1. Mai 2026, 11 Uhr

Quartett-Marathon · Matinee · Viatores Quartet

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TERMIN

Freitag, 1. Mai 2026, 11 Uhr
Schloss Schwetzingen, Mozartsaal

Sendung am Sonntag, 7. Juni 2026, 20:03 Uhr in SWR Kultur und zum Nachhören auf SWRKultur.de

BESETZUNG

VIATORES QUARTET
Louisa Staples Violine
Johannes Brzoska Violine
Miguel Erlich Viola
Umut Sağlam Violoncello

PROGRAMM

Joseph Haydn
1732 – 1809
Streichquartett C-Dur op. 76 Nr. 3, Hob. III:77
„Kaiserquartett“
I. Allegro
II. Poco adagio (cantabile)
III. Menuetto. Allegro – Trio
IV. Finale. Presto

Béla Bartók
1881 – 1945
Streichquartett Nr. 2 op. 17
I. Moderato
II. Allegro molto, capriccioso
III. Lento

PAUSE

Ludwig van Beethoven
1770 – 1827
Streichquartett cis-Moll op. 131
I. Adagio ma non troppo e molto espressivo
II. Allegro molto vivace
III. Allegro moderato
IV. Andante ma non troppo e molto cantabile
V. Presto
VI. Adagio quasi un poco andante
VII. Allegro

Quinten, Eifer, höchste WonnePROGRAMMTEXT

Reise durch musikalische Zeiten

Bei einem Ensemble, das sich Viatores Quartet nennt, gehören Zeitreisen zur DNA. Schade, dass die vier Reisenden (so die Übersetzung des lateinischen Namens) nur in eine Richtung unterwegs sind, denn es könnte einen schon interessieren, wie ein KI-generierter Mozart des 22. Jahrhunderts klingt. Doch auch Reisen in die Vergangenheit können für neue Erkenntnisse sorgen. Zu bedauern ist dabei nur, dass sich ein Streichquartett nicht physisch zurückbewegen, also nicht mehr von der Geschichte aus Einfluss auf die Gegenwart nehmen kann. Wäre dies möglich (was Philosophen mit klarem Blick auf die logische Unmöglichkeit eines solchen Unterfangens als „Großvater-Paradoxon“ beschreiben), dann könnten die Reisenden nämlich etwas daran ändern, dass Joseph Haydn das Vorurteil des etwas Trottelig-Betulich-Altväterlichen heute einfach nicht loswird. So kann sich das Viatores Quartet nur spielend darum bemühen, dass die Musik von „Papa Haydn“ die Wertschätzung erhält, die ihre Spritzigkeit und Experimentierfreude, ihr Humor und ihre Innovationskraft verdient haben.

Das dritte Werk des Kammermusik-Sixpacks, den 1796 der Graf Erdődy beim 65-jährigen Haydn bestellte, ist das bekannteste von Haydns gut 80 Streichquartetten. Das liegt weniger an der neuen sinfonischen Anlage der schnellen Sätze als an seinem zweiten Satz. Der Name des Opus 76 Nr. 3, „Kaiserquartett“, verweist auf die eigene Melodie, die im Adagio variiert wird. Das Lied „Gott erhalte Franz, den Kaiser“ hat Haydn über einen Text von Lorenz Leopold Haschka komponiert; im Streichquartett erklingt sie nicht vorrangig als Huldigung (Franz I. muss ein eher unsympathischer Zeitgenosse gewesen sein), sondern vor allem als intensiver Friedensruf inmitten der Revolutionskriege. Das Thema wird in Variationen durch die Stimmen geführt, ist dabei zunehmend von Halbtönen umgeben, und die zahlreichen abwärts tropfenden Geigentöne am Ende des Satzes suggerieren das Bild eines nunmehr gnädig gestimmten Himmels. August Heinrich Hoffmann von Fallersleben hat auf diese Melodie später sein „Lied der Deutschen“ gedichtet, das mitsamt Haydns Musik 1922 zur deutschen Nationalhymne geworden ist. Seit 1952 ist das „Einigkeit und Recht und Freiheit“ der dritten Gedichtstrophe der offizielle Text. Im Nationalsozialismus hingegen sang man das „Deutschland, Deutschland, über alles“ der ersten Strophe, kombiniert mit dem Horst-Wessel-Lied – diesen Missbrauch und vor allem die Gräueltaten der Nazi-Zeit ungeschehen zu machen, wäre allerdings eine physische Reise zu unseren Großvätern wert.

Doch reisen wir weiter. Béla Bartóks Streichquartett Nr. 2 op. 17 entstand zwischen 1915 und 1917 in einer Zeit äußerer wie innerer Erschütterungen. Der Erste Weltkrieg wirft seine Schatten auf das Werk – doch plakativ wird Bartók nie. Stattdessen verdichtet sich die Unruhe in einer Musik, die zwischen archaischer Strenge und expressiver Zerrissenheit pendelt. Der erste Satz wirkt noch wie ein tastendes Suchen: brüchige Motive, die sich kaum festlegen wollen, durchzogen von nervöser Energie. Im zweiten Satz bricht sich dann etwas Wildes Bahn – rhythmisch scharf konturiert, mit Anklängen an Bartóks intensive Beschäftigung mit osteuropäischer Volksmusik, in radikal zugespitzter Form. Der Finalsatz hingegen scheint in sich zusammenzusinken: eine Klanglandschaft von großer Kargheit, fast entrückt, in der jede Bewegung zur Erstarrung tendiert. Kurz: ein Werk, das weniger erzählt als Zustände freilegt – zwischen Aufbegehren, Tanz und Resignation.

Beethovens spätes Streichquartett op. 131 bleibt bei der Verzweiflung, und nicht nur bei der Frage nach der Anzahl der nicht klar voneinander abgetrennten und Sätze gingen die Meinungen zu diesem Stück weit auseinander. Ein Kritiker attestierte dem Komponisten „Einbildungskraft im Delirium“. Für Richard Wagner hingegen war das wohl komplexeste aller Werke Beethovens das „wohl Schwermütigste, was je in Tönen ausgesagt worden ist“ – womit er sich wohl auf den sanften Fluss des A-Dur-Andantes bezog. Komplex ist dieser zentrale 4. Satz aber ebenfalls, denn seine Variationen bilden mit ihren wechselnden Formen und Charakteren eine Art „Quartett im Quartett“. Für den Kitt zwischen dem Disparaten sorgt eine nur viertönige motivische Zelle, die sich aus zwei gegenläufigen Halbtonschritten zusammensetzt – allerdings hat Beethoven dieses Motiv oft versteckt, zum Beispiel in die Töne zwei bis fünf des Fugenthemas zu Beginn des Eingangssatzes, sehr häufig auch in den pulsierenden Staccato-Achtelfolgen des Scherzos (Presto) und schließlich im Hauptmotiv des Finales, welches das anfängliche cis-Moll des Stücks nach Cis-Dur hinüberführt. Ende gut, alles gut – jubelnder kann eine Reise nicht enden.

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Veranstalter & Herausgeber: Schwetzinger SWR Festspiele gGmbH
Künstlerische Leitung & Geschäftsführung: Cornelia Bend
Redaktion: Otto Hagedorn
Text: Susanne Benda (Haydn & Beethoven), Otto Hagedorn (Bartók)