Es ist ein ganz alltäglicher Moment: Auf dem Weg zum Supermarkt bleibt ein Kind plötzlich stehen. Zwei Schnecken kriechen vorbei, ein Regenwurm windet sich über den Asphalt. Während Erwachsene weiter müssen — zum Bäcker, zur Arbeit, zum nächsten Termin — würde das Kind am liebsten minutenlang beobachten. „Der erste Impuls ist oft: Komm, wir müssen weiter“, sagt Jeremias Kern. „Aber das Kind könnte eine halbe Stunde einfach nur dastehen und schauen.“
Kern leitet den Waldkindergarten des Deutschen Jugendherbergswerks (DJH) in Walldürn im Neckar-Odenwald-Kreis. Für ihn steckt in solchen Situationen eine grundlegende Frage: Wie viel Raum bleibt Kindern heute eigentlich noch, einfach Kind zu sein? „Das kindliche Spiel, sorglos sein, sich auf etwas konzentrieren dürfen, das interessiert — das fällt oft hinten runter“, sagt er. Im Waldkindergarten wolle man genau dafür Zeit schaffen.
Ein Kindergarten zwischen Ästen und Matschhosen
Der Waldkindergarten liegt direkt neben der Jugendherberge Walldürn. Es gibt eine Schutzunterkunft für schlechtes Wetter und feste Rituale wie Morgenkreis, Essenszeiten und Abschlussrunde. Die meiste Zeit aber verbringen die Kinder draußen — im Wald, zwischen Baumstämmen, Laub und kleinen Pfaden. Die Kinder entscheiden mit, wohin es geht. „Partizipation ist ein großes Stichwort bei uns“, sagt Kern. Dazwischen bleibt viel Zeit für freies Spiel, kleine Projekte und spontane Entdeckungen.
Ein klassischer Vormittag könne bedeuten, dass Kinder Stöcke sammeln, Käfer beobachten oder versuchen, über einen umgestürzten Baum zu balancieren. Für den Kindergartenleiter steckt darin mehr als Beschäftigung: „Das sind wichtige Entwicklungsschritte.“ Auch die Eltern müssten das Konzept bewusst mittragen. „Ohne funktioniert es nicht“, sagt Kern. Familien entschieden sich gezielt für diese Form der Betreuung — inklusive Gummistiefeln, Matschsachen und der Bereitschaft, gemeinsam mit dem Kind am Wochenende in die Natur zu gehen.
Damit Eltern Einblick bekommen, verschickt der Kindergarten einmal pro Woche die sogenannte „Waldpost“: Fotos und kurze Berichte aus dem Alltag der Kinder. Denn auf die Frage „Wie war dein Tag?“ komme oft nur ein knappes „Gut“ zurück. Die Bilder sollen Gespräche anstoßen.
Wo sind Kinder willkommen?
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Warum ausgerechnet das DJH einen Kindergarten gründet
Dass hinter dem Waldkindergarten ausgerechnet das Deutsche Jugendherbergswerk steckt, überrascht zunächst. Jugendherbergen würden viele vor allem mit Klassenfahrten und Familienurlauben verbinden, stellt Alexander Reichert vom DJH-Landesverband Baden-Württemberg fest. Für ihn greife dieses Bild jedoch zu kurz. Das DJH verstehe sich als Träger der Kinder- und Jugendhilfe — mit Bildungsauftrag.
Schon lange arbeite man mit Schulklassen, Vereinen und Familien zusammen. Naturpädagogik und gemeinschaftliches Lernen würden daher zum Selbstverständnis des Verbands gehören. Der Schritt zum Kindergarten sei deshalb weniger zufällig gewesen als vielmehr eine Weiterentwicklung.
„Wenn man es ernst meint mit Bildung und Persönlichkeitsentwicklung, dann muss man eigentlich im frühkindlichen Bereich anfangen.“
So entstand vor zwei Jahren in Walldürn der erste Waldkindergarten in Trägerschaft des Deutschen Jugendherbergswerks bundesweit.
Lernen durch Umwege
Für DJH-Vertreter Alexander Reichert liegt die Stärke des Konzepts gerade in den kleinen Herausforderungen des Alltags. Er erinnert sich an einen Spaziergang mit Kindergartenleiter Jeremias Kern. Man könne den geraden Waldweg nehmen — oder den schwierigeren Weg durchs Dickicht. Über Baumstämme steigen, unter Ästen hindurchkriechen, kleine Hindernisse überwinden.
„Beim ersten Mal klappt es vielleicht nicht“, sagt Reichert. „Aber beim nächsten Mal schafft das Kind es alleine.“
Genau darin liege Entwicklung: Probleme lösen, Selbstvertrauen gewinnen, Widerstände überwinden — begleitet, aber nicht ständig gelenkt. Der Wald werde so zum Erfahrungsraum. Kinder lernten ihre Umgebung nicht abstrakt kennen, sondern unmittelbar: mit den Händen, den Füßen, allen Sinnen.
Mehr als ein Modellprojekt
Ursprünglich war der Kindergarten als Pilotprojekt geplant. Inzwischen baut das DJH das Konzept weiter aus. Vergangenes Wochenende eröffnete in Limbach - ebenfalls im Neckar-Odenwald-Kreis - der zweite Waldkindergarten des Verbands.
Das DJH sieht darin auch eine Antwort auf kommunale Herausforderungen — etwa beim Ausbau von Ganztagsbetreuung oder Ferienangeboten. Viele kleinere Gemeinden hätten dafür weder genug Personal noch ausreichend Infrastruktur, sagt Reichert. Das DJH bringe dagegen bereits Erfahrung aus über 120 Jahren Kinder- und Jugendarbeit mit. Für ihn sei der Waldkindergarten deshalb nicht nur ein pädagogisches Projekt, sondern auch ein neues Verständnis von Jugendherbergen: als Teil des sozialen Lebens vor Ort.
Zeit für den Käfer
Zurück im Wald von Walldürn. Dort bleibt manchmal einfach Zeit, stehenzubleiben. Zeit, einen Käfer zu beobachten. Zeit, einen Ast zum Balancieren zu finden. Zeit, einen Weg nicht möglichst schnell, sondern möglichst neugierig zu gehen.
Vielleicht ist genau das die Idee hinter dem Waldkindergarten: Kindern Räume zu geben, in denen nicht ständig das Nächste wartet. Oder, wie Jeremias Kern es formuliert: „Das Kind hat das Recht auf den heutigen Tag.“
ARD startet am Sonntag Mitmachaktion zur Kinderfreundlichkeit
Am 17. Mai startet die ARD die Mitmachaktion #unsereKinder.Teilnehmende können kinderfreundliche Orte und Aktionen für Kinder auf einer deutschlandweiten Karte markieren.
Aber sie sind auch aufgerufen, dort einen Pin zu setzen, wo es Probleme gibt. Gemeinsam mit UNICEF Deutschland will die ARD herausfinden, welche Veränderungen notwendig sind, damit Deutschland kinderfreundlicher wird.