12. Mai 2026, 19:30 Uhr

Musikalische Lesung

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INHALT

Termin
Besetzung
Programm
Interview
Interpret:innen
Festspielkalender
Service

TERMIN

Dienstag, 12. Mai 2026, 19:30 Uhr
Schloss Schwetzingen, Mozartsaal

Sendung am Sonntag, 24. Mai, 12:30 Uhr in SWR Kultur und zum Nachhören auf SWRKultur.de

BESETZUNG

Corinna Harfouch Szenische Lesung
Hubert Wild Altus
Stefan Maass Laute

PROGRAMM

SZENISCHE LESUNG

Christine Wunnicke
Die Nachtigall des Zaren
Das Leben des Kastraten Filippo Balatri

MUSIKALISCHES PROGRAMM

Giovanni Battista Bassani
um 1650 – 1716
„Salve Regina“
aus: Motetti a voce sola op. 12

Alleluja

Georg Philipp Telemann
1691 – 1767
„Hörst du so gar nicht unser Schreien?“ TWV 1:737a

Giovanni Battista Brevi
ca. 1650 – 1725
„O spiritus angelici“

Georg Friedrich Händel
1685 – 1759
„Di pallido color – Senti, di te, ben mio, cantar“. Rezitativ und Arie
„Nel dolce tempo – Pastorella, coi bei lumi“. Rezitativ und Arie
aus: „Nel dolce tempo“. Kantate für Alt und Basso continuo HWV 135b

Heinrich Albert
1604 – 1651
„O der rauhen Grausamkeit“
Arie

PAUSE

Henry Purcell
um 1659 – 1695
„If love’s a sweet passion“
Arie aus „The Fairy-Queen“. Semi-Opera in 5 Akten Z 629

Antonio Vivaldi
1678 – 1741
„Care selve, amici prati“
Kantate für Alt und Basso continuo RV 671

Michel Lambert
1610 – 1696
„Iris n’est plus, mon Iris m’est ravie“
Air de cour

Vieux Gallot
* unbekannt – nach 1690
„L’altesse Royale“
Sarabande

Henry Purcell
„Strike the Viol, touch the Lute“
Arie aus der Ode zum Geburtstag von Queen Mary 1694 „Come ye Sons of Art away“ Z 323

Georg Friedrich Händel
„Lascia ch’io pianga“
Arie der Almirena aus „Rinaldo“. Oper in 3 Akten HWV 7a/7b

Silvius Leopold Weiss
1687 – 1750
Präludium für Laute F-Dur
(Dresdner Handschrift)

Johann Sigismund Scholze (Sperontes)
1705 – 1750
„Absage an das Glück“
Tempo di Polacca

Johann Philipp Krieger
1649 – 1725
„Einsamkeit, du Qual der Herzen“
Arie für Singstimme und Basso continuo aus der Oper „Die ausgesöhnte Eifersucht oder Cephalus und Procris“

Giovanni Battista Bassani
„Salve Regina“
aus: Motetti a voce sola op. 12

Tagebuch eines KastratenINTERVIEW

Spuckt mir ins Gesicht, wenn ich nicht die Wahrheit sage!

Das kann doch nicht wahr sein! Die Geschichte des Kastraten Filippo Balatri könnte eine schillernde TV-Soap sein, eine Mischung aus Abenteuer und Fantasy mit ziemlich schrillem Personal. Tatsächlich hat der italienische Sopranist nicht nur (von 1682 bis 1756) gelebt, sondern er hat seine Erlebnisse auch aufgeschrieben. Balatri war Leib-Eunuch des russischen Zaren Peter des Großen, singendes Gastgeschenk für den Khan der Kalmücken, Alleinunterhalter in den Adelshäusern Europas, Reisender zwischen den Metropolen, schließlich Klosterbruder in Bayern. Die Autorin Christine Wunnicke hat aus den knapp 5000 handschriftlichen Seiten seiner Memoiren ein spannendes Buch gemacht. Corinna Harfouch liest aus Die Nachtigall des Zaren, und der Countertenor Hubert Wild leiht, an der Laute begleitet von Stefan Maass, dem Kastraten seine Stimme. Wir haben den Sänger befragt.

Warum sind so viele Menschen fasziniert von der hohen männlichen Stimme? 

Hubert Wild: Zuhörer sind generell von hohen Tönen fasziniert. Ein hohes C bei einem Tenor oder Sopran, ein B beim Mezzo, ein G oder As beim Bariton, selbst ein hohes F beim Bass sind immer wieder erwartete oder bewunderte Momente in einer Arie. Sie stehen aber auch für extreme Emotionen. Bei einer hohen Männerstimme bewegt außerdem die Weichheit, ja „Weiblichkeit“, der Grenzgang zwischen den herkömmlichen Geschlechterbildern.

Was unterscheidet die Stimme eines heutigen Countertenors von der eines Kastraten?

HW: Es scheint so, als hätten Kastraten wirklich noch höher, geläufiger und virtuoser singen können als Countertenöre. Obwohl es auch heute wieder ganz erstaunlich virtuose Sopranisten gibt, auch ohne Kastration! Kastraten hatten sich ja sozusagen die Kinderstimme mit ihren fast unbegrenzten Möglichkeiten ins Erwachsenenalter „hinübergerettet“.

Was empfinden Sie, wenn Sie die Geschichte eines Kastraten wie Filippo Balatri lesen?

HW: Bewunderung, Rührung und Mitleid. Bewunderung für die Liebe und die Hingabe zur Musik, für seine Reisen und Begegnungen, seinen Humor. Aber der Preis für dieses außergewöhnliche Leben war hoch: Einsamkeit und Depressionen. Er hat vor mehr als 300 Jahren schon ein Schicksal erlitten, das leider auch heute noch manche Kinderstars oder Superstars erleiden.

Wie haben Sie sich die hohe und klare Sopranstimme Ihrer Kindheit erhalten?

HW: Als Kind hatte ich eine auffallend hohe, klare Sopranstimme. Witzigerweise habe ich meinen Stimmbruch dann gar nicht richtig erlebt, da ich mit der hohen Stimme weiterhin gesungen habe und sich gleichzeitig eine tiefere, „brustige“ Sprechstimme entwickelte. Als ich meine Gesangslehrerin einmal fragte, ob ich die Übungen denn auch mit dieser tieferen Stimme singen könnte, meinte sie: „Aha, da hat sich also ein Bariton entwickelt.“ Ab da begannen wir, die Bariton-Stimme zu trainieren. Eher aus Spaß habe ich dann aber immer wieder die hohe Stimme eingesetzt und damit quasi gespielt, und durch mein Wachstum und durch das jahrelange Singen als Bariton wurde die Sopranstimme dann zu einem Mezzosopran oder Alt.

Wie schaffen Sie es heute, beides zu singen: Bariton und Countertenor?

HW: Mich hat von jeher die Frauenstimme stärker fasziniert als die Männerstimme, deshalb habe ich mich viel mit der entsprechenden Literatur befasst. Ich habe mir auch viele Aufnahmen von Sängerinnen angehört, vor allem historische. Bei mir selbst habe ich gemerkt, dass ich bestimmte Ausdrucksnuancen und Gefühle oft besser mit der Counterstimme erzeugen konnte als mit der Baritonstimme. Die hohe Stimme ist ja nicht nur viel empfindlicher, sondern auch empfindsamer, weil ich hier von den Randschwingungen des Stimmbandes ausgehe. Als während meines Engagements in Salzburg ein Countertenor für die Rolle des Pompeo in Vivaldis Oper Farnace gesucht wurde, habe ich gefragt, ob ich für diese Rolle vorsingen dürfte. Man war verblüfft – und ich bekam die Rolle. Agenturen sahen das damals skeptisch und rieten mir, mich für eine Stimmlage, ein „Fach“, zu entscheiden, aber ich dachte mir, warum? Beide Stimmlagen sind ja meine Stimmlagen, und es ist eine Stimme: meine. Ich benutze die ganze Bandbreite der Stimme als Instrument und setze auch bei meinen zahlreichen Auftritten auf Schauspielbühnen immer mit Freude beide Stimmlagen ein. Dann singe ich oft sogar Literatur, die gar nicht für Countertenor geschrieben ist, sondern für Sopran und Mezzo. Dennoch bleibt bei der Countertenor-Stimmlage der Schwerpunkt bei Werken des Barock, bei der Baritonstimme beim Lied.

Kann man länger im Leben Bariton singen als Countertenor?

HW: Das weiß ich noch nicht. Ich hoffe aber, dass beide Stimmlagen bei guter „Pflege“, körperlicher Gesundheit und einer aufrichtigen innerlichen Haltung der jeweiligen Literatur gegenüber für mich noch eine Weile Ausdrucksmöglichkeiten meiner Seele bleiben können.

INTERPRET:INNEN

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Redaktion: Otto Hagedorn
Text & Interview: Susanne Benda