10:20 Uhr, an einem Mittwoch. Bei Julia Stusek rast bereits der Puls. Die Tennishalle am Bundesstützpunkt in Stuttgart-Stammheim ist noch leer, doch die 17-Jährige fegt schon über den Platz. Mit dem Tennisschläger in der Hand sprintet sie von Linie zu Linie und läuft Achter um aufgestellte Tennisball-Dosen, bis sie keuchend an der Wand lehnt.
"Sauerstoff wird überbewertet", erklärt die gebürtige Rheinfeldenerin (Kreis Lörrach) schnaufend, in ihrer gewohnt trockenen Art. Woran sie denkt, wenn der Puls in die Höhe schießt und die Luft knapp wird? "Überleben? Einfach überleben. Und hoffen, dass ich danach noch trainieren kann."
Tennis-Talent Julia Stusek: Schwitzen für den Erfolg
Denn das Athletiktraining ist bereits Julias zweite Einheit des Tages. Den Morgen hat das Tennis-Talent im Kraftraum verbracht, wo sie fleißig die Trainingspläne von Jez Green abarbeitet. Zu dessen Klienten gehört auch die deutsche Nummer eins im Tennis, Alexander Zverev. Nach Kraft und Athletik folgen noch zwei mal zwei Stunden Tennistraining. Für eine optimale Turniervorbereitung kommt Julia Stusek mehrmals im Monat extra für ein paar Tage aus der Schweiz, wo sie lebt.
"Sie ist sehr, sehr fleißig. Sie will unbedingt Profi werden", erklärt Sebastian Sachs, Julias Tennistrainer. Viele Jahre war er auf der WTA-Tour unterwegs und hat Profis wie Belinda Bencic, Emma Raducanu oder Victoria Azarenka gecoacht. Auch Julia sei begabt und habe gute Voraussetzungen für eine Profi-Karriere: "Sie hat ein sehr gutes Ballgefühl und viel Spielintelligenz. Sie spielt kein 'Hau-Drauf-Tennis', sondern weiß, wie sie ihre Gegnerin unter Druck bringen und Punkte aufbauen kann", sagt der Coach.
Julia Stusek: "Würde Tennis manchmal gerne den Hals umdrehen"
Aktuell zählt Julia zu den Besten der Welt in ihrer Altersklasse, hat dieses Jahr die Top Ten der Jugendweltrangliste geknackt und auch beim Jahresendfinale der besten Acht in China aufgeschlagen. Die zweite Saison in Folge reiste sie außerdem zu allen vier Grand Slams. Bei ihrem Debüt in Australien zog sie im Juniorinnen-Doppel direkt ins Finale ein. In Paris und New York erreichte sie dieses Jahr im Einzelwettbewerb der Jugend jeweils das Viertelfinale.
Ich würde meine Beziehung zum Tennis teilweise als toxisch bezeichnen.
"Mental stark zu sein, ist echt schwierig in dieser Sportart. Tennis ist ein Fehler-Sport und es gibt so viel, was man akzeptieren und einstecken muss", erklärt Julia Stusek. "Ich würde meine Beziehung zum Tennis deshalb teilweise als toxisch bezeichnen. Also ich liebe es, Tennis zu spielen, aber manchmal würde ich Tennis gerne den Hals umdrehen", gibt die 17-Jährige grinsend zu.
Auf den Spuren von Tennis-Legende Martina Hingis
Gelernt hat Julia Stusek bereits als Kind von den Besten. Mit sieben Jahren begann sie bei Melanie Molitor zu trainieren, Mutter und Trainerin von Tennis-Legende Martina Hingis. "Martina hat so ziemlich alles erreicht, was man erreichen konnte. Es ist ein sehr großer Meilenstein in meiner Tennis-Karriere, dass ich mit den beiden trainieren durfte", erklärt Stusek.
An Vorbildern dürfte es der 17-Jährigen aber auch so nicht fehlen: Julias Vater Tomas Stusek ist Tennistrainer, ihre Mutter Petra Stusek (geborene Holubová) ist selbst ehemalige Profi-Spielerin. "Sie war mal Nummer 120 der Welt. Und ich wäre gerne besser als sie, das ist mein Ziel", sagt Julia Stusek verschmitzt. Dieses Jahr lag der Fokus darauf, neben dem Leistungssport noch das Fachabitur zu beenden und neben Jugend-Turnieren auch Erfahrungen bei den Erwachsenen zu sammeln. Kommendes Jahr will Julia nur noch bei den Frauen an den Start gehen und so den Sprung zu den Profis wagen.
"Das ist jetzt ein guter Zeitpunkt. Ich bin auch sehr positiv, dass sie sich schnell deutlich nach oben spielen wird", meint Trainer Sebastian Sachs. Dennoch habe das Tennis-Talent noch viel Entwicklung vor sich - und damit auch viel Training. "Ich tue immer ein bisschen auf Drama-Queen, aber ich mag's am Ende schon", sagt Julia Stusek, bevor sie sich zum nächsten Aufschlag an die Linie stellt.