Es ist ein großes Ausrufezeichen, das Johannes Lochner in Cortina d'Ampezzo gesetzt hat. Nach den ersten beiden Fahrten liegt er im Zweier mit Anschieber Georg Fleischhauer 80 Hundertstelsekunden vor seinem Dauerrivalen Francesco Friedrich und 1,24 Sekunden vor dem drittplatzierten Adam Ammour, der ebenfalls für Deutschland an den Start geht.
Speziell Lochners erster Lauf lief perfekt. "Das war mein bester Lauf hier jemals und das bei Olympischen Spielen, ist ganz geil, wenn dir so einer gelingt", sagte er hinterher im ZDF. Er sei "mega happy" über Tag eins, ehe es am Dienstag (17.02.2026, ab 19 Uhr) mit dem dritten und vierten Lauf weitergeht.
Olympiasieg würde Lochners Karriere vergolden
Europameister, Weltmeister, Gesamtweltcupsieger. Mit 35 Jahren hat Lochner nahezu alles erreicht. Alles, bis auf diese eine Sache: Der Olympiasieg fehlt noch. In Peking 2022 reichte es gegen Dauer-Rivale Francesco Friedrich sowohl im Zweier- als auch im Viererbob nur für Silber.
Bei den Olympischen Winterspielen 2026 in Cortina d'Ampezzo gibt es für Lochner nur eine Option: Gold, um seiner Karriere die Krone aufzusetzen. Denn nach Olympia ist Schluss.
Lochners "last dance"
"Das wird mein letzter großer Auftritt werden", sagte Lochner vor Beginn der Spiele. Die Tage vor dem Wettkampf hatter er noch mit leichten Sporteinheiten im Kraftraum des Olympiastützpunkts in Berchtesgaden verbracht.
"Meine Frau hat T-Shirts für das Bob-Team Lochner gemacht mit der Aufschrift 'The last dance'", grinste er während eines Drehs mit SWR Sport und und legte sich wieder auf die Hantelbank, Hände an die Stange. "Deshalb werden wir nochmal alles geben, damit wir die Goldmedaille nach Hause kriegen", sagte Lochner, und stemmte die Gewichte in die Höhe.
Erfolgsrezept: Königssee und Kessel
Zuhause heißt für Lochner Berchtesgaden, wo er mit seiner Frau und seinem Sohn wohnt. Der Eiskanal am Königssee ist seine Heimbahn. An den Start geht der Bayer jedoch seit 2014 für den Bob-Club Stuttgart Solitude. Ein Bob-Verein in Stuttgart? Die baden-württembergische Landeshauptstadt ist nicht gerade als Wintersport-Ort bekannt. Dennoch gründet sich 2013 hier ein Bob-Club.
"Einen Bob- und Schlittenverband Baden-Württemberg, den gibt's und wir wollten das wieder aufleben lassen", sagt Jochen Buck, Präsident und Gründungsmitglied des Bob-Clubs Stuttgart Solitude. Der 58-Jährige aus Geislingen an der Steige war in den 90ern selbst erfolgreicher Anschieber. Mit "anderen Freunden des Bobsports", wie Buck sagt, kam zu später Stunde in einer Bar in St. Moritz die Idee: "Wir haben eh schon so ein Sponsorenkonsortium zusammen. Warum machen wir nicht einen Bob-Club daraus?"
Kometenhafter Karrierstart für Lochner 2014
An den Start ging der Verein 2013 mit namhaften Athleten wie Manuel Machata und Sandra Kiriasis. Buck holte Lochner ein Jahr später als Nachwuchsathleten ins Team, eigentlich gedacht als "Mann für die Zukunft".
"Dann bist du gleich im ersten Jahr Junioren-Weltmeister geworden", erinnert sich Buck im Gespräch mit Lochner in dessen Büro, die Fensterbänke gefüllt mit WM-Glaspokalen und Weltcup-Kristallkugeln. "Und mit einer Wildcard im Zweierbob Vize-Weltmeister geworden. Das war natürlich für uns völlig unfassbar", sagt der Vereinspräsident stolz.
Stuttgarter Bob-Club war für Lochner "einzige Option"
Umso bemerkenswerter, dass es vielleicht nie zu Lochners Erfolgsgeschichte gekommen wäre. "Ohne den Bob-Club Stuttgart wäre meine Karriere schon vorbei gewesen, bevor sie gestartet wäre", sagt Lochner. "Ich hätte es mir finanziell nicht leisten können und ich hätte es mir nicht leisten können mit der Uni zusammen."
Mit Anfang 20 lag Lochners Fokus auf dem Elektrotechnik-Studium an der TU München. Inzwischen hat er nicht nur den Master, sondern arbeitet auch freiberuflich als Sachverständiger in der Forensik und will sogar promovieren - am Lehrstuhl von Jochen Buck. Für den Leistungssport aufgeben musste der Elektriker-Sohn seine Interessen also nicht. "Mit Jochen habe ich jemanden, der mir den Rücken freihält, damit beides geht", so Lochner.
Mit schwäbischem Geld zu Gold?
Nicht nur die Vereinbarkeit mit dem Studium war es, die den Berchtesgadener vom Stuttgarter Club überzeugte. Bobsport ist Rennsport - und daher teuer. Die Bobs selbst (ein Zweierbob kostet rund 50.000 Euro, ein Viererbob bis zu 170.000 Euro) bezahlt zwar der Bundesverband, doch damit sind längst nicht alle Kosten gedeckt.
"Trainingslager, Physio, jedes Mal Transport und Unterkunft für eine fünfköpfige Mannschaft, dann musst du den Bob von A nach B bringen. Das frisst so viel Geld auf, das ist normal überhaupt nicht zu erwirtschaften ohne irgendeinen Verein im Hintergrund, der da mithilft", fasst Lochner zusammen.
Eine sechsstellige Summe, finanziert aus privaten Spenden der 450 Vereinsmitglieder, fließt daher jedes Jahr in das Bob-Team Lochner. Der Erfolg spricht für das Konzept Königsee/Kessel: 34 Medaillen hat Johannes Lochner bei Welt- und Europameisterschaften gewonnen, inklusive zweimal Olympia-Silber. Jetzt fehlt nur noch eine Medaille - und zwar eine goldene.