17. Mai 2026, 19:30 Uhr

Lionel Martin · Stuttgarter Kammerorchester

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Stand

INHALT

Termin
Besetzung
Programm
Programmtext
Interview
Bushra El-Turk über „Ṣadā“
Interpret:innen
Festspielkalender
Service

TERMIN

Sonntag, 17. Mai 2026, 19:30 Uhr
Schloss Schwetzingen, Rokokotheater

Einführung
Doris Blaich im Gespräch mit Lionel Martin
18:30 Uhr, Kammermusiksaal

Sendung am Freitag, 29. Mai, 20:03 Uhr in SWR Kultur und zum Nachhören auf SWRKultur.de

BESETZUNG

Lionel Martin Violoncello
STUTTGARTER KAMMERORCHESTER
Charlotte Scott
Leitende Konzertmeisterin
Christopher Schumann Leitung *
SWR EXPERIMENTALSTUDIO *
Maurice Oeser Klangregie *

* Bei Bushra El-Turks „Ṣadā“

PROGRAMM

Franz Xaver Richter
1709 – 1789
Sinfonie B-Dur VB 59
I. Spirituoso
II. Andante
III. Presto

Leopold Hofmann
1738 – 1793
Konzert für Violoncello und Orchester D-Dur, Badley D 3
I. Allegro moderato
II. Adagio un poco Andante
III. Allegro molto

Bushra El-Turk
* 1982
Ṣadā. A Dialogue in Wood für Streicher, Violoncello und Zuspiel
Uraufführung
Kompositionsauftrag der Anne-Sophie Mutter Stiftung und des SWR
Elektronische Klangrealisation: SWR Experimentalstudio

PAUSE

Johannes Brahms
1833 – 1897
Streichquintett Nr. 2 G-Dur op. 111
in chorischer Streicherbesetzung
I. Allegro non troppo, ma con brio
II. Adagio
III. Un poco Allegretto
IV. Vivace ma non troppo presto

OlivenbaumPROGRAMMTEXT

Von Aufbruch und Abschied: Richter – Hofmann – Brahms

Ein Stück, das kaum einer kennt. Ein Komponist, den kaum einer kennt. Ein Stück, das die meisten so noch nie gehört haben dürften. Eine Uraufführung: Das Programm dieses Konzertes ist nichts für risikoscheue Naturen. Aber der Reihe nach. Franz Xaver Richter war ab 1747 gut zwei Jahrzehnte als Komponist, Geiger und Bassist bei der Mannheimer Hofkapelle des Kurfürsten Karl Theodor angestellt; zu den zwölf „Grandes Symphonies“, die er zuvor veröffentlichte, zählt auch die Nummer 59 in B-Dur. Eine typische Richter-Sinfonie: mit intensiv voranstürmenden, kontrapunktisch minuziös ausgearbeiteten Ecksätzen und einem hochexpressiven langsamen Mittelsatz (Andante – Largo), der gespickt ist mit harmonischen Raffinessen und melodischen Überraschungen.

Der Wiener Sängerknabe, Komponist und (von 1772 bis zu seinem Tod 1793) Kapellmeister am Stephansdom Leopold Hofmann hat etwa 60 Solokonzerte komponiert, darunter acht für Violoncello. Das D-Dur-Konzert ist in den späten 1760er Jahren entstanden, die Ansprüche an den Solisten sind virtuos. „Hier geht es“, sagt der Cellist Lionel Martin, „um pure Lebensfreude“.

Im zweiten Streichquintett op. 111 von Johannes Brahms stehen hingegen die Zeichen auf Abschied. In der Musik scheinen uns die großen Komponisten des 19. Jahrhunderts – Wagner, Beethoven, Mendelssohn Bartholdy, Johann Strauss – teils wehmütig, teils augenzwinkernd noch einmal zuzuwinken. Auch in diesem Stück, dessen sinfonischer Charakter im Kopfsatz eine Bearbeitung für Streichorchester nahelegt, hat das Cello einen großen Auftritt: Im Forte öffnen ihm die vier höheren Streicher den Vorhang. Die Melancholie der folgenden Mittelsätze besiegt schließlich erst im Finale ein wilder Csárdás.

INTERVIEW

Dem Leid eine Stimme geben: „Ṣadā“ von Bushra El-Turk

Im Zentrum des Abends steht das neue Werk der britisch-libanesischen Komponistin Bushra El-Turk. Welche Botschaft steckt hinter „Ṣadā“ (zu Deutsch: Echo), und was ist zu hören? Fragen an den Cellisten Lionel Martin.

Warum und wie ist „Ṣadā“ entstanden?

Lionel Martin: Ich habe ein Streichquartett von Bushra El-Turk gehört, das sich mit der Explosion in Beirut 2020 beschäftigt, und dieses Stück fand ich so stark, dass ich mir gewünscht habe, selbst mal ein Stück von dieser hochinteressanten Komponistin zu spielen. Das habe ich dem SWR signalisiert – und dort offene Türen eingerannt. So kam es zu dem Auftragswerk an Bushra El-Turk, das zur Hälfte der SWR und zur Hälfte die Anne-Sophie Mutter Stiftung finanziert, die mich seit 2017 fördert. Die Idee, dass sich dieses Stück mit dem Krieg im Gazastreifen beschäftigen könnte, ist uns dann bald gekommen, weil das Thema gerade so aktuell war und immer noch ist – und weil ich mich ohnehin ständig gefragt habe, ob ich als Musiker nicht etwas tun kann, um dem Schrecken dieses Krieges eine künstlerische Ausdrucksform zu geben.

Das Thema ist heikel, gerade vor dem Hintergrund der deutsch-jüdischen Geschichte. Positioniert sich das Stück?

Lionel Martin: Es solidarisiert sich mit der palästinensischen Kultur, die ja seit vielen tausend Jahren besteht. Aber nicht in Form eines Flugblatts oder einer politischen Debatte, sondern auf der Ebene der Kunst, die immer größer und offener ist als eine politische Aussage oder ein pures Pro und Contra. Das Werk will dem Leid eine Stimme geben, vor allem dem Leid der Kinder in Gaza, denen es gewidmet ist. Bushra hat libanesische Wurzeln, sie war sehr gerührt, dass sich eine so große Institution des Themas annimmt. Zurzeit herrscht ja gegenüber Künstler:innen mit muslimischem Hintergrund eine große Zurückhaltung – aus Angst, sie würden sich in diesem Konflikt öffentlich positionieren. Gleichzeitig war ihr bewusst, wie komplex dieses Thema in Deutschland ist.

Schon in der Bibel gilt der Olivenzweig, den die Taube am Ende der Sintflut in ihrem Schnabel zu Noahs Arche bringt, als Zeichen für Versöhnung und Neubeginn. In welcher Weise prägt der Olivenbaum Bushra El-Turks Stück?

Lionel Martin: „Ṣadā“ ist komponiert für Violoncello, Kammerorchester und Zuspielband. Bei den Aufnahmen für dieses Tape haben wir im SWR Experimentalstudio mit Kontaktmikrofonen Klänge von meinem Cello aufgenommen und mit Synthesizern und Verzögerungen experimentiert. Außerdem haben wir Olivenholz zum Klingen gebracht. Mit diesen Klängen trete ich im Stück dann über das Holz meines Cellos in den Dialog. Das Olivenholz erzählt von Trauma und Gewalt, und das Stück nimmt die stille Perspektive eines Baumes ein, der die Verwüstung um ihn herum wahrnimmt. In diesem Krieg werden Olivenbäume ebenso niedergetrampelt wie Menschen. Der Olivenbaum hat nicht nur eine große wirtschaftliche Bedeutung in Palästina, er ist auch ein kulturgeschichtliches Symbol, mit dem sich die Menschen dort stark identifizieren.

Kommt auch arabische Musik ins Spiel?

Lionel Martin: Ja, das Zuspielband enthält auch Klänge von einem einsaitigen levantinischen Lauteninstrument, der Rabāb, die im Sitzen gestrichen wird. Diese Klänge imitiere ich dann auch auf dem Cello. Die arabische Musik und ihre Harmonien sprechen mich sehr an, deshalb wollte ich diese Klangwelt unbedingt auch im Stück haben. Ich habe viel darüber gelesen und mich mit Bushra unterhalten, damit ich so fundiert wie möglich an diese Musik herantreten kann.

Das Thema des Stücks erinnert mich an den Kinofilm „Die Stimme von Hind Rajab“, der von schrecklichem Leid erzählt, ohne es zu zeigen. Könnte man entsprechend sagen: Bushra El-Turks Stück bringt etwas zum Klingen, was oft totgeschwiegen wird?

Lionel Martin: Es war mein großes Ziel, eine Offenheit für dieses Thema zu schaffen, ohne ein Urteil zu fällen. Und ich wäre froh, wenn ich nach der Aufführung das Gefühl hätte, dass ein neuer Dialog darüber entstanden ist.

BUSHRA EL-TURK ÜBER IHRE KOMPOSITION „ṢADĀ“

Dieses Stück ist ein Dialog zwischen Hölzern: dem Cello und dem Olivenbaum sowie zwischen Instrumenten, die nach ähnlichen Prinzipien der Resonanz und des Atems geformt sind – dem Cello und der Rabāb. In Zusammenarbeit mit dem SWR Experimentalstudio Freiburg und dem Cellisten Lionel Martin entwickelte ich zuvor aufgenommene Klänge weiter, die vom Olivenholz selbst stammen. Während dieses Prozesses wurde mir bewusst, wie sehr Material Erinnerungen in sich trägt. In der Levante sind Olivenbäume oft Tausende von Jahren alt; sie überstehen Gewalt, Verderben und Erneuerung und bewahren weiterhin Leben. Jüngste Forschungen deuten darauf hin, dass Bäume über verborgene Netzwerke miteinander kommunizieren und sich gegenseitig schützen. Darin höre ich ein Echo darauf, wie Traumata in Gaza über Generationen hinweg weitergegeben werden, insbesondere von Kindern – nicht nur durch Worte, sondern auch durch ihre Körpersprache und durch Unausgesprochenes. Diese Komposition lauscht dieser Weitergabe: wie Klang – ähnlich der Erinnerung – zwischen Stimmen wandert, das Beschädigte bewahrt und dennoch nach Verbindung sucht. Dieses Stück ist den Kindern von Gaza gewidmet.

INTERPRET:INNEN

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Veranstalter & Herausgeber: Schwetzinger SWR Festspiele gGmbH
Künstlerische Leitung & Geschäftsführung: Cornelia Bend
Redaktion: Otto Hagedorn
Text, Interview: Susanne Benda