Anna Bader war an diesem Morgen im September 2024 gerade erst von einer Wettkampfreise zurückgekommen. Die Kinder freuten sich, dass Mama wieder zuhause war. Sie wollten gemeinsam spielen. Plötzlich standen drei Ermittler der Staatsanwaltschaft Zweibrücken vor ihrer Haustür. "Ich wusste gar nicht, was da passierte", erzählt sie im Gespräch mit SWR Sport. "Es war eine ganz furchtbare Situation."
Der Kleine schloss sich im Badezimmer ein und weinte. Er konnte nicht einordnen, was da gerade passierte. Auch Anna Bader verstand die Welt nicht mehr. "Es hat mich in meinem Sicherheitsgefühl enorm erschüttert." Ihr Handy und ihr Laptop wurden konfisziert.
Die Staatsanwaltschaft hatte Ermittlungen aufgenommen, weil die Nationale Anti Doping Agentur (NADA) Deutschlands erfolgreichste Klippenspringerin angezeigt hatte – wegen des Verdachts auf Verstoß gegen das Anti-Doping-Gesetz. Am 13. Juni 2024 war Bader im Training kontrolliert worden. In ihrem Urin wurden Spuren der verbotenen Substanz Ostarine entdeckt. Ostarine bewirkt die Zunahme von Muskelmasse und wird in der Medizin unter anderem bei Osteoporose oder Muskelschwund eingesetzt. Der WM-Dritten von Barcelona 2013 wurde der Fund zunächst allerdings nicht mitgeteilt. "Was sollte ich auch hören, ich dope ja nicht", sagt sie rückblickend.
Vorläufige Suspendierung für Anna Bader
Erst am 27. September 2024 wurde Bader von der NADA über das Analyseergebnis informiert und vorläufig suspendiert. "Ich musste erst mal recherchieren, was Osterine überhaupt ist", erzählt sie. "Ich hatte noch nie davon gehört."
Bader durfte ab diesem Moment keine Wettkämpfe mehr bestreiten, auch nicht mehr am Training teilnehmen. "Besonders schmerzhaft war, dass ich keine Schwimmkurse für Kinder mehr geben und kein Ehrenamt hier im lokalen Verein ausüben durfte." Auch bedrückend war, dass sie ihre Situation nicht kommunizieren durfte. Es bestand die Gefahr, dass auch die Vereine sanktioniert würden. Also zog sich Bader von allen Ämtern und Aufgaben zurück. "Das war eine ganz schwierige Zeit, die sich sehr lange hingezogen hat. Es war sehr zermürbend."
Anna Bader: "Mein ganzes Leben war auf den Kopf gestellt"
Es blieb ein Gefühl der Stigmatisierung. Die Sportlerin und Mutter von zwei Kindern hatte "Angst, dass alles zerbricht, was ich mir über die Jahre erarbeitet hatte. Ich hatte Angst, dass die Vorbildfunktion, die ich hatte, komplett wegbricht." Bader erlebte eine Zeit mit dunklen Gedanken und Ängsten. "Drehen sich jetzt alle weg? Glaubt mir jemand? Wie soll ich beweisen, dass ich nichts vorsätzlich genommen habe? Mein ganzes Leben war auf den Kopf gestellt."
Vor allem ein Gedanke zermarterte ihr Gehirn: Wie konnte diese Substanz in ihren Körper gelangt sein? Mehrmals fragte sie bei der NADA nach, ob es möglich sei, dass das Ostarine durch Kontamination im Zusammenleben mit ihrem Partner, also durch den Austausch von Körperflüssigkeiten, gelangt war. Doch diese Frage blieb zunächst unbeantwortet.
Bei einem persönlichen Gespräch im Dezember 2024 in der NADA-Zentrale in Bonn wurde ihr dann eine "wissenschaftliche Einschätzung" mitgeteilt. Es hieß, dass aufgrund der Konzentration in ihrer Urinprobe nicht von einer beiläufigen Konzentration, sondern von einer "oralen Einnahme in größerer Dosierung" ausgegangen werde.
War Anna Bader eine Sportlerin, die bewusst gedopt hatte?
Kurz darauf wendete sich das Blatt. Ihr damaliger Lebenspartner, Kris K., teilte mit, dass er wohl für die Kontamination verantwortlich sei. Der Vater ihrer beiden Kinder, viele Jahre selbst ein Klippenspringer der Weltklasse, hatte sich zuletzt aufs Krafttraining konzentriert. Gegenüber der Zeitung Trierischer Volksfreund bestätigte Kris K, er habe leider die Entscheidung getroffen, Ostarine zu verwenden. "Ich wusste nicht, dass diese Substanz auf andere Menschen übertragen werden kann – weder über Hautkontakt noch auf andere Weise", sagte er.
Bader wusste nicht, dass ihr Ex-Partner Nahrungsergänzungsmittel bestellt hatte, in denen Ostarine enthalten war. Offensichtlich reichte der Intim- und Hautkontakt aus, um die Substanz zu übertragen. Bader recherchierte und vertiefte sich über einen längeren Zeitraum in Fachliteratur. Heute weiß sie: "Es gibt schon lange Studien, die wissenschaftlich belegen, dass Kontamination über Dritte, über Körperflüssigkeiten, Schweiß oder Speichel eine nicht zu leugnende Realität sind."
Der Kampf, die eigene Unschuld zu belegen
Während die Staatsanwaltschaft Zweibrücken das Ermittlungsverfahren im Januar 2025 einstellte, erhielt Bader wenige Tage später den Sanktionsbescheid der NADA: vier Jahre Wettkampfsperre, bei Schuldeingeständnis würde die Sperre auf drei Jahre reduziert. Bader focht den Sanktionsbescheid an und arbeitete weiter daran, ihre Unschuld zu belegen.
Sie erfuhr, dass sie kein Einzelfall ist. Bader las vom Fall der französischen Olympia-Fechterin Ysaora Thibus. Diese wurde von ihrem damaligen Lebenspartner, einem Kraftsportler, mit Ostarine kontaminiert. Die Übertragung soll durch intensives Küssen erfolgt sein. Diese Auffassung fand die Anerkennung des Internationale Sportgerichtshof CAS in Lausanne. Die Fechterin wurde im Juni 2025 vom Dopingverdacht freigesprochen. Ein Präzedenzfall. Die Französin konnte mittels einer Haar- und Nagelprobe, die auf die verbotene Substanz untersucht wurde, ihre Unschuld nachweisen. Die Ähnlichkeiten zu Baders Fall waren frappierend. Hoffnung keimte auf. "Ich bin kein Einzelfall", dachte sie.
Der Kampf geht über Baders körperliche und mentale Grenzen
Die Klippenspringerin fand ein Labor in Paris, in dem sie eine Haar- und Nagelprobe durchführen lassen konnte. Im Juni 2025 bekam sie das Ergebnis. Die Indizien sprachen in ihrem Fall deutlich für eine Kontamination. Ein absichtliches Doping (durch orale Einnahme), so hieß es, sei mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auszuschließen. Das vorhandene Ostarine sei zu gering, um leistungssteigernde Wirkung zu erzielen. Dieses Ergebnis wurde von einem anschließenden Gegengutachten der NADA bestätigt.
Die monatelange intensive Beschäftigung mit diesem belastenden Thema ging über Baders körperliche und mentale Grenzen. "Ich habe nächtelang nicht geschlafen und mich durch den Alltag durchgequält." Immer im Schlepptau war die Ungewissheit, was als nächstes passiert und wie die Sache wohl ausgehen wird. Im September 2025 konnte sie nicht mehr; Bader suchte Hilfe in einer psychiatrischen Notaufnahme.
Kein Vorsatz - Integrität wieder hergestellt
Es kam zu einem Streitschlichtungsverfahren und letztlich zu einer Vereinbarung, die Bader am 20. April 2026 unterschrieb. Die Sperre wurde auf 24 Monate festgelegt. Die NADA teilte hierzu auf SWR-Anfrage mit: "Das bedeutet, dass ein Verstoß gegen Anti-Doping-Bestimmungen der Athletin vorliegt und die Athletin ein Verschulden daran trifft. Der Verstoß ist aber nicht vorsätzlich begangen worden." Bader darf ab dem 13. Juni wieder an Wettkämpfen teilnehmen.
Wichtig war Bader in der gemeinsamen Vereinbarung vor allem der Satz, "dass es keine Anhaltspunkte dafür gibt, dass der Verstoß gegen Anti-Doping-Bestimmungen vorsätzlich begangen wurde." Dieser Satz stellt Baders komplette Integrität wieder her. "Ich streite nicht ab, dass diese Spuren bei mir gefunden wurden", sagt sie. "Aber ich weise jegliche Schuld und Nachlässigkeit von mir. Diese Kontamination über dritte Personen ist nicht bekannt und wird in keinem Trainingsprogramm angesprochen. Es ist keine Nachlässigkeit, mit einem Partner zusammenzuleben und Intimverkehr zu haben." Hat sie wirklich nie etwas genommen? "Niemals", sagt sie mit klarer, fester Stimme.
Anna Baders Kampf geht weiter
Auch wenn der schlimmste Spuk vorbei und ihre Ehre wieder hergestellt ist, geht Anna Baders Kampf weiter. Nach diesen extrem belastenden zwei Jahren kann und will sie nicht schweigen. Es müsse über das Anti-Doping-System gesprochen werden. Deshalb hat sie jetzt einen Verein gegründet, die Anna Bader Initiative für Fairness. "Ich positioniere mich hundertprozentig gegen Doping. Aber ich bin auch für Fairness im Sportrecht und Fairness gegenüber beschuldigten Athleten. Ich möchte Athletinnen und Athleten unterstützen, die sich in der gleichen Situation wiederfinden wie ich."
Die Klippenspringerin möchte eine Anlaufstelle bieten für Sportlerinnen und Sportler, die unschuldig sind, dies aber nicht beweisen können. Sie weiß als Betroffene, wie schwer es ist, damit umzugehen, wenn beim Googlen des eigenen Namens sofort der Zusatz "Doping" auftaucht.
Sportliche Zukunft ist noch ungewiss
Über ihre Erfahrungen hat sie ein Buch geschrieben: "Auftauchen". Darin hat sie die vergangenen Jahre verarbeitet – auf ironisch, tiefgründige und humorvolle Art. Ob sie nach ihrer auslaufenden Sperre im Juni sportlich noch einmal angreifen will, kann die WM-Sechste von Doha 2024 noch nicht sagen. "Ich habe mich gar nicht gewagt, daran zu denken", erzählt sie. Trainieren darf sie bereits jetzt schon wieder. Natürlich sei der Gedanke, bei der Schwimm-EM im August in Paris zu starten, "sehr reizvoll." Sie will das in Ruhe überdenken.
Nur eins steht für sie fest: "Ich werde auf jeden Fall wieder von der Klippe springen. Aber vielleicht auch einfach so. Nur für mich."