Erst Ende Januar war die TSG Hoffenheim mit einem neuen Markenbild an die Öffentlichkeit gegangen. "Vom Bolzplatz in die Arena. Vom Dorf in die Welt", lautet seither das klug herausgearbeitete Bekenntnis des Vereins. Aber leider steht das Ganze nur auf dem Papier.
Denn von einer gewissen Weltläufigkeit ist der Verein in diesen Tagen so weit entfernt wie Hoffenheim von New York oder Paris. Vielmehr hat die andauernde Provinzposse im Kraichgau einen vorläufigen Höhepunkt erreicht, die eher an einen chaotischen Dorfverein erinnert und den langjährigen Beobachter der zunehmend undurchsichtigen Szenerie inzwischen nur noch fassungslos zurücklässt.
Schlammschlacht statt Spitzenspiel
Da zeigt die TSG nach Jahren in der sportlichen Diaspora und wilden Transferperioden endlich wieder erfolgreichen Erlebnis- und Ergebnisfußball, steht als Tabellendritter sogar vor dem Einzug in die Champions League und am Sonntag bei Bayern München vor dem Spiel des Jahres in der Bundesliga. Die Schlagzeilen allerdings drehen sich in diesen Tagen fast ausschließlich wieder um die chaotischen Zustände in den Führungsetagen des Hoffenheimer Vereinszentrums. Traurig und beschämend.
Andreas Schicker vor der Abberufung?
Was bereits vor eineinhalb Jahren mit dem plötzlichen Rauswurf des langjährigen Sportchefs Alexander Rosen und seiner Mitarbeiter begann, sich mit der Dauer-Diskussion samt Stadionverbot um den einflussreichen Spielerberater Roger Wittmann, mit der Trennung von einem halben Dutzend Geschäftsführer diverser Bereiche und dem Rücktritt des Kurzzeit-Präsidenten Jörg Albrecht fortsetzte, findet jetzt seinen möglichen Showdown in der Abberufung des Sport-Geschäftsführer Andreas Schicker.
Einem Mann, der als Rosen-Nachfolger aus Österreich zum damaligen Abstiegskandidaten kam und gemeinsam mit seinem Landsmann Christian Ilzer wieder Ordnung in den fußballerischen Wühltisch im Kraichgau brachte. Die TSG Hoffenheim mit cleverer Personalpolitik und klarem Konzept wieder zur fußballerischen Marke machte.
Bundesliga Schicker-Abberufung? Hoffenheim-Trainer Ilzer schließt Rücktritt nicht aus
Sportlich ist die TSG Hoffenheim sehr erfolgreich. Vor dem Topspiel gegen Bayern München rückt jedoch erneut die Zukunft von Sport-Geschäftsführer Andreas Schicker in den Fokus.
Gesellschafterversammlung am Montag
Man kann es kaum glauben: Ausgerechnet dieser Andi Schicker, längst vielumworben von der Konkurrenz, nach SWR-Informationen auch in der Geschäftsstelle der TSG fachlich und menschlich hochgeschätzt, soll vor dem Aus stehen, wenn sich am Montag nach dem Bayernspiel die Gesellschafterversammlung um Mäzen und Hauptgesellschafter Dietmar Hopp mit Schicker trifft? Christoph Henssler, der 29-jährige Interimspräsident des e.V. und Stammvereins und vorläufige Nachfolger von Jörg Albrecht, so heißt es, wolle das Gremium zusammenrufen, viele andere möchten das verhindern.
Geht es um Macht und Eitelkeiten?
Andreas Schicker, so der Hintergrund, soll bei einem vereinsinternen Vorgang einen Formfehler begangen haben und deshalb vom Sport-Geschäftsführer zum Sportchef degradiert werden. Was der 39-Jährige vermutlich kaum akzeptieren würde. Insider der TSG vermuten viel eher einen Vorwand, um ohne den aktuell alleinigen Geschäftsführer Schicker einen neue Führungsstruktur in der Spielbetriebs-GmbH zu installieren.
Man hört von Machtspielen, Einfluss und Eitelkeiten, sogar von Rachefeldzügen diverser Gruppierungen im Umfeld. Dazu muss man wissen, dass im März ein neuer Vereinspräsident gewählt wird, schon jetzt mögliche Kandidatinnen und Kandidaten platziert werden.
Trainer Ilzer schließt Rücktritt nicht aus
Wie auch immer das endet und wer auch immer hinter den undurchsichtigen Vorgängen steht: Sie sind befremdlich und stellen zugleich auch den frischen sportlichen Erfolg des Vereins, der gerade erst wieder in Richtung Fußball-Zukunft eingebogen ist, vor den Kollaps. Vom Imageschaden des sowieso nicht sonderlich gut gelittenen Klubs in der bundesweiten Fußball-Szene ganz zu schweigen.
Zumal am Freitag sogar Erfolgstrainer Christian Ilzer einen möglichen Rücktritt nicht ausschließen mochte, falls sein Landsmann und kongenialer Partner ab Montag bei der TSG Geschichte wäre.
Offener Brief von Partnern und Sponsoren
Inzwischen, gefühlt fünf nach zwölf auf der Uhr, haben sich die Partner und Sponsoren der TSG Hoffenheim zusammengeschlossen und am Freitag einen offenen Brief an Verein und Fans verfasst, der auch SWR Sport vorliegt. Darin wird Andreas Schicker, der "Garant des sportlichen Erfolgs", gestützt, seine "von einigen geforderte Abberufung" als untragbar bezeichnet und eindringlich um "Zusammenhalt, Loyalität und Integrität statt Spaltung" im Verein gebeten.
Ob`s hilft, das Dauer-Chaos im Kraichgau zu beenden? Schwer zu glauben nach den unfassbaren Geschehnissen der Vergangenheit und Gegenwart. "Vom Bolzplatz in die Arena. Vom Dorf in die Welt" lautet das neue Markenbild der TSG Hoffenheim. Es könnte so schön sein. Stattdessen steht der Verein wieder einmal vor der Zerreißprobe.