INHALT
Termin
Besetzung
Programm
Interview
Interpret:innen
Festspielkalender
Service
TERMIN
Freitag, 1. Mai 2026, 21:30 Uhr
Schloss Schwetzingen, Orangerie
Sendung am Freitag, 8. Mai 2026, 13:05 Uhr in SWR Kultur und zum Nachhören auf SWRKultur.de
BESETZUNG
SIGNUM QUARTETT
Florian Donderer Violine
Annette Walther Violine
Xandi van Dijk Viola
Thomas Schmitz Violoncello
PROGRAMM
The Kinks
(Ray Davies * 1944)
You Really Got Me *
Wolfgang Amadeus Mozart
1756 – 1791
Adagio und Fuge c-Moll KV 546
Cream
(Jack Bruce 1943 – 2014 & Eric Clapton * 1945)
Sunshine of Your Love *
Igor Strawinsky
1882 – 1971
Aus: Drei Stücke für Streichquartett
I. Danse
Matthijs van Dijk
*1983
(rage) rage against the
Led Zeppelin
(John Bonham 1948 – 1980, John Paul Jones * 1946, Jimmy Page * 1944 & Robert Plant * 1948)
Heartbreaker *
Erwin Schulhoff
1894 – 1942
Aus: Fünf Stücke für Streichquartett
V. Alla tarantella. Prestissimo con fuoco
Radiohead
Paranoid Android *
Ludwig van Beethoven
1770 – 1827
Große Fuge B-Dur op. 133
* Bearbeitung von Matthijs van Dijk
Das Signum Quartett im Interview mit Dramaturg Otto Hagedorn
Otto Hagedorn: Das klassische Streichquartett-Publikum schätzt im besten Sinne des Wortes „gediegene“ Unterhaltung und Vertiefung in die Musik. Warum präsentiert ihr eine „Rock Lounge“?
Florian Donderer: Wir empfinden das, was wir in der „Rock Lounge“ spielen, als nicht weniger gute Musik. Das Programm hat diesen Namen nur, weil es diesen Hintergrund hat. Letztendlich ist es alles tolle Musik.
Annette Walther: Passend zum Thema „Haltung“ der Schwetzinger SWR Festspiele 2026 find ich es gut, zu präsentieren, was uns wichtig ist. Und das ist genau diese Diversität: dass man keinen Unterschied macht zwischen E- und U-Musik, sondern zeigt, was auch hinter der Rockmusik für tolle Musiker stecken und dass sie sich teilweise auf die Tradition berufen oder sich darin gut auskennen – und dass diese Musik genauso fordernd sein kann und genauso differenziert sein muss, wie wenn man Mozart oder Beethoven spielt.
Donderer: Aber es rockt schon! (lebhafte Zustimmung von allen anderen Musiker:innen des Signum Quartetts)
Thomas Schmitz: Unser Publikum ist total bereit, mitzurocken, wenn klassische Musik rockt. Dann ist es begeistert. Es scheint aber eine Barriere zu geben, auch zu sagen: „Wenn Popmusik oder Rockmusik rocken – dazu bin ich nicht bereit. Das kann nicht gut sein!“ Aber diese Musik geht tatsächlich viel tiefer, als man vielleicht denken mag. Dadurch, dass wir sie in den Kontext mit rockiger klassischer Musik stellen, wird klar: Es steht dieselbe Motivation dahinter – nämlich: das Publikum zu packen. Ich glaube, das zeigen wir mit der Abfolge der Stücke ganz gut.
Hagedorn: Wie kam es zur Idee zu diesem Programm?
Xandi van Dijk: Das kommt vor allen Dingen von mir. Ich komme aus Südafrika und habe dort in einem Streichquartett gespielt. Dort haben wir angefangen, klassische und Rock-Stücke zu kombinieren. Diese Idee habe ich weiterentwickelt mit unserem weiteren Repertoire. Ich habe früher in Bands Schlagzeug, Bassgitarre und E-Gitarre gespielt und auch eigene Lieder geschrieben. Mein Bruder Matthijs, der die Bearbeitungen für dieses Programm gemacht hat und von dem wir auch ein Stück spielen, kommt noch stärker aus dieser Richtung. Matthijs hat in einer Band Gitarre gespielt und gesungen – und mit zwei von den Leuten hat er auch Kammermusik gespielt, Klaviertrios von Mendelssohn oder Schostakowitsch. Er ist Geiger und versteht es, wie man Rockmusik für Streichquartett setzt und paraphrasiert. Ich liebe die Idee von diesem Programm, weil ich die Energie, die man bei Led Zeppelin, bei Cream und bei Radiohead hat, auch bei Beethoven spüre – diesen tiefen Groove. Und ich find es schön, diese beiden Musikwelten Seite an Seite zu präsentieren.
Hagedorn: Was ist Euch bei der Gegenüberstellung wichtig: Kontraste? Oder sogar, ähnliche Strukturen aufzuzeigen?
Donderer: Von den Komponisten her ist es ein großer Kontrast, aber sie haben doch alle sehr viel Energie. Es gibt allerdings durchaus auch ruhigere Momente – auch bei den Rocknummern. Paranoid Android von Radiohead hat zum Beispiel eine ganz ruhige Stelle und wahnsinnig poetische Momente, und über die Bearbeitung von Matthijs habe ich dieses Lied erst richtig schätzen gelernt. Es ist unglaublich tolle Musik, und das Arrangement ist wirklich ein Meisterwerk – und sehr berührend! Insgesamt ist die „Rock Lounge“ schon eher laut, und wir stellen den leisen Passagen auch wahnsinnig energiegeladene Stücke gegenüber. Aber ich habe nie das Gefühl, dass wir übersteuern.
van Dijk: Die insgesamt leiseste Passage des Programms sind die ersten Minuten von Matthijs’ eigenem Stück, die im Piano-Pianissimo-Bereich gehalten sind. Das steht in der Mitte der „Rock Lounge“ – da kommt das Programm wirklich runter. Und dann explodiert es wieder nach außen. Über den ganzen Abend gesehen gibt es immer wieder Ruhepunkte. Es ist eine Dramaturgie, dass man sozusagen nicht „übersatt“ wird.
Schmitz: Die Nummern aus der Rockmusik sind auch wirklich Kompositionen. Das ist nicht einfach „cooler Groove und jetzt machen wir richtig einen auf Krach“. Für das Streichquartett ist das ohnehin eingeschränkt. Damit haben wir uns viel befasst. Rockmusiker haben den Vorteil, dass ihre Instrumente elektrisch verstärkt sind. Sie können einfach den Regler aufdrehen – dann ist es noch mal lauter und die Bühne explodiert. Das müssen wir versuchen zu kompensieren. Zum Glück gehen die Bearbeitungen von Matthijs total an die Grenzen – und trotzdem sind sie wirklich für Streichquartett. Es ist schon eine andere Klangästhetik, als man sie für einen Beethoven gewohnt ist. Und wir haben Spaß daran, das auszureizen ...
van Dijk: … In Matthijs’ Stück gibt es zum Beispiel eine Spielanweisung für das Cello, nämlich: „Like the biggest Guitar, thrown into an empty swimming pool“.
Donderer: Thomas verwendet dafür aber auch immer einen anderen Bogen. Danach sieht das immer gut aus, weil schon einige Haare vom Bogen reißen und davon abstehen.
van Dijk: Und wir haben aber alle laute Instrumente! (zustimmendes Lachen aller Musiker:innen)
Donderer: Ich glaube, das Ganze trägt sich vor allen Dingen dadurch, dass Matthijs’ Paraphrasen sehr gut gemacht sind. So etwas kann unfassbar peinlich werden: Wenn klassische Musiker versuchen, einen auf Rocker zu machen. Deswegen muss es sehr niveau- und anspruchsvoll sein. Und das ist ihm perfekt gelungen.
Schmitz: Vor allem, wenn man es dann mit Kompositionen wie Beethovens Großer Fuge in den Kontext stellt. Wenn das in der Qualität abfallen würde, wäre das peinlich … Wir haben also Glück gehabt. (Lachen)
van Dijk: Wir spielen diese Stücke genauso, wie wir Beethoven, Mozart oder Strawinsky angehen: mit derselben Hingabe, mit derselben Intensität …
Thomas Schmidt: … und Ernsthaftigkeit.
van Dijk: Und ja: Es wird definitiv intensiv geprobt.
Thomas Schmidt: Es ist auch absolut kein leichtes Zeug!
van Dijk: Aber es ist ein Programm, das wahnsinnig Spaß macht! Wenn man auf der Bühne sitzt und anfängt, abzugehen und sieht, wie die Leute mitkommen … Ich würde sagen: Das „gediegene“ Publikum könnte bei diesem Programm das eine oder andere Lied erkennen, das es in seine Kindheit oder Jugend versetzen könnte – was dann ein leichtes Grooven auslösen könnte.
Hagedorn: Xandi – gibst du uns noch ein paar Hintergrundinformationen zu deinem Bruder Matthijs?
van Dijk: Matthijs ist mein jüngerer Bruder. Er ist einer von Südafrikas Top-Komponisten und -Arrangeure, würde ich sagen. Seine Musik ist stark von Rockmusik und elektronischer Musik inspiriert, aber auch von klassischer zeitgenössischer Musik. Und diese unterschiedlichen Einflüsse finden in seiner eigenen Musiksprache ein Zuhause.
Hagedorn: Trifft das auch auf (rage) rage against the zu, also auf das Stück, das ihr von Matthijs in diesem Programm spielt?
van Dijk: Das „against the …“ ist natürlich absichtlich offengehalten. Der Titel ist einerseits eine Anspielung auf die Band Rage Against the Machine (und im Stück kann man auch gewisse ähnliche Klänge hören) und andererseits an eine Zeile aus dem Gedicht Do not go gentle into that good night von Dylan Thomas, nämlich „Rage, rage against the dying of the light“. Matthijs’ Stück ist ein eine Art Elegie, in der allerdings auch Wutausbrüche und Manie eine Rolle spielen, und (wie gesagt) am Anfang diese sehr leise, etwas unheilvolle Passage.
INTERPRET:INNEN
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Veranstalter & Herausgeber: Schwetzinger SWR Festspiele gGmbH
Künstlerische Leitung & Geschäftsführung: Cornelia Bend
Redaktion: Otto Hagedorn
Text: Susanne Benda