Gewichtheben

Yekta Jamali vor emotionaler Premiere: Hoffnung auf Medaillen und Freiheit für Iran

Die gebürtige Iranerin Yekta Jamali startet bei der EM im Gewichtheben erstmals für Deutschland. Doch der Traum von einer Medaille wird von Sorgen um ihre Heimat begleitet.

Teilen

Stand

Der deutsche Reisepass lag auf ihrem silbernen Rollkoffer, als Yekta Jamali das Hotelzimmer in Georgien betrat. Wohl nicht ganz zufällig hatte die aus Iran stammende Gewichtheberin den erst wenige Monate alten Ausweis in den Vordergrund gerückt, als sie das erste Foto ihrer EM-Mission in den Sozialen Netzwerken teilte. Denn auch sportlich beginnt nun ein neues Leben.

EM in Georgien als Debüt für Deutschland

Ihr Ziel sind Medaillen für Deutschland - am liebsten schon bei der Europameisterschaft in Batumi in Georgien. Dann vertritt die aus dem Iran geflüchtete und nun in Baden-Württemberg lebende und trainierende Sportlerin erstmals bei einem großen Wettkampf die schwarz-rot-goldenen Farben.

Doch während Jamali ihren Traum lebt und am Donnerstag (23.04.) erstmals unter der deutschen Flagge für eine Medaille kämpft, ist die Situation in ihrem Geburtsland längst zu einem Alptraum geworden. Ihr größter Wunsch für ihre Familie und alle Iranerinnen und Iraner ist Freiheit. "Ich wünsche mir von Herzen Freiheit und Glück für den Iran und mein Volk. Die Menschen dort sind sehr freundlich und haben viel Leid erlebt. Ihnen ist über viele Jahre großes Unrecht widerfahren", sagt Jamali. "Am Ende bin ich überzeugt, dass alles gut wird."

Angst um die Familie im Iran

Jamali sorgt sich um ihre Heimat und geht auf Demos, doch sie hat auch Angst um die Menschen in ihrem Heimatland. "Ich hoffe, dass meine Familie okay ist", sagt Jamali, deren komplett im Iran lebende Familie aufgrund der zerstörten Infrastruktur durch den Krieg zum Teil von der Außenwelt abgetrennt ist. "Ich habe nicht erwartet, dass der Krieg so lange geht", antwortet die Gewichtheberin vom AC Mutterstadt auf die Frage, was sie gedacht habe, als der Krieg Ende Februar ausbrach. Jamali postet immer wieder Videos auf Instagram und geht in Deutschland auf Demos.

Mit 17 Jahren ergreift Jamali die Flucht

Mit 17 Jahren nutzte sie 2022 bei der Junioren-Weltmeisterschaft in Griechenland die Gelegenheit, um nach Deutschland zu flüchten. "Dann habe ich entschieden, dass ich nicht mehr in den Iran zurückgehen will, weil die Situation richtig schwer war für Frauen, für Gewichtheberinnen", erklärt Jamali. Zwei Jahre später bei den Olympischen Sommerspielen 2024 in Paris trat sie für das Flüchtlingsteam des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) an, belegte in der Gewichtsklasse bis 81 Kilogramm im Zweikampf bestehend aus Stoßen und Reißen den neunten Platz.

Am 4. Februar - nur wenige Wochen vor Beginn des Kriegs im Iran - erhielt Jamali ihre Einbürgerungsurkunde. Es war der erste große Schritt auf dem Weg zu den Olympischen Spielen 2028 in Los Angeles, an denen Jamali unbedingt für Deutschland teilnehmen möchte.

Jamali als Hoffnung für das deutsche Gewichtheben?

Erst einmal aber die EM: Für die Titelkämpfe in Georgien sind in der Gewichtsklasse bis 77 Kilogramm persönliche Bestleistungen das Ziel. Die liegen derzeit im Reißen bei 108 Kilogramm und im Stoßen bei 133 Kilogramm. Jamali zählt zu einem jungen hoffnungsvollen Team, das das deutsche Gewichtheben aus einem Tal führen soll. Tiefpunkt waren die Spiele in Paris, als sich für Deutschland niemand qualifizierte. Das soll sich in Los Angeles 2028 ändern - mit Jamali.

Sport als Ablenkung von den Kriegsgedanken

Die schlimmen Bilder aus dem Iran, die Angst um ihre Liebsten - all diese Dinge versuche sie in der Halle hinter sich zu lassen "und mich mit positiven Gedanken und Hoffnung zu motivieren", sagt Jamali. Das Gewichtheben sei für sie "auch eine Art Therapie. Wenn ich trainiere, vergesse ich für zwei oder drei Stunden all meine Sorgen und Probleme, und mein Kopf wird ruhig."

Eine Rückkehr in den Iran kann sich Jamali nicht vorstellen. "Ich glaube nicht, dass ich zurückgehen will. Um meine Familie zu sehen, ja, aber nicht für immer. Ich bin jetzt Deutsche geworden und will auch meine Zukunft hier planen. Ich fühle mich wohl hier", sagt die 21-Jährige.

Erstmals publiziert am
Stand
Onlinefassung
Thomas Bareiss

Unsere Quellen

Transparenz ist uns wichtig! Hier sagen wir Ihnen, woher wir unsere Infos haben!