein Mann in einer Stimmlage singt, die man gemeinhin mit einer Frau verbindet, dann wirbelt dies Traditionen und Klischees durcheinander. So gesehen wohnt in jedem Countertenor ein Revolutionär. Seine Waffe ist (meist) das Falsett, also eine künstlich erreichte Kopfstimme. Historische Vorbilder der Countertenöre sind Kastraten, die vor allem im 17. Jahrhundert, aber noch bis ins 19. Jahrhundert hinein die Musikwelt mit jener hellen Knabenstimme faszinierten, die sich nach der vorpubertären Entfernung ihrer Hoden erhielt. Das ist – zum Glück! – heute nicht mehr üblich. Aber die Faszination für die hohe Männerstimme hat sich erhalten: Der Countertenor gilt als Prototyp des Androgynen, das sich in schillernder Fremdheit zwischen den Geschlechtern bewegt.
Maayan Licht nennt sich „Sopranista“, und er spielt gerne. Das gilt auch für den Duoabend, den er gemeinsam mit Joel von Lerber gestaltet. Der ist nämlich Harfenist, dringt also ebenfalls ein in eine traditionelle Domäne der Frauen. Die Tatsache, dass die Konzertharfe mit einem Gewicht von bis zu 50 Kilogramm eines der schwersten Orchesterinstrumente ist und außerdem viel Kraft beim Zupfen einfordert, passt dazu zwar gar nicht, wohl aber entspricht das klangliche Ergebnis dem Klischee des Weiblichen, denn die Harfe klingt zart.
Es ist also schlüssig, dass das Programm von Maayan Licht und Joel von Lerber ein Programm der Kontraste ist. Im Zentrum stehen Werke der Barockzeit, und zu den damals aktiven Meistern der Gegensätze gehören Antonio Vivaldi und Georg Friedrich Händel. Beide haben aus den historischen Begebenheiten rund um den byzantinischen Kaiser Anastasios, dessen Gattin Ariadne (Arianna) und um den bäuerlichen Nachfolger Anastasios, Justin I. (Giustino) eine Oper gemacht. Von Vivaldis Giustino, dessen Partien damals allesamt von Kastraten gesungen wurden, hören wir die Arie des Anastasio „Vedrò con mio diletto“, in der er vor dem Aufbruch in den Krieg seine Liebe zu Arianna besingt: als Larghetto, sanft begleitet nur von weichen Streichern und Bass.
Die berühmteste von Händels Arien ist gleichzeitig auch die tränenreichste: In „Lascia ch’io pianga“ aus der Oper Rinaldo beweint die von einer Zauberin gefangene Christin Almirena ihr Los zum getragenen Rhythmus einer Sarabande. Außerdem vermitteln die gliedernden Pausen den Eindruck des Schluchzens. Das ist erstaunlich, denn Händel hat die Musik zuvor schon zwei Mal in ganz anderen Zusammenhängen verwendet, zuletzt mit dem Text „Lascia la spina, coglie le rose“ („Lasse die Dornen, pflücke die Rose“) als Arie des Vergnügens in seinem Oratorium Il trionfo del Tempo e del Disinganno. Fazit Nr. 1: Die unkaputtbare Melodie hat eine hohe Resilienz. Nr. 2: Auch multifunktionale Robustheit kann uns tief berühren. So etwas gelingt nur einem ganz großen Künstler.
Die zweite Arie aus Händels Rinaldo erinnert uns daran, dass es in dieser Oper zuallererst um einen Kreuzritter geht: In „Venti, turbini, prestate“ bittet der Titelheld die Winde um Hilfe bei der Befreiung seiner Geliebten. Die letzte Arie des Serse (Xerxes) aus Händels gleichnamiger Oper ist von ähnlicher Energie, denn in „Crude furie degl’orridi abissi“ erleben wir einen aus heutiger Sicht wohl borderlinigen Perserkönig, der erst am Ende des Stücks zu jener Ruhe zurückfindet, die seine berühmte erste Arie „Ombra mai fu“ ausstrahlt. Mit „Brilla nell’alma“ schließlich singt Maayan Licht nicht etwa eine Arie des Titelhelden aus Händels Oper Alessandro (diese Partie hat 1726 der berühmte Kastrat Senesino verkörpert), sondern leiht der Prinzessin Rossane seine Sopranstimme. Auch diese Partie war bei der Uraufführung mit der gefeierten Sopranistin Faustina Bordoni prominent besetzt – dass deren direkte Konkurrentin Francesca Cuzzoni in Alessandro die zweite Sopranpartie übernahm, dürfte Händel allerdings einigen Schweiß gekostet haben, denn weil er es sich mit keiner der Diven verderben wollte, hat er die zeitliche Dauer wie den virtuosen Glanz der beiden Partien minuziös ausbalanciert.
Zu hören sind auch Lieder von Gabriel Fauré und Reynaldo Hahns Ohrwurm À Chloris. Dazwischen lässt die Harfe allein Smetanas Moldau fließen, erinnert an Eugen Onegin und bringt in Marcel Grandjanys Colorado Trail indigene Melodien Nordamerikas mit Klängen zusammen, die an Debussy erinnern – und an dessen Nonkonformismus. „Warum“, hat Debussy einmal gefragt, „soll ich Regeln beachten, die andere Menschen vor 200 Jahren für Menschen gemacht haben?“ In diesem Sinne: Weg mit den Klischees, her mit der Freiheit – spielen wir weiter!
INTERPRET:INNEN
FESTSPIELKALENDER
Haben Sie Interesse an weiteren Konzerten der Schwetzinger SWR Festspiele? Diese finden Sie in unserem Festspielkalender.
SERVICE
Newsletter
Bleiben Sie immer auf dem Laufenden: In unserem Newsletter finden Sie aktuelle Informationen rund um die Schwetzinger SWR Festspiele. Anmeldung hier.
Sonstige Informationen
Wir bitten Sie, alle mitgebrachten elektronischen Geräte aus- und Mobiltelefone unbedingt stumm, auf „Nicht stören“ oder in den Flugmodus zu schalten.
Konzertbesucher:innen mit Hörgeräten möchten wir freundlich darauf hinweisen, auf die richtige Einstellung ihrer Geräte zu achten. Diese können sonst Störgeräusche verursachen.
Bild- und Tonaufnahmen sind aus urheberrechtlichen Gründen nicht gestattet.
Impressum
Veranstalter & Herausgeber: Schwetzinger SWR Festspiele gGmbH
Künstlerische Leitung & Geschäftsführung: Cornelia Bend
Redaktion: Otto Hagedorn
Text: Susanne Benda