26. April 2026, 19:30 Uhr

Dorothee Oberlinger & Ensemble 1700

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TERMIN

Sonntag, 26. April 2026, 19:30 Uhr
Schloss Schwetzingen, Mozartsaal

Einführung mit Susanne Benda und Dorothee Oberlinger um 18:30 Uhr, Jagdsaal

LIVE-Übertragung in SWR Kultur und zum Nachhören auf SWRKultur.de

BESETZUNG

ENSEMBLE 1700
Anna Dmitrieva Violine
Polina Babinkova Violine
Guido Larisch Violoncello
Kit Scotney Kontrabass
Olga Watts Cembalo
Dorothee Oberlinger Blockflöte, Leitung

PROGRAMM

Alessandro Scarlatti
1660 – 1725
Sinfonia aus der Serenata „Venere e Amore“
Spiritoso – Grave affettuoso –
Allegro

Concerto für Blockflöte, zwei Violinen und Basso continuo Nr. 9 a-Moll
I. Allegro
II. Largo
III. Fuga
IV. Largo e piano
V. Allegro

Georg Friedrich Händel
1685 – 1759
Sonate für zwei Violinen und Basso continuo g-Moll op. 2 Nr. 8 HWV 393
I. Andante
II. Allegro
III. Largo
IV. Allegro
V. Allegro

Alessandro Scarlatti
Folia. 29 Partite sopra l’aria della Folia, bearb. für Blöckflöte, obligates Violoncello und Cembalo (Primo e secondo libro di Toccate per Cembalo – Neapel 1723)
Moderato

Leonardo Leo
1694 – 1744
Concerto Nr. 1 G-Dur
I. Allegro
II. Siciliana. Largo
III. Allegro

PAUSE

Francesco Barbella
1692 – 1732
Sonate Nr. 3 C-Dur für Blockflöte, zwei Violinen und Basso continuo
I. Amoroso
II. Allegro (attacca)
III. Adagio (attacca)
IV. Allegro


Georg Friedrich Händel /
Georg Philipp Telemann

1681 – 1767
Concerto a quattro d-Moll für Blockflöte, Violine, obligates Violoncello und Basso continuo TWV 43: d 3
I. Adagio
II. Allegro
III. Largo
IV. Allegro

Domenico Scarlatti
1685 – 1757
Sonate f-Moll K. 184 für Cembalo solo
Allegro

Francesco Mancini
1672 – 1737
Concerto Nr. 6 d-Moll für Blockflöte, zwei Violinen und Basso continuo
I. Amoroso
II. Allegro
III. Largo
IV. Allegro

Sirenengesänge und FlötenklängePROGRAMMTEXT

Blockflötenkonzerte aus einem neapolitanischen Manuskript

Wachs kann eine Waffe sein. Das wissen wir, seitdem Odysseus mit seiner Hilfe, also mit dicht verschlossenen Ohren, dem todbringenden Gesang der Sirenen entkam. So zumindest berichtet es die griechische Sage. Franz Kafka indes glaubt ihr nicht. Und stellt dem betörenden Singen eine viel gefährlichere Waffe an die Seite: das Schweigen der Sirenen. Was, schreibt er, wäre gewesen, wenn die mythologischen Wesen stumm geblieben wären? Odysseus hätte sich dann kaum als Sieger fühlen können; das Wachs in seinen Ohren hätte als Waffe eine ähnliche Wirkung wie ein kraftraubender Luftschwinger im Boxring – nämlich gar keine.

Wie gut also, dass die Blockflötistin und Dirigentin Dorothee Oberlinger und ihr Ensemble 1700 nicht schweigen. Sondern unter dem Titel „Sirenengesänge“ Klänge präsentieren, von denen wir uns gefahrlos verführen lassen können. Und das, obwohl die meisten der gespielten Stücke aus einem Manuskript der Biblioteca del Conservatorio di musica S. Pietro a Majella in Neapel stammen, also in jener Gegend aufbewahrt werden, in der die sagenhaften Sirenen gelebt haben sollen. Im Mittelpunkt steht dabei Alessandro Scarlatti, der vor allem mit seinen Vokalwerken die Musik des Hochbarock um 1700 prägte. In der Oper hat er die neapolitanische Schule mitbegründet, außerdem wird dem langjährigen Hofkapellmeister von Neapel die Erfindung der dreiteiligen Da-capo-Arie mit ihrer regelhaften Wiederholung des ersten Arienteils zugeschrieben. Selbstbewusst war er obendrein: Die Inschrift „Größter Erneuerer der Musik“ hat er schon vor seinem Tod in seinen Grabstein meißeln lassen. Daneben nimmt sich sein zwei Jahrzehnte jüngerer Kollege Francesco Barbella deutlich bescheidener aus: Er hat seinen Lebensunterhalt vor allem mit Geigenunterricht verdient, den er am Konservatorium von Neapel gab. Leonardo Leo hingegen befand sich in Neapel auf Augenhöhe mit Scarlatti, er war ungemein produktiv (allein 500 Bühnenwerke hat er hinterlassen), und sein im galanten Stil gehaltenes G-Dur-Konzert steht für die musikalische Entwicklung nach Scarlatti: Die Melodie steht jetzt im Vordergrund, die Solostimme wird von den anderen Instrumenten gestützt, um sich optimal entfalten zu können – ganz besonders im betörend schönen langsamen Satz, einem wiegenden Siciliano.

Alessandro Scarlattis Vorliebe für die Blockflöte schlägt sich in einer Serenata nieder, einem im 18. Jahrhundert populären Genre zwischen Oper, Kantate und Oratorium, die hier sogar mit leichtfüßigen Opera-buffa-Momenten aufwartet. „Venere e Amore“ ist ihr Titel, und in ihrem dreisätzigen Vorspiel, der Sinfonia, bewegt sich die Blockflöte im Wechsel mit den Streichern zwischen effektvoll kontrastierenden Gefühlen. Auch in seiner Kammermusik hat Alessandro Scarlatti das Blasinstrument häufig verwendet, das im Italienischen das Attribut „süß“ schmückt („flauto dolce“), zum Beispiel in seinen zwei Beiträgen zu der neapolitanischen Sammlung. Dass die hier zusammengestellten 24 Werke Mischformen zwischen kontrapunktisch durchorganisierter Kammermusik und Solokonzert darstellen, hört man auch in Scarlattis a-Moll-Concerto: Hier ist die Blockflöte Partner, nicht solistischer Star. Nur im langsamen Satz (Largo e piano) darf sie mal alleine glänzen und bittet die Violinen um freundliches Geleit.

Dass auch in Alessandro Scarlattis Cembalo-Variationen über das berühmte Folia-Thema die Blockflöte zu Wort kommt, ist der Bearbeitung des Stücks durch das Ensemble geschuldet, und das im Original vorgesehene Cembalo bringt uns weiter in die Frühklassik, also zur Generation Leonardo Leos. Domenico Scarlatti, das sechste von Alessandros zehn Kindern, hat nicht weniger als 555 Sonaten für das Instrument geschrieben, das er virtuos beherrschte. Entstanden sind die formal zweiteiligen Stücke vor allem während Scarlattis Anstellung am spanischen Hof, und sie zählen zum Besten und Originellsten, was im 18. Jahrhundert für Tasteninstrumente komponiert worden ist.

Zu den Komponisten, die Scarlattis Sonaten inspirierten, war auch Georg Friedrich Händel. Er ist in diesem Programm mit einer Triosonate vertreten. Und mit einem Stück, das er vielleicht komponiert hat, vielleicht aber auch nicht und vielleicht nur halb. Ob das Concerto a quattro in d-Moll für Blockflöte, Violine, Cello und Basso continuo eine Komposition des jungen Georg Friedrich Telemann ist, von der Händel später einiges abkupferte, oder ein Gemeinschaftswerk von Händel und Telemann, hat man bis heute nicht eindeutig herausfinden können. Tatsache ist: Zumindest die Bassmelodie im Largo ist ein echter Ohrwurm. Gut also, dass die Musiker:innen nicht schweigen. Und Ihr Ohropax können Sie getrost zu Hause lassen.

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Veranstalter & Herausgeber: Schwetzinger SWR Festspiele gGmbH
Künstlerische Leitung & Geschäftsführung: Cornelia Bend
Redaktion: Otto Hagedorn
Text: Susanne Benda