1. Mai 2026, 19:30 Uhr

Jörg Halubek & il Gusto Barocco

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Programm
Programmtext
Interpret:innen
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TERMIN

Freitag, 1. Mai 2026, 19:30 Uhr
Schloss Schwetzingen, Mozartsaal

Einführung mit Susanne Benda und Jörg Halubek um 18:30 Uhr, Jagdsaal

LIVE-Übertragung in SWR Kultur und zum Nachhören auf SWRKultur.de

BESETZUNG

IL GUSTO BAROCCO
Jörg Halubek
Musikalische Leitung, Cembalo
Eva Saladin Violine
Anaïs Chen
Violine
Jonathan Pešek
Viola da Gamba
Amélie Chemin
Viola da Gamba
Fred Uhlig
Violone
Anna Schall
Zink
Martin Bolterauer
Zink
Catherine Motuz
Posaune
Sabine Gassner
Posaune
Yosuke Kurihara
Posaune

PROGRAMM

Giovanni Gabrieli
1557 – 1612
Canzon in echo duodecimi toni à 10
Aus: Sacrae Symphoniae

Giovanni Antonio Pandolfi Mealli
1624 – um 1687
Sonata D-Dur op. 3 Nr. 4 „La Castella“

Claudio Merulo
1533 – 1604
Canzona à 5 F-Dur

Giovanni Gabrieli
Canzon Duodecimi Toni à 10 Ch 178
Aus: Sacrae Symphoniae

Biagio Marini
1594 – 1663
Passacalio op. 22 Nr. 25

Giovanni Gabrieli
Sonata pian’ e forte
Aus: Sacrae Symphoniae

Heinrich Ignaz Franz Biber
1644 – 1704
Sonata Nr. 5 e-Moll
Aus: Sonatae Violino solo, C 142

Giovanni Gabrieli
Canzon per sonar primi toni à 8

Antonio Bertali
1605 – 1669
Sonata à 3 d-Moll

Samuel Scheidt
1587 – 1654
Courant dolorosa à 4
Aus: Ludi musici I, SSWV 47

Tarquinio Merula
1595 – 1665
Ciaccona
Aus: Canzoni overo sonate concertate per chiesa e camera op. 12 Nr. 20

Giovanni Gabrieli
Canzon XIV à 10

Una Festa BaroccaPROGRAMMTEXT

Fest der Zeitenwende

Künstliche Intelligenz, Kriege, neuer Nationalismus, Klimakatastrophe, Migrationsbewegungen: Die Zeiten, in denen wir heute leben, sind unruhig, sie fordern Umdenken und Anpassung. Wir leben in Zeiten der Wende. Altes geht, und wir wissen nicht, was an seine Stelle treten wird. Ähnlich wie wir heute müssen sich die Menschen zu Beginn des 17. Jahrhunderts gefühlt haben. Damals endete die Renaissance, die selbst schon eine Übergangsepoche (zwischen Mittelalter und Neuzeit) gewesen war, und es begann die Zeit des Frühbarock. Wie diese Zeit geartet war, lehrt schon ein Blick auf die Wortherkunft. „Barroco“ nannte man damals im Portugiesischen eine Perle mit unregelmäßiger Form.

Eine Perle glänzt. Sie ist wertvoll. Dellen und Kerben hingegen stehen für Individuelles. Und beide Seiten zusammen formen genau das, was uns in der Barockzeit begegnet. Da ist einerseits der Adel, das Repräsentative, ein von zahlreichen Regeln getragenes hierarchisches System. Auf der anderen Seite steht der Drang des Individuums nach Freiheit und eigenem Ausdruck. Die Reibung zwischen beidem führte nach knapp zwei Jahrhunderten zur französischen Revolution – und zur nächsten Zeitenwende vom Barock zur Klassik.

Im Barock haben Machthaber und Untergebene, Gesetz und Freiheit, verordnetes Maß und individueller Ausdruck allerdings oft friedlich koexistiert. Ganz besonders in der Musik, und dort vor allem in einer gerade erst neu erfundenen Kunstform, der Oper. Dort hat die starre Festlegung eines Oben und eines Unten, einer Melodie- und einer Bassstimme, die Freiheit des harmonischen Improvisierens möglich gemacht, und ohne das regelhafte Fortschreiten der Basslinie wären hochexpressive Melodien nie möglich gewesen. So haben sich im Barock Bindung und Entfesselung gegenseitig bedingt und getragen.

„Festa Barocca“ ist der Titel eines Abends, der uns mitten hinein führt in die Experimentierküche der Klänge im frühen 17. Jahrhundert. Im Zentrum stehen Instrumentalwerke aus einer Sammlung des Venezianers Giovanni Gabrieli, der als Hauptorganist am Markusdom Komponisten aus aller Welt anzog. In den Sacrae Symphoniae von 1597 finden sich neben 45 Gesangsstücken auch 16 Instrumentalwerke, in denen der Komponist zahlreiche musikalische Neuerungen anstößt. Auf engstem Raum kontrastiert Gabrieli polyphone und homophone Passagen, gerade und ungerade Metren und verwendet Klangfarben auf charakteristische Weise. Bei der Canzon in echo à 10, einer überaus effektvollen Echostudie, und der Sonata pian’ e forte erleben wir außerdem eine typische Raummusik Gabrielis, der hier seine auf den Emporen von San Marco erprobte vokale Mehrchörigkeit wirkungsvoll auf den Wechsel zwischen unterschiedlichen Instrumentenchören überträgt. Die Sonata enthält als eine der ersten Kompositionen der Musikgeschichte in ihrem Notentext Angaben zur Dynamik, außerdem gehört sie zu den Stücken der Sacrae Symphoniae, denen Gabrieli erstmals konkrete Besetzungsangaben beifügt: Das im Titel des Stücks angekündigte Laut und Leise („pian’ e forte“) sollen zwei Gruppen von Trombonen (also Posaunen) ausführen, die im Diskant von einem Zink bzw. einer Viola verstärkt werden.

Schritte weg von Überwältigung und Repräsentation hin zu hoher Expressivität machen Antonio Bertali, Giovanni Antonio Pandolfi Mealli und vor allem Heinrich Ignaz Franz Biber, der Jüngste im Bunde. Biber wurde als Geigenvirtuose bejubelt, und als Komponist an der Hofkapelle des Salzburger Erzbischofs war er ausgesprochen experimentell aufgelegt. Seine Violinsonaten scheuen weder Dissonanzen noch formale Grenzüberschreitungen, die Angaben zur Artikulation und zu den Stricharten sind unkonventionell, exzessiv setzt Biber Doppelgriffe ein, reizt auf dem Griffbrett die höchsten Lagen voll aus. So auch in der e-Moll-Sonate, die 1681 als fünfte von acht Violinsonaten im Druck erschien. Zahlreiche virtuose Läufe und Sprünge weisen deutlich in Richtung des Solokonzertes, das um 1700 entstand.

So feiert dieser Abend eine Zeit der Emanzipation. Das Individuum tritt aus dem Kollektiv heraus, aus der repräsentativen Vokalpolyphonie entwickelt sich eine eigenständige Instrumentalmusik, die zum Affekt stilisierten Gefühlsbewegungen werden zu individuellen Emotionen, die sich in der Musik spiegeln. Altes geht und Neues kommt. Die „Festa Barocca“ feiert den Schritt über eine Schwelle, den man als Blaupause für unsere Zeitenwende verstehen darf. Also: Schluss mit dem Jammern, weg mit der Angst – feiern wir mit!

INTERPRET:INNEN

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Veranstalter & Herausgeber: Schwetzinger SWR Festspiele gGmbH
Künstlerische Leitung & Geschäftsführung: Cornelia Bend
Redaktion: Otto Hagedorn
Text: Susanne Benda