"Gnadenlose Brutalität" – so bezeichnet der Fußballbezirk Enz/Murr das, was vor wenigen Tagen offenbar während der Kreisligapartie zwischen dem SV Sternfels und dem TSV Enzweihingen II passiert ist. Wie der Bezirk auf Facebook schreibt, sei es kurz vor der Halbzeitpause zu einem Foulspiel gekommen. Daraufhin sei der foulende Spieler komplett ausgerastet und habe seinen Gegenspieler zunächst in den Schwitzkasten genommen. Danach soll er ihm drei Mal mit der Faust ins Gesicht geschlagen haben, bis dieser mit blutüberströmtem Gesicht auf dem Spielfeld zusammenbrach. Der Schiedsrichter zeigte dem Spieler, von dem die Gewalt ausging, umgehend die rote Karte. Der verletzte Spieler wurde ins Krankenhaus gebracht, die Partie abgebrochen.
Prügeleien auf dem Spielfeld
Zuletzt gab es im Amateurfußball in Baden-Württemberg offenbar eine ungewöhnliche Häufung von Ausschreitungen. Auch die Partie zwischen dem FC Stuttgart-Cannstatt und dem TSV Birkach II musste wegen einer Schlägerei abgebrochen werden. Am selben Tag prügelten beim Kreisligaspiel zwischen dem TSV Schönaich II und dem FC Gärtringen II zwei Mitspieler aufeinander ein. Laut Stuttgarter Nachrichten wurde die Partie aber fortgesetzt. Sind dies alles nur Einzelfälle?
DFB vermeldet Rückgang von Gewalttaten
Einem vor wenigen Tagen veröffentlichten Lagebericht des Deutschen Fußballbunds (DFB) zufolge, geht die Gewalt auf den Fußballplätzen zurück. Demnach wurden in der Saison 2024/25 im organisierten Spielbetrieb 829 gewalt- oder diskriminierungsbedingte Spielabbrüche registriert. Das seien neun Prozent weniger als im Vorjahr, heißt es. Dies sei der niedrigste Wert seit Ende der Corona-Pandemie vor vier Jahren. Bezogen auf die Gesamtzahl von fast 1,3 Millionen Fußballspielen mit abgeschlossenem Spielbericht, seien 0,06 Prozent dieser Spiele von einem Abbruch betroffen gewesen. Der Anteil der Partien mit gemeldeten Gewalt- oder Diskriminierungsvorkommnissen, sei leicht gesunken, auf 0,43 Prozent. (2023/2024: 0,45 Prozent).
Kriminologin kritisiert DFB-Lagebericht
Thaya Vester ist Kriminologin an der Uni Tübingen und Mitglied mehrerer Projektgruppen und Kommissionen zum Thema "Gewalt und Diskriminierung im Fußball". Sie zweifelt die Aussagekraft des Berichtes an. So erfasse der Lagebericht nur die Spiele, bei denen der Spielbericht elektronisch vorliegt und abgeschlossen wurde. Vester kritisiert zudem die oberflächliche Abfrage eines Berichts. "Ich kann nur anklicken: War das Spiel gewaltbelastet – ja oder nein." Was genau in dem Spiel passierte oder ob es während der Partie ein oder mehrere Gewaltfälle gab, all das werde nicht erfasst. Vester moniert:
"Ich weiß nicht, ob es sich um eine Ohrfeige oder eine Massenschlägerei gehandelt hat"
Die Expertin schlägt daher vor, entweder den Lagebericht detaillierter zu gestalten oder die Sportgerichtsbarkeit der einzelnen Verbände anzupassen.
Der Württembergische Fußballverband (wfv) hat in einer eigenen Gewaltstatistik zudem erfasst, dass es vor allem in den Herbstmonaten vermehrt zu Ausschreitungen auf den Fußballplätzen kommt. Deswegen seien die jüngsten Auseinandersetzungen eher unüblich. Der Verband verweist darauf, dass es sich bei den jüngsten Vorkommnissen um Einzelfälle handle. In der vergangenen Saison seien insgesamt 53 Spiele wegen Gewaltausbrüchen abgebrochen worden.
"Coolness"-Workshops für Betroffene
Mit einem Präventionskonzept versucht der wfv, körperlicher und verbaler Gewalt im Amateurfußball entgegenzutreten. Spieler, die in einen Gewaltfall verwickelt waren, werden verpflichtet, an einem sogenannten "Coolness-Workshop" teilzunehmen, sagt Philipp Martens, der beim wfv für dieses Thema zuständig ist. In diesem Workshop werden gemeinsam Strategien erarbeitet, die in Konfliktsituationen angewendet werden können. Letztes Mittel gegen heftige Gewalt sei der Verbandsausschluss eines Spielers. Dies passiere laut wfv ein- bis zwei Mal im Jahr.