INHALT
Termin
Besetzung
Programm
Programmtext
Interpret:innen
Festspielkalender
Service
TERMIN
Freitag, 15. Mai 2026, 19:30 Uhr
Schloss Schwetzingen, Rokokotheater
Einführung
Susanne Benda im Gespräch mit Florian Vogel (Kleist Forum)
18:30 Uhr, Kammermusiksaal
Sendung am Freitag, 29. Mai, 13:05 Uhr in SWR Kultur und zum Nachhören auf SWRKultur.de
BESETZUNG
Boris Aljinović Text, Lesung
Christoph Enzel Arrangements, Komposition
CLAIR-OBSCUR SAXOPHONQUARTETT
Carlos Giménez Sopransaxophon
Maike Krullmann Altsaxophon
Christoph Enzel Tenorsaxophon
Kathi Wagner Baritonsaxophon
PROGRAMM
Die Fledermaus
Frei nach der Operette von Johann Strauss
Von und mit Boris Aljinović und dem clair-obscur saxophonquartett
Eine Produktion des Kleist Forums
Glücklich ist, wer vergisst …
Wenn, wie schon die Römer behaupteten, im Wein die Wahrheit liegt, was liegt dann im Champagner? Geht es nach Johann Strauss, dem wohl schaumweinbesessensten aller Komponisten, dann ist dieses Getränk nichts weniger als ein Überlebenselixier. Will sagen: Eine total durchgeknallte Welt ist nur in total durchgeknalltem Zustand zu ertragen. Und wie ließe sich dieser besser erreichen als in permanentem Alkoholnebel? Kaum auszudenken, wohin uns die Handlung der berühmtesten und erfolgreichsten aller Operetten geführt hätte, wären in Die Fledermaus alle beteiligten Personen nüchtern gewesen. So aber wird Champagner zur Dauerdroge bei einer Party, die nichts weniger feiert als eine gigantische Illusion: nämlich die kapitalistische Utopie eines ungehemmten Konsums. Eine durch und durch amoralische Gesellschaft säuft sich ihre Sünden schön – oder verdrängt diese aus ihrem dumpfen Kopf und singt lieber laut „Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist“. Was nebenbei auch ohne Promille keine schlechte Lebensweisheit ist.
Doch beginnen wir mit dem Anfang. 1874 hat Johann Strauss in Wien eine Operette über ein Ehepaar geschrieben, das sich gegenseitig betrügt. Herr Eisenstein muss eigentlich ein paar Tage in den Knast, kehrt aber zuvor noch bei einer verruchten Party ein; derweil wird der Liebhaber von Frau Eisenstein an seiner Stelle eingelocht. Auf der Party treffen sich alle, allerdings mehr oder weniger maskiert. Am Ende treffen sie sich im Gefängnis wieder, lallen gemeinsam im Dreivierteltakt. Fertig, aus. Dass Johann Strauss für dieses Meisterwerk des Fin de Siècle eine Musik erfunden hat, die man sich mitreißender, süßer, verführerischer nicht hätte denken können: Das mag man, wie damals der Wiener Großkritiker Eduard Hanslick, verurteilen („Ein unlösbares Räthsel bleibt es uns, dass man für solche Worte Musik haben kann“). Man kann es aber auch für das Unglaublichste und das Spannendste an diesem unsterblichen Stück Musiktheater halten. Hier Lug, Trug und grenzenloser Hedonismus, dort feinste Klangkunst, schwebender Walzer, glückselige Polka: Diese Reibung kann einen wahlweise wahnsinnig machen oder alkoholkrank.
Oder beides. Zumindest im Falle des Gefängniswärters Frosch ist das ernsthaft zu befürchten. Er ist neben einem Kammerdiener die einzige Sprechrolle der Operette (dass der Mangel an gesanglichem Talent mit dem exzessiven Slibowitz-Konsum des armen Tropfs zu tun hat, ist anzunehmen, aber nicht belegt). Der Schauspieler Boris Aljinović erzählt in seiner Fassung der Fledermaus die Geschichte des Stücks sozusagen aus der Frosch-Perspektive. Für das musikalische – man könnte auch sagen: das liederliche – Drumherum, das nicht nur die Hits der Operette enthält, sorgt das clair-obscur saxophonquartett. Die Bearbeitung von Christoph Enzel ist sogar historisch zu rechtfertigen, denn Johann Strauss hat bei seinen Werken meist nur die Melodien erfunden – den Rest besorgten Kollegen, im Fall der Fledermaus der Wiener Kapellmeister und Komponist Richard Genée, der auch das Libretto eingerichtet hat.
Der Gesang bleibt an diesem Abend außen vor, damit ein paar Geschichten rund um die Geschichte Platz finden. Schließlich lohnt es, sich über den Reichtum der Eisensteins Gedanken zu machen, über Orlofsky, den „reichsten, schillerndsten Russen in Wien“, und über den Wert echter Freunde, die man, so Aljinović, „daran erkennt, dass sie immer auftauchen, wenn man sie nicht brauchen kann“. Überdies dürfen wir der überraschenden Vermählung zweier Worte beiwohnen: „selige Verlogenheit“. In der Fledermaus wohnt diese in jeder Begegnung, jedem Takt Musik: „Man belügt jemanden“, stellt Aljinović fest, „und freut sich, weil das Ergebnis für den anderen ja auch gut ist“.
Und überhaupt: „Vielleicht ist Glück ja gar nicht Wahrheit, sondern einfach mal die Pause davon.“ Um dies zu verstehen, muss man keinen Champagner getrunken haben. Aber es hilft, vor allem dann, wenn man einen Schuldigen für all den Mist sucht, den man selbst angestellt hat. Am Ende dieser „stark gekürzten und leicht gewürzten“ Version dieser Operette taucht übrigens eine Figur auf, die es im Original nicht gibt. Jedenfalls nicht innendrin. Aber wir wollen nicht zu viel verraten. Sondern am Ende nur noch eine Triggerwarnung loswerden: Mancher, der während eines turbulenten Maskenballs einschlummert, findet sich im Gefängnis wieder. Und mancher, dem in einer hübschen Operette die Augen zufallen, findet sich beim Aufwachen in einem sterilen Labor wieder. Dort forscht man über Aufklärung, menschliche Vernunft, Emotionen, Projektion, Moral. Und über eine Weisheit, der sogar der eher unlustige Arthur Schopenhauer zugestimmt haben dürfte: „Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist.“ Na, denn: prost!
INTERPRET:INNEN
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Veranstalter & Herausgeber: Schwetzinger SWR Festspiele gGmbH
Künstlerische Leitung & Geschäftsführung: Cornelia Bend
Redaktion: Otto Hagedorn
Text: Susanne Benda