Cacau zögerte keine Sekunde, als unsere Anfrage kam. Er sagte sofort zu, obwohl es kein "übliches" Sport-Interview zur aktuellen Situation des VfB Stuttgart werden sollte. Wir wollten mit dem bekennenden Christen über die Botschaft von Weihnachten und über seine persönlichen Werte sprechen. In einer Zeit, in der viele Menschen das Gefühl haben, die Welt befinde sich im Krisenmodus.
Cacau war nicht nur erfolgreicher Stürmer beim VfB Stuttgart (2003 bis 2014, Meistertitel 2007) und in der deutschen Nationalmannschaft (sechs Tore in 23 Länderspielen). Er war schon immer jemand, der über die Begrenzung eines Fußballplatzes hinausschaute. Der 44-Jährige, heute Markenbotschafter des VfB Stuttgart, wuchs in Brasilien in ärmlichen Verhältnissen und mit einem alkoholkranken Vater auf. Sein christlicher Glaube prägt sein Denken und seinen Lebensstil. Cacau ist seit Juni 2002 mit Tamara verheiratet und lebt im Remstal. Das Ehepaar hat drei Kinder: Lidia (19), Levi (17) und Davi (13). Im SWR Sport-Interview spricht Cacau über Weihnachten in Brasilien, seine Kraftquelle, seine Gitarrenkünste und die Kraft der Vergebung.
SWR Sport: Cacau, Sie sind in der Region Sao Paulo in ärmlichen Verhältnissen groß geworden. Sie und Ihre zwei Brüder wuchsen bei der alleinerziehenden Mutter auf, der Vater war wegen seiner Alkoholerkrankung oft nicht zuhause. Wie haben Sie als Kind Weihnachten erlebt?
Cacau: Wir haben Weihnachten nicht so gefeiert, wie wir es heute tun, also mit Familie und Freunden, mit Geschenken, Essen und Trinken. Ich kann mich erinnern, dass meine Mutter an manchen Weihnachtsfesten nicht wusste, was sie uns zu essen geben sollte. Von Geschenken war keine Rede. Trotzdem haben wir immer einen Weg gefunden. Nachbarn und Freunde haben uns geholfen. Wir haben die Zeit trotz allem genossen, und wir konnten unsere Sorgen etwas vergessen.
Gab es einen Weihnachtsbaum?
In Brasilien gibt es ja keinen Winter mit Schnee. Aber wir hatten einen kleinen Weihnachtsbaum mit Styropor, um den Schnee darzustellen. Es war alles viel kleiner. Ich konnte mir damals gar nicht vorstellen, wie groß ein Weihnachtsbaum sein kann und wie viele Geschenke darunter liegen können.
Hatte die Weihnachtsbotschaft in Ihrer Familie eine Bedeutung?
Nicht nur an Weihnachten. Wir wurden christlich-katholisch erzogen. Der Glaube war immer präsent. Der Sinn von Weihnachten, die Geburt von Jesus, war uns das ganze Jahr über bewusst.
Sie haben sich mit 16 noch einmal ganz bewusst für den christlichen Glauben entschieden. Inwieweit beeinflusst dies Ihr Leben?
Dieser Entschluss hat mein Leben komplett verändert. Der Glaube beeinflusst all meine Entscheidungen. Natürlich ist auch bei mir nicht alles perfekt, es gibt nach wie vor viele Herausforderungen. Aber damals habe ich einen inneren Frieden gespürt, den ich vorher nicht kannte. Ich hatte meinen Anker gefunden. Meine Sicherheit liegt seitdem nicht mehr in den Dingen dieser Welt, sondern in meinem Glauben. Diese Wahrheit trägt und prägt mich bis heute. Ich weiß, Gott ist bei mir – unabhängig von den Umständen. Dies gibt mir auch in Krisenzeiten eine innere Stabilität.
Diesen Glauben haben Sie auch als Profi des VfB Stuttgart öffentlich bezeugt. Beim Torjubel gingen die Augen und beide Zeigefinger Richtung Himmel. Unter dem Trikot trugen Sie T-Shirts mit christlichen Botschaften. Warum war Ihnen das wichtig?
Es war meine Überzeugung. Nur mit meinen Kräften allein hätte ich das alles, meine gesamte Karriere, nicht geschafft. Mir war immer wichtig zu zeigen, woher meine Kraft kommt. Alles, was ich habe, kommt von Gott.
Haben Sie sich wegen Ihres Glaubens auch mal Sprüche von Teamkollegen oder Gegenspielern anhören müssen?
Nein, das war nie Thema. Denn es war echt und authentisch. Die Mitspieler haben mich überall mitbekommen - auf dem Platz, in der Kabine oder privat. Klar, ich war sehr ehrgeizig und auf dem Platz auch manchmal aggressiv. Aber insgesamt habe ich durch meine Haltung Respekt erfahren.
Auch aktuell bezeugen etliche Fußballprofis ihren Glauben: VfB-Profi Chris Führich, Liverpool-Torwart Allison Becker, Davie Selke, Felix Nmecha oder Hoffenheims Tim Lemperle. Wie sehr freut Sie das?
Ich selbst wurde von Spielern beeinflusst, die sich zu Gott bekannt haben. Einer war Jorginho, brasilianischer Weltmeister bei Bayer Leverkusen und Bayern München. Er war ein Vorbild für mich. Ich habe das nachgelebt, und nach mir kamen weitere. Aktuell sind es viele. Ich finde das sehr mutig und gut. Einer meiner Söhne ist 17. Für ihn ist es wichtig zu sehen, dass diese Fußballstars ihren Glauben haben und er ihnen nacheifern kann.
Es gibt nicht nur das Christentum, sondern auch andere Religionen wie den Islam. Fußballstars wie Mohamed Salah oder Antonio Rüdiger sind bekennende Muslime. Kann es auch zu Konflikten innerhalb eines Teams kommen, wenn sich Spieler zu unterschiedlichen Religionen bekennen?
2010 habe ich bei der Fußball-WM in Südafrika gegen Australien ein Tor geschossen. Die Vorlage kam damals von Mesut Özil. Wir haben den Treffer zusammen gefeiert. Mesut als bekennender Muslim, ich als Christ. Wir sollten einfach respektvoll miteinander umgehen. Es ist wichtig, dass jeder die Freiheit hat, seinen Glauben zu leben.
Wie werden Sie in diesem Jahr Weihnachten feiern?
Ich werde mit den Kindern nach Brasilien fliegen und dort unter Palmen und in der Wärme feiern. Wir werden mit meinen Brüdern und mit der Familie meiner Frau die Zeit genießen. Wir wollen auch bewusst über die Botschaft von Weihnachten nachdenken und sprechen.
Werden auch Weihnachtslieder gesungen? Nehmen Sie Ihre Gitarre mit nach Brasilien?
Tatsächlich spiele ich noch manchmal Gitarre, aber nicht in diesem Familienkreis. So großartig sind meine Gitarrenkünste nun auch wieder nicht, um alle Lieder zu begleiten. Es könnten dann einige den Raum verlassen (lacht) - und das wollen wir nicht.
Weihnachten ist das Fest der Familie und des Friedens. Sie haben in Ihrer Kindheit durch die Alkoholerkrankung Ihres Vaters schwierige Zeiten erlebt. Obwohl Sie auch Gewalt erleben mussten, haben Sie ihm später vergeben. Wie war das möglich?
Irgendwann kam ich an einen Punkt, wo ich mich entscheiden musste. Entweder ich vergesse ihn und wir gehen getrennte Wege. Oder ich lasse zurück, was war, und wir machen einen Neuanfang. Mir wurde klar, dass auch ich nicht frei von Fehlern bin. Mir wurde von Gott vergeben. Ich bekam die Kraft, meinem Vater zu vergeben, und dem Weg mit ihm weiterzugehen. Dabei hat meine Mutter geholfen. Sie redete nie schlecht über ihn. Dadurch war in mir kein Hass ihm gegenüber. Durch die Vergebung eröffneten sich neue Möglichkeiten. Es gab mir inneren Frieden. Dadurch konnten meine Kinder ihren Opa kennenlernen, ohne mit der Vergangenheit konfrontiert zu werden.
Ihr Vater starb vor vier Jahren, Ihre Mutter in diesem Jahr.
Ja, es wird das erste Weihnachten ohne meine Eltern sein. Das wird besonders.
Sie werden dennoch Weihnachten gemeinsam mit lieben Menschen feiern können. Es wird aber auch in diesem Jahr Leute geben, die an den Festtagen nicht nur allein, sondern auch einsam sind. Welche Botschaft haben Sie für sie?
Es ist schmerzhaft zu wissen, dass es Menschen gibt, die allein Weihnachten feiern. Aber ich bin überzeugt, dass Gott bei ihnen ist. Wir als Familie gehen regelmäßig in eine Kirchengemeinde, in der Menschen, die sich allein fühlen, aufgefangen werden. Vielleicht finden alleinstehende oder einsame Menschen gerade zu Weihnachten den Weg in eine solche Gemeinschaft.