Sommer 2022: Der Sasselbach zwischen Mainz und Worms ist fast verschwunden. Nur noch ein Rinnsal schlängelt sich durch die Weinberge hinunter Richtung Rhein. Wie hier trocknen überall in Deutschland Quellen, Teiche und Bäche aus.
Interaktive Karte von #unserWasser: Fast 2.500 trockene Gewässer gemeldet
Fast 2.500 Meldungen sind auf der interaktiven Karte von #unserWasser zu sehen. Das stille Sterben der Seen und Bäche wird zunehmen, „im Mittelgebirge wie im Tiefland und besonders in den urbanen Räumen“, prognostiziert der Hydrobiologe Mario Michael Sommerhäuser: „Wir müssen damit leben, dass nicht jedes Gewässer im Klimawandel so wie heute erhalten bleiben kann - es wird vermehrt trocken fallende Gewässer im Sommerhalbjahr geben.“
Klimawandel verschärft Wasserknappheit und Trockenperioden
Seit Jahrzehnten warnen Wissenschaftler davor, dass sich der Klimawandel auf die Wasserverfügbarkeit auswirkt. Die steigenden Durchschnittstemperaturen und veränderte Niederschlagsmuster führen dazu, dass immer mehr Bäche und Seen austrocknen. Seit 1998, so berichtet Sommerhäuser, seien die Sommer in Deutschland immer wärmer und trockener geworden. Experten wie er befassen sich deshalb verstärkt mit Strategien zur Bewältigung von Dürreperioden.
Droht Deutschland die Rationierung von Wasser?
Auf der Fachkonferenz „Wasser extreme“ in Bonn wurde Anfang Mai 2022 intensiv diskutiert, wie Deutschland auf die Austrocknung der Oberflächengewässer reagieren sollte. Eine der möglichen Maßnahmen ist die Rationierung von Wasser in Dürrezeiten. In manchen Regionen wird dies bereits erwogen. Notfallpläne für Hoch- und Niedrigwasser gibt es schon, doch der Handlungsdruck wächst stetig.
Stadtplanung im Wandel: Wasserrückhalt wird zur Priorität
Für austrocknende Gewässer will er Notfallpläne erstellen lassen. Für Hoch- und Niedrigwasser im Main gibt es schon einen. Es müsse aber ganz grundsätzlich umgedacht werden, sagt Sommerhäuser: „Noch bis vor ein paar Jahren ging die Stadtplanung immer von Straßen und Gebäuden aus. Jetzt müssen wir beim Planen zuerst ans Wasser denken.“
Neue Strategien: Wasser soll in der Fläche gehalten werden
Der Grundwasserökologe Dr. Hans Jürgen Hahn von der Universität Landau meint: "Bis in die 90er Jahre ging es den Planern immer darum, das Wasser aus der Landschaft auszuleiten. Das hat sich mittlerweile genau umgedreht: Jetzt müssen wir es in der Fläche halten."
Bei Guntersblum laufen Entwässerungsgräben durch die Weinberge. Das Wasser fließt sofort ins Tal ab und dann den Bach runter in den Rhein. „Stattdessen bräuchten wir an den Hängen mehr Strukturen, wie Hecken und in den steileren Lagen Terrassen, die den Abfluss des Wassers bremsen.“ Das gilt auch für den Ackerbau. In der Landwirtschaft, aber auch in Siedlungs- und Gewerbegebieten müssen wir dafür sorgen, „dass das Wasser langsam versickert und nicht in der nächsten Kanalisation verschwindet.“
Städte müssen umdenken
Parkplätze müssten durchlässiger für Regenwasser sein. Mehr Grünstreifen und Dachbegrünungen seien nötig. Hamburg hat jetzt Regenwasserspielplätze in denen bei Starkregen das Wasser stehen bleibt und langsam versickert. Vorbildlich seien auch Modellversuche mit Parkhäusern, in denen eine Etage als Speicher für Wasser vorgesehen ist, meint Sommerhäuser. Solche Speicher sind gewünscht. Auch Moore und Wälder seien wichtig, um das Wasser in der Landschaft zu halten.
Wald im Wasserstress: Ergebnisse der Forst-Umfrage
Aber gerade den Wäldern fehlt das Wasser. „So erleben wir beispielsweise in den Auwäldern an der mittleren Elbe, dass Bäume aller Altersstufen flächenhaft durch Trockenstress geschädigt sind und absterben.“ sagt Tobias Schäfer vom WWF. Eine SWR-Umfrage im Jahr 2022 unter 240 deutschen Forstleuten hat ergeben, dass sich bei über 95 Prozent der Befragten die Wasserversorgung in ihren Wäldern in den letzten zehn Jahren verschlechtert hat.
Abkehr von der Entwässerungspolitik: Neue Forderungen für Waldbesitzer
Ulrich Dohle, Bundesvorsitzender im Bund Deutscher Forstleute (BDF) fordert, die „jahrzehntelange Entwässerungspolitik“ müsse aufhören: Der Beitrag, den Waldbesitzer jährlich an die Wasser- und Bodenverbände zahlen, damit „ihre Wälder gegen ihren Willen entwässert werden“ müsse aufgehoben werden.
Wenn das Wasser fehlt Wie Landwirte Tiere und Felder durch die Dürre bringen
Dürre in Deutschland: Landwirte kämpfen mit Wasserknappheit, Futtermangel und Hitze. Wie Technik und neue Strategien helfen können.
Innovative Bewässerungsmethoden: Effizienter Umgang mit Wasser in der Landwirtschaft
Auch die Landwirtschaft muss sich umstellen, meint der Grundwasserökologe Hans Jürgen Hahn: Die Bewässerung müsse optimiert, zeitgemäße Bewässerungstechniken eingesetzt werden. Auch sollte die Beregnung nur bei Nacht erfolgen, wo viel weniger Wasser verdunstet. Damit ließe sich der Wasserverbrauch in der Landwirtschaft um bis zu 80 Prozent oder mehr reduzieren.“ Zukünftig brauchen wir eine Landwirtschaft, die den Boden so bearbeitet, sagt Hahn, dass er das Wasser wieder schneller aufnimmt und besser halten kann.
Grauwasser und Notfallmaßnahmen: Industrie, Gewerbe und private Haushalte gefordert
Von Industrie und Gewerbe verlangen die DWA, genutztes Wasser, sogenanntes Grauwasser, wieder zu verwenden. Der Swimmingpool im Garten, sagt Sommerhäuser, wird im Notfall trocken bleiben müssen.
Wie lange dauert die Erholung von ausgetrockneten Gewässern?
Trotz aller Initiativen und Maßnahmen wird es Jahre, wenn nicht Jahrzehnte dauern, bis Bäche wie der Sasselbach wieder dauerhaft Wasser führen, falls sie einmal ganz ausgetrocknet sind. Die Erholung von Ökosystemen braucht Zeit, Engagement – und den gemeinsamen Willen, unser Wasser zu schützen.