Wenn Ann-Katrin Berger über das spricht, was Millionen Menschen während der Europameisterschaft vor den Fernsehern fasziniert hat, dann ist sie ganz bei sich. "Ich habe einfach versucht, mein Bestes und all die Erfahrung zu geben, die ich habe", sagt sie, lächelt und blickt beinahe ungläubig auf die Bilder ihrer Paraden, die auf einer großen Leinwand im Hintergrund zu sehen sind.
Die deutsche Torhüterin, die inzwischen bei Gotham FC zwischen den Pfosten steht, ist in den USA ein Star. Auf einer Bühne in New York erzählt die Göppingerin von der EM, sie spricht über besondere Momente – und wirkt wenige Wochen nach dem Turnier in der Schweiz gelöst.
Dabei sind diese Bühne und die Aufzeichnung für den Podcast "The Women's Game" nicht gerade Bergers Lieblingsbühne. Die 34-Jährige aber spricht hier über die leichten und schweren Momente in der Schweiz, gibt Einblicke in Team-Dynamik und persönliche Erfahrungswerte. Sie wirkt nahbar, authentisch – und fast ein bisschen peinlich berührt, als sie von den vielen Fans im Publikum mit "AKB"-Rufen auf der Bühne begrüßt wird.
Große Bühne, klare Worte
Wenn die Torhüterin erzählt, fiebern sie noch einmal mit – als würde Berger in diesem Moment genau so über sich hinauswachsen, wie sie es mit ihrer Parade im Viertelfinale gegen Frankreich getan hat. Sie jubeln, lachen und feiern mit Berger. Ihre Faszination für die deutsche Schlussfrau, sie ließe sich mit dem gesteigerten Interesse an den Sportlerinnen und ihrem Sport in den USA erklären. Viele von ihnen tragen Shirts dem der Aufschrift "Everyone watches Women's Sports". Das aber greift zu kurz. Sie sind für Berger da – und fasziniert von einer Sportlerin, die weiß, was sie kann. Und all das dennoch nicht zu hoch hängt.
Im Podcast erzählt die Torhüterin, wie sie vor dem Turnier in der Schweiz die Apps für die sozialen Netzwerke deinstalliert hat. Ihr Fokus: der Fußball. Dass sie in eben jenen sozialen Netzwerken in den vergangenen Wochen einen regelrechten Hype ausgelöst hat, Vorlage unzähliger Memes war und dabei mit ihrer Parade eine Art ikonische Vorlage geliefert hat, hat die 34-Jährige dennoch mitbekommen. "Die Mädels haben dafür gesorgt", sagt sie. Im Gruppenchat der Nationalmannschaft.
Parade läuft bei Berger nicht in Dauerschleife
Dabei hatte Berger schon nach dem Spiel gegen Frankreich weder über ihre Leistung im Allgemeinen noch über ihre Parade im Speziellen sprechen wollen – sie stellte das Team in den Mittelpunkt. Die Szene, die jetzt Wochen später in New York über die Leinwand flackert, hat die Keeperin selbst noch gar nicht so oft gesehen. "Das ist vielleicht das dritte Mal", sagt sie – und schmunzelt. Wer an jenem Abend durch Instagram scrollte, hat die Bilder schon öfter gesehen als Berger.
Die ist noch Wochen später spürbar überrascht, was sie da eigentlich geleistet hat. "Ich wusste nicht mal, dass ich so hoch und weit springen kann", sagt die Göppingerin. "Als meine Verteidigerin den Ball erwischt hat, dachte ich nur: 'Nein, wir können so nicht ausscheiden. Das geht nicht.'" Sie habe versucht, den Ball einzuschätzen und sich gefragt, wie weit sie ihren Arm wohl nach hinten strecken könne.
"Er wurde ehrlich gesagt immer länger und länger und ich war wirklich überrascht von mir selbst", so Berger. "Es ist verrückt, dass ich das kann. Ich habe das im Training nie geübt, deshalb wusste ich nicht, dass ich das kann. Aber im Fernsehen sieht ja eh alles besser aus." Die Schlussfrau lacht – die Fans auch, denn alle wissen, diese Parade war nicht nur im TV beeindruckend.
Im EM-Viertelfinale: Berger als Torhüterin und Schützin
Dass Berger in jenem Viertelfinale auch im Elfmeterschießen glänzte, als Schlussfrau und als Schützin, auch das wirkt in ihrer Erzählung fast ein wenig wie Fügung. "Das Team hat entschieden, dass ich ihn schieße. Und dann dachte ich: 'Gut, dann mache ich das so." Sie waren sich alle sicher, dass ich den Elfmeter nehmen soll." Gesagt, getan, getroffen.
Die EM aber, sie war für die 34-Jährige mehr als nur die besonders schönen Momente. Nach dem Aus im Halbfinale gegen Spanien, dem bitteren Gegentreffer, ging Berger hart mit sich ins Gericht – sprach auch ihre Rolle beim Gegentor deutlich an. Und hat diese Klarheit auch Wochen später noch. "Es hat ein bisschen gedauert, bis ich darüber hinweggekommen bin, dass wir es nicht ins Finale geschafft haben. Ich war enttäuscht von mir selbst. Ich habe es in den deutschen Medien schon gesagt – die kurze Ecke hätte meine Ecke sein sollen", sagt Berger. Das schätzen Fans und Verantwortliche.
Berger mit Klarheit in der Kommunikation
Berger spricht schnörkellos, ist klar – und ganz bei sich. Die EM war für sie mehr als ein Turnier. Es war ein Privileg. "Ich habe jeden Tag geliebt, da zu sein. Ich habe das Team geliebt. Und diese Erfahrung kann mir niemand nehmen", sagt Berger: "Und deshalb war die EM etwas Spezielles für mich. Besonders, weil ich eine ganze Weile nicht eingeladen wurde, weil ich immer Nummer drei oder zwei war – und dann die Olympischen Spiele und das EM-Halbfinale zu spielen, das ist einfach fantastisch."
Berger ordnet ein, die Erfahrungen und Momente mit dem Team, die Ereignisse in der Schweiz – und sie sieht das große Ganze. Die 34-Jährige ist schließlich mehr als Schlussfrau. Sie hat sich über den Support von Opa Herbert im Halbfinale gefreut, über Freunde und Familie auf der Tribüne, über das, was ihr wirklich wichtig ist. Ihr Fokus ist der Fußball – aber: Berger hat in ihrem Privatleben Verlust erlebt, zwei Mal den Krebs bezwungen. Sie ordnet vielleicht auch deshalb ein, ist unaufgeregt – und strebt trotzdem nach größtem, sportlichen Erfolg.
Als Kind habe ich davon geträumt. Aber – viele Menschen haben Träume, aber einen Traum zu leben, das ist etwas Anderes. Das ist wunderschön.
Dass Berger zur Fußballerin des Jahres gewählt – bei den Stimmen übrigens gleichauf mit DFB-Kapitänin Giulia Gwinn – und für den Ballon-d'Or nominiert ist, wirkt folgerichtig – für die Fußballerin. Die Göppingerin aber ist eben mehr als das, sie ist Vorbild, sportlich und menschlich. "Als Kind habe ich davon geträumt. Aber – viele Menschen haben Träume, aber einen Traum zu leben, das ist etwas Anderes. Das ist wunderschön."
Berger lässt Zukunft offen
Ob es für sie im deutschen Nationalteam weitergeht? "Darüber habe ich tatsächlich noch nicht nachgedacht", sagte sie zuletzt dem kicker. "Ich muss auf meinen Körper hören. Wenn ich weiß, dass ich nicht mehr mithalten kann, dann tue ich der Mannschaft auch keinen Gefallen. Aber bis jetzt läuft es ja noch gut."
Nach mehr als zehn Jahren im Ausland kann sich die Torhüterin sogar eine Rückkehr nach Deutschland vorstellen. "Ich sage niemals nie. Es wäre schön, am Ende meiner Karriere noch mal in Deutschland zu spielen und in der Nähe meiner Familie zu sein." Auch in ihren Entscheidungen ist Ann-Katrin Berger ganz bei sich.