INHALT
Termin
Besetzung
Programm
Programmtext
Interpret:innen
Festspielkalender
Service
TERMIN
Freitag, 8. Mai 2026, 19:30 Uhr
Schloss Schwetzingen, Rokokotheater
Einführung
Susanne Benda im Gespräch mit Jörg Halubek
18:30 Uhr, Kammermusiksaal
Sendung am Freitag, 15. Mai 2026, 13:05 Uhr in SWR Kultur und zum Nachhören auf SWRKultur.de
BESETZUNG
Jiayu Jin Sopran
Anna van Aken Sprecherin
IL GUSTO BAROCCO
Jörg Halubek Musikalische Leitung, Cembalo
Anaïs Chen Violine
Aliza Vicente Violine
Jonathan Pešek Viola da Gamba
Chiara Granata Harfe
PROGRAMM
PROLOG
Gedicht
Sibylla Schwarz
1621 – 1638
„Das Joch der Liebe“
I. EURYDIKE – NYMPHE UND GELIEBTE
Giulio Caccini
1551 – 1618
„Amarilli, mia bella“
Arie aus „Le nuove musiche“ (1602)
Barbara Strozzi
1619 – 1677
„Amor dormiglione“
Arie aus „Ariette e Duetti“ op. 2 (1651)
Claudio Monteverdi
1567 – 1643
„Quel sguardo sdegnosetto“
Scherzo SV 247 aus „Scherzi musicali a una e due voci“ (1607)
Biagio Marini
1594 – 1663
„Sonata sopra Fuggi dolente core“ aus „Diversi generi di Sonate, da chiesa, e da camera“ op. 22 (1655)
Gedicht
Louise Labé
1524 – 1566
Sonett VIII: „Ich lebe, ich sterbe“
II. DER TOD – DER SCHLANGENBISS
Barbara Strozzi
„Lagrime mie“
Lamento aus „Diporti di Euterpe, overo Cantate e ariette a voce sola“ op. 7 (1658)
Biagio Marini
Sinfonia grave „La Zorzi“
Nr. 6 aus „Affetti musicali, symphonie, canzon, sonate, balletti, arie, brandi, gagliarde e Correnti“ op. 1 (1617)
Gedicht
Sor Juana Inés de la Cruz
1648 – 1695
„Rosa divina que en gentil cultura“
III. EURIDICE IN DER UNTERWELT
Claudio Monteverdi
„Io non dirò qual sia la pena del morire“
Arie der Euridice aus „L’Orfeo“. Favola in musica in einem Prolog und 5 Akten SV 318 (1607)
Carlo Gesualdo
1566 – 1613
„Moro, lasso al mio duolo“
Madrigal Nr. 17 aus dem 6. Buch der Madrigale (1611)
Claudio Monteverdi
„Ahi, vista troppo dolce“
Arie der Eurydike aus „L’Orfeo“ (4. Akt)
Tarquinio Merula
1595 – 1665
„Ballo detto Eccardo“
aus „Canzoni overo Sonate concertate per chiesa e camera“ op. 12
Gedicht
Gaspara Stampa
1523 – 1554
Rime – XCV
IV. VERLUST – HOFFNUNGSLOSIGKEIT
Francesco Cavalli
1602 – 1676
„Volgi, deh volgi il piede“
Arie aus „Gli amori d’Apollo e di Dafne“.
Oper in einem Prolog und 3 Akten (1640)
Giovanni Battista Fontana
1589 – 1630
Sonate Nr. 7 aus „Sonate á 1, 2, 3 per il violino, o cornetto, fagotto, chitarone, violoncino o simile altro istromento“ op. post. (1641)
Gedicht
Gaspara Stampa
Rime – CCXXVIII „Pensa ch’io sarò morta“
V. NACHHALL
Barbara Strozzi
„Che si può fare“ aus „Arie voce sola“ op. 8
Gedicht
Sor Juana Inés de la Cruz
„Detente, sombra de mi bien esquivo“
EPILOG
Gedicht
Sibylla Schwarz
„Als mich ein Poetischer Genius trieb“
Antonio Sartorio
1630 – 1680
„Orfeo tu dormi“
aus „L’Orfeo“. Oper in drei Akten
Frauen im Schatten
Eine Dryade, so die griechische Mythologie, soll Eurydike gewesen sein: eine Nymphe, die in Bäumen wohnt. Bekannt wurde sie nur als Frau des berühmten Sängers Orpheus. Auf der Flucht vor Apolls Sohn Aristaios, der sie vergewaltigen will, wird sie von einer Schlange gebissen. Sie stirbt, Orpheus scheitert bei dem Versuch, sie ins Diesseits zurückzuholen, und am Ende führt Hermes sie wieder in die Unterwelt. Mehr wissen wir von Eurydike nicht, und so nimmt es nicht Wunder, dass Claudio Monteverdi seine erste Oper nicht nach ihr, sondern nach ihrem Mann benannte: L’Orfeo. Dabei hatten vor ihm schon Jacopo Peri (1600) und Giulio Caccini (1602) aus der alten Geschichte unter dem Titel L’Euridice Musiktheater gemacht. Peris Oper gilt als erster vollständig erhaltener Beitrag zur nagelneuen Gattung, und weil die Konkurrenten Peri und Caccini dasselbe Libretto vertonten, geht die Sache in beiden Werken gut aus. Nicht so bei Monteverdi, der dem Mythos folgt. Nur bei Orpheus lässt er Gnade walten: Ihn zerreißen in der Oper nicht die Bacchantinnen, sondern er bekommt seine private Himmelfahrt, Lyra inklusive.
Jörg Halubek und sein Ensemble il Gusto Barocco setzen Eurydike ins Recht, und sie holen auch Künstlerinnen des Frühbarocks aus dem Schatten. Unter ihnen ist Gaspara Stampa, eine hochbegabte Dichterin, die sich um 1550 gleichsam durch Venedig hindurch liebte (in der Summe ziemlich unglücklich, was Rilke als ebenfalls vielfältig Liebenden dazu veranlasste, Stampa in seiner ersten Duineser Elegie ein Denkmal zu setzen). Auch Barbara Strozzi zählt dazu, eine ebenfalls in Venedig ansässige Komponistin, Sängerin und Musikerin. Sie war höchstwahrscheinlich eine illegitime Tochter des Juristen und Dichters Giulio Strozzi und lebte, obwohl sie vier Kinder mit einem (oder zwei?) verheirateten Adligen hatte, in ihrem Elternhaus. Vor allem dort ist sie – auch vor Claudio Monteverdi und Francesco Cavalli – aufgetreten, wovon zahlreiche Werke Zeugnis ablegen. Entstanden sind aber auch acht Bände mit bis zu fünfstimmiger Vokalmusik.
Allein Strozzis schmachtendes „Che si può fare“ geht jedem, der es einmal hörte, nicht mehr aus dem Sinn. Dabei positioniert sich die Komponistin im damals aufbrandenden Streit um die Vorherrschaft von Musik oder Wort eindeutig: Ihr geht es immer darum, den Text so stark wie möglich zu stützen und mit größtmöglicher Emotion aufzuladen. Das gelingt durch einen Wechsel von Metrum, Tempi, rezitativischen und ariosen Passagen, durch kontrastierende Klangfarben, virtuos geführte Basslinien und mit oft ungewöhnlichen Dissonanzen, die nur Carlo Gesualdo in seinen Madrigalen in noch krassere Extreme treibt.
Heute gilt Barbara Strozzi als Erfinderin der Solokantate – was nicht ganz stimmt, denn schon gegen Ende des 16. Jahrhunderts wurden mehrstimmige Madrigale zu Sologesängen mit Lautenbegleitung verarbeitet. Auch das Selbstbewusstsein, mit dem Giulio Caccini sich selbst als Erfinder der neuen Gattung rühmte, indem er seiner ersten Sammlung originaler Solo-Arien den Titel Le Nuove Musiche gab, war also nicht gerechtfertigt. Immerhin hat die dort veröffentlichte Arie „Amarilli, mia bella“ Berühmtheit erlangt, vor allem wegen der Ausdrucksstärke ihrer Melodie und deren Verzierungen sowie wegen der wirkungsvoll inszenierten, mal freien und mal „gehenden“, also rhythmisch gleichförmig voranschreitenden Basslinie.
Dass die im Frühbarock entstehenden neuen Gattungen Oper und Solokantate Ergebnisse des ebenfalls neuen Bedürfnisses waren, sich individuell auszudrücken, hört man auch bei Biagio Marini, der als Geiger unter Claudio Monteverdi im Markusdom musizierte und in seinen Kompositionen wichtige spieltechnische Neuerungen für sein Instrument wie etwa Bogenvibrato und Doppel- bzw. Tripelgriffe auf den Weg brachte. Marinis Affetti musicali zählen zusammen mit den 18 Sonaten des ebenfalls Violine spielenden Giovanni Battista Fontana zu den wichtigsten Werken der frühen Sonatenliteratur.
Zurück zu Monteverdi. Eine der beiden Arien, die Eurydice in seinem L’Orfeo singen darf, ist hier zu hören, im „Io non dirò qual sia“ aus dem ersten Akt bejubelt die Nymphe noch ihr Liebesglück mit Orfeo. Hinzu kommt eines jener Madrigale, die Monteverdi 1632 unter dem Titel Scherzi musicali herausbrachte. „Quel sguardo sdegnosetto“ beschreibt mit Ironie, Theatralik und virtuosem Zierwerk den verächtlichen Blick der Angebeteten und die Resignation eines Verliebten, der am Ende mit zwei Wünschen die Waffen streckt: „Verletze mich mit deinen Blicken – und heile mich mit deinem Lächeln.“ 1:0 für die Dame. Kantersieg für Eurydike.
INTERPRET:INNEN
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Veranstalter & Herausgeber: Schwetzinger SWR Festspiele gGmbH
Künstlerische Leitung & Geschäftsführung: Cornelia Bend
Redaktion: Otto Hagedorn
Text: Susanne Benda