Sein Handy legt er nicht mehr zur Seite, nachts schläft er kaum noch. Saeid Fazloula wartet 24/7 auf Nachrichten und Anrufe aus seiner Heimat. Seit Beginn der Raketenangriffe auf den Iran am Samstag (28.02.2026) herrscht beim 33 Jahre alten Karlsruher eine innere Alarmbereitschaft. An diesem Montag konnte er kurz mit seinem Vater im Iran sprechen.
Seine Eltern wohnen zwei Kilometer von Bandar Anzali entfernt. Bandar Anzali, Geburtsort von Saeid, ist eine Hafenstadt mit gut 100.000 Einwohnern. Die Stadt liegt am Kaspischen Meer, etwa dreieinhalb Autostunden nordwestlich von Teheran entfernt. "Mein Vater erzählte, dass der Marinehafen bombardiert werden soll", sagt der ehemalige Weltklasse-Kanute, als wir ihn in Karlsruhe treffen. Jetzt sei "der Papa" nicht zu erreichen. "Das macht mir Angst", erzählt Fazloula: "Aber mit dieser Angst muss ich leben."
Saeid Fazloula: "Lieber für die Freiheit sterben, als in diesem Regime leben"
Trotz der großen Sorgen um seine Lieben: Nach Fazloulas Auffassung gibt es keine Alternative für den Einsatz für mehr Gerechtigkeit und Demokratie in seiner Heimat: "Lieber für die Freiheit und für das Land sterben, als in diesem Regime leben." Wie dieses Regime mit Kritikern umgehe, habe man bei den vergangenen Demonstrationen gesehen, als etwa 40.000 Menschen ums Leben kamen.
Er habe auch noch viele Freunde im Iran, erzählt Fazloula, der 2015 auf dramatische Weise aus seinem Heimatland floh: "Aber das Internet ist meist abgeschaltet." Wenn es doch mal kurz funktioniert, erfährt Fazloula, wie es ihnen geht. Mal erzählen sie von Raketeneinschlägen, mal von der Freude über den Tod führender Politiker.
Fazloula hofft auf bessere Situation im Nahen Osten
Über den Tod des religiösen Oberhaupts und politischen Führers, Ali Chamenei, sagt der Sportler: "Ich freue mich grundsätzlich nie über den Tod eines Menschen. Aber Chamenei war der Kopf der Unterdrückung des iranischen Volkes. Viele Iraner freuen sich, dass er nicht mehr da ist." Wichtig sei jetzt, wie es weitergehe.
Wer kommt an die Macht? Wie lange wird der Krieg dauern? Fazloula betont, er sei kein großer Freund von Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und US-Präsident Donald Trump: "Aber in diesem Moment sind sie an der Seite des Irans." Man brauche eine bessere Situation im Nahen Osten, für alle Menschen.
Vom iranischen Sporthelden zum Regimegegner
Vor vielen Jahren war Fazloula ein erfolgreicher Kanute im Iran, er gewann 2014 bei den Asienspielen die Silbermedaille. Er war berühmt, hatte Geld, ein Auto und ein Haus. Er glaubte, durch den Sport reich zu werden. Doch nach der Kanu-WM 2015 in Italien nahm sein Leben eine völlig ungeahnte Wendung.
Fazloula hatte sich vor dem Mailänder Dom fotografieren lassen. Nach seiner Rückkehr in die Heimat wurde er festgenommen, der Konversion zum Christentum beschuldigt und mit der Todesstrafe bedroht. Fazloula floh aus seinem Heimatland. In Frauenkleidern reiste er zur türkischen Grenze, dann im überfüllten Schlauchboot übers Meer, und gelangte schließlich über den Balkan nach Deutschland.
In Karlsruhe begann er wieder mit dem Kanusport. Die "Rheinbrüder" wurden sein neuer Verein und seine neue Heimat. Er lernte Deutsch, machte eine Fitnesstrainer-Ausbildung und fand Arbeit. Sportlich schaffte er den Sprung in die deutsche Nationalmannschaft. 2021 in Tokio und 2024 in Paris nahm er im K-1 über 1.000 Meter im "Flüchtlings"-Team an den Olympischen Spielen teil. Fazloula lernte seine jetzige Frau Jennifer kennen. Nach den Olympischen Spielen in Paris beendete er seine sportliche Karriere. Mittlerweile arbeitet der Modellathlet als Athletiktrainer bei der U17 des Karlsruher SC.
Fazloula: "Sagt denen, ihr habt keinen Sohn mehr"
Bevor Fazloula flüchten musste, führten seine Eltern ein gutes Leben im Iran, sie verloren jedoch durch die politische Verfolgung ihres Sohnes vieles. Auch die Eltern hatten überlegt, aus dem Iran zu fliehen, aber letztlich war es keine Option. Fazloula sagte immer zu seinen Eltern: "Sagt denen einfach, ihr habt keinen Sohn mehr."
Zuletzt gesehen hat Saeid seine Eltern im Winter 2024. Drei Monate verbrachten sie bei Saeid, seiner Frau und dem ersten Enkelkind in Karlsruhe. Heiligabend 2024 kehrten sie in den Iran zurück. Auf Instagram schrieb er bei der Abreise seiner Familie: "Es ist nicht leicht, so weit von meiner Familie entfernt in Deutschland zu leben, vor allem in dieser besonderen Zeit des Jahres. Aber ich glaube fest daran, dass das Licht immer die Dunkelheit besiegt."
Fazloula, der 2025 die deutsche Staatsbürgerschaft erhielt, wurde vor zehn Wochen zum zweiten Mal Vater. Seine Frau und er bekamen Sohn Elio geschenkt.
Mit seiner jungen Familie verbindet Fazloula seinen großen Traum. Eines Tages will er mit Frau Jennifer und den beiden kleinen Kindern in seine Heimat Iran zurückkehren. "Wir haben erst kürzlich unseren Urlaub gebucht, vielleicht müssen wir auch umplanen und fliegen in den Iran", sagt er hoffnungsvoll schmunzelnd.
Er wolle ihnen zeigen, wie schön sein Heimatland ist.