Seine Lippe zuckt unkontrolliert. Über sein Gesicht laufen Tränen, die er unter seiner Brille kaum wegwischen kann. Der Mann in der schwarzen Lederjacke blickt über die vor ihm stehende Menschenmenge und hebt das Mikrofon an seinen Mund. "Alles, was ich bin ... alles, was ich kann ....", schluchzt er. Dann bricht er ab. Sammelt sich: "... habt ihr mich werden lassen."
Mehr als 20.000 Menschen stehen auf dem Gutenbergplatz in Mainz und feiern ihren "Kloppo". Es sind seine berühmten letzten Worte als Trainer des 1. FSV Mainz 05. In der darauffolgenden Saison wird Jürgen Klopp bei Borussia Dortmund an der Seitenlinie stehen - der Auftakt zu einer Weltkarriere.
Natürlich stimmt das nicht ganz. Denn eigentlich beginnt die Karriere des gebürtigen Stuttgarters, der im Nordschwarzwald in Glatten aufwächst, schon deutlich früher. In Mainz, beim FSV. 352 Spiele absolviert der Mittelstürmer in elf Jahren als Profi für die Rheinhessen, erzielt 52 Tore - vier davon im DFB-Pokal.
"Wir wollen in die Bundesliga - so wie Du ins Samstagabendprogramm", witzelt Klopp damals im Fernsehen bei Mike Krüger. In der Saison 96/97 gelingt es fast, doch eine 4:5-Niederlage am letzten Spieltag gegen Wolfsburg lässt die Mainzer Träume platzen.
Schon damals fungiert "Kloppo" als rechte Hand seines Trainers und Mentors Wolfgang Frank, nach dem der Trainingscampus am Bruchwegstadion benannt ist. "Ich war einer der ältesten Spieler in der Mannschaft und habe da schon einfach mehr geregelt", erinnert er sich später. Dennoch, als Spieler schafft er es nicht ins Fußball-Oberhaus. Im Jahr 2001 beendet Klopp seine Karriere und wechselt vom Feld auf die Bank.
Der Aufstieg der Unaufsteigbaren
Am Rosenmontag 2001 übernimmt Jürgen Klopp die Mannschaft als Trainer und versucht sich einmal mehr am Aufstieg - und scheitert zunächst wieder denkbar knapp. In der Saison 2001/02 fehlt den Mainzern ein Punkt, 2002/03 ist es sogar nur ein Törchen.
Doch dann endlich klappt es. Die Saison 2003/04 beenden die schon als "Unaufsteigbare" verspotteten Mainzer auf dem dritten Platz. "Wir sind so geil auf diese Liga" erklärt der Chef-Trainer. Als solcher ist Jürgen Klopp endlich da, wo er schon als Spieler gerne gewesen wäre: in der Bundesliga. Drei Jahre bleiben die 05er erstklassig, spielen 2005 - dank der UEFA-Fairplay-Wertung - sogar im UEFA Cup, ehe sie 2007 wieder in die 2. Bundesliga absteigen.
Nach dem verpassten Aufstieg im Jahr 2008 verabschiedet sich Klopp. Die Tränen fließen - beim Trainer und bei seinen Fans. "Es gibt im Leben eines Fußballtrainers viele Momente allein im Hotel, und dann denke ich auch gerne an diese Zeit zurück. Es kommt gar nicht so selten vor, dass ich mir alte Videos angucke. Und dann rutscht auch immer mal wieder diese komische Abschiedsrede da rein. Ja, und wenn ich das dann sehe, habe ich immer noch feuchte Augen", gibt er auch Jahrzehnte später noch zu.
Das Loch im VfB-Anzug
Dass ihn ein Mainzer Publikum einmal zu Tränen rühren würde, ist in Klopps Jugend nicht abzusehen. Der junge Jürgen ist großer VfB-Fan: "Ich hätte damals sicherlich meine Seele verkauft, um dort spielen zu dürfen", erzählt er 2004 in einem SWR-Interview.
Der Sprung nach Stuttgart gelingt ihm nicht, als Trost schenkt ihm sein Vater damals einen originalen VfB-Trainingsanzug. "Den durfte ich genau dreimal unbefleckt anziehen, dann hat meine Schwester ihn gebügelt - und hat das Bügeleisen draufstehen lassen." Das heiße Eisen brennt ein Loch in das wertvolle Stück. "Jetzt, wo mir das einfällt, glaube ich, dass ich ihr das bis heute nicht verziehen habe", gibt er schelmisch zu Protokoll.
Schon zu jener Zeit steht für Jürgen Klopp die Freude am Spiel im Vordergrund. "Grundsätzlich geht es darum, dass das, was wir machen, enorm viel Spaß macht", erklärt Klopp nach dem Aufstieg 2004. Fehler könne man nicht immer verhindern, man müsse sie als das akzeptieren, was sie sind: "Ein Teil des Spiels." Die Klopp-Philosphie in wenigen Worten - und sie kommt an. Bei Spielern und Fans.
Über Dortmund und Liverpool zur Nationalmannschaft
2008 übernimmt Klopp den BVB, wird 2011 und 2012 Deutscher Meister, schafft das Double aus Meisterschaft und Pokal und erreicht das Finale der Champions League 2013 (1:2-Niederlage gegen Bayern München). Sein erfrischend offenes Auftreten wird zu einer bundesweiten Marke - und wird auch international bemerkt.
Meinung zum neuen Bundestrainer "Komplettpaket Klopp": Bewältigt der Mann aus dem Schwarzwald die Herkulesaufgabe?
Jürgen Klopp ist seit Freitag neuer Bundestrainer und Nachfolger von Julian Nagelsmann. Damit allein sind die vielen Problemen rund ums Nationalteam noch nicht gelöst, sagt SWR-Sportredakteur Kersten Eichhorn.
Im Oktober 2015 wechselt er zum FC Liverpool. Auch dort eilt "the normal one" von Erfolg zu Erfolg. "Ich empfinde meine Stationen als Segen, es ist richtig gut gelaufen bis hierhin", erklärt er im Jahr 2021. Ob er als Trainer nochmal einen Verein in der Bundesliga übernehmen wolle, wisse er nicht, sagt er damals: "Wenn es am Ende meiner Karriere nur drei Vereine waren, dann waren es geile, und das ist dann auch in Ordnung", findet Jürgen Klopp.
Einen Verein trainiert er mittlerweile nicht mehr - aber an der Seitenline wird er künftig trotzdem wieder stehen. Als Trainer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft.