Einerseits gehört ein fester Stab von Spezialisten zum Studio, andererseits vergibt das Experimentalstudio regelmäßig sogenannte "Arbeitsaufenthalte" an KomponistInnen, um ihnen zu ermöglichen – sei es zu ihrer eigenen Orientierung oder mit einem konkreten musikalischen Vorhaben – zusammen mit dem Team des Studios zu arbeiten.
Digitalisierung und Musikinformatik
In der Geschichte des SWR Experimentalstudios verzeichnen die ausgehenden achtziger und beginnenden neunziger Jahre den Übergang in eine neue Ära. Die Neuorientierung galt einerseits der umfassenden Digitalisierung der Technik und andererseits der Musikinformatik. Anhand eines Projektes können Zielrichtungen und Vorteile dieser Anstrengungen hier beispielhaft angedeutet werden: Der Klangverwaltung im weitest möglichen Sinn dient der von Mitarbeitern des Experimentalstudios entwickelte Matrix-Mixer. Das volldigitale Gerät kann in einer extrem komplexen Weise sämtliche elektronischen Abläufe während einer Aufführung koordinieren. Die Zugänge zu Geräten, Lautsprechern und Mikrofonen sind dabei nicht nur, wie bei der früheren Matrix-Mixer-Generation, programmierbar, sondern lassen sich auch in beliebigen internen Geschwindigkeiten und Abmischungen öffnen und schließen, während zugleich viele der vormals extern benutzten Geräte wie das Raumklangsteuergerät (Halaphon usw.) in den Matrix-Mixer bereits integriert sind. Ergebnis ist der Prototyp einer kompletten Arbeitsstation, die vielseitig zur Realisation von Konzerten eingesetzt werden kann.
Aufführungen und Produktionen – Musik des 20. Jahrhunderts
In der Gestaltung von Aufführungen liegt – neben der Forschung und Produktion im Studio – ein großes Aufgabengebiet des Experimentalstudios. Mit mehr als 50 Jahren Präsenz im internationalen Musikbetrieb hat es sich als der führende Klangkörper für Werke mit Live-Elektronik etabliert und konzertiert fortwährend bei nahezu allen bedeutenden Festivals (Berliner Festwochen, Wiener Festwochen, Salzburger Festspiele, Festival d’Automne à Paris, Biennale di Venezia etc.) wie auch in etlichen renommierten Musiktheatern (u. a. Teatro alla Scala Mailand, Carnegie Hall New York, Théâtre de la Monnaie, Teatro Real Madrid). Zu den herausragenden Produktionen in der Geschichte des Experimentalstudios gehören Arbeiten so bedeutender Komponisten wie Pierre Boulez ("..explosante/fixe... "), Karlheinz Stockhausen ("Mantra"), und Luigi Nono, wobei letzterer nahezu sein gesamtes Spätwerk (u.a. auch "Quando stanno morendo Diario Polacco No. 2", "Risonanze Erranti", "Caminantes...Ayacucho" etc. ) in enger Verbundenheit mit dem Studio erstellt hat. Nonos »Hörtragödie« "Prometeo" ist nach der UA 1984 mittlerweile mehr als 90 Mal durch das Experimentalstudio realisiert worden und kann als Meilenstein der Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts bezeichnet werden.
Zudem haben Komponisten verschiedenster Richtungen wie Vinko Globokar ("Engel der Geschichte"), Brian Ferneyhough ("Time and Motion Study"), Cristóbal Halffter ("Noche pasiva del sentido"), Klaus Huber ("Erniedrigt-Geknechtet-Verlassen-Verachtet ..."), Emmanuel Nunes ("Wandlungen"), Dieter Schnebel ("Monotonien"), Kazimierz Serocki ("Pianophonie") und viele andere mehr in der Geschichte des Experimentalstudios hier Werke mit (Live)-Elektronik realisiert.
Musik des 21. Jahrhunderts
Aus der jüngeren Generation haben insbesondere Mark Andre, Chaya Czernowin und Georg Friedrich Haas zukunftweisende Werke im Experimentalstudio hervorgebracht. In den letzten Jahre sind auch Andreas Eudardo Frank, Márton Illés, Christian Mason, Maria Sánchez-Verdú, Valerio Sannicandro, Johannes Maria Staud und Ying Wang mit besonderen Werken aufgefallen. Sie arbeiten bis heute immer wieder im SWR Experimentalstudio.
Unter den Interpreten, die mit dem Studio in Verbindung stehen, finden sich herausragende Musikerpersönlichkeiten wie Mauricio Pollini, Claudio Abbado, Peter Eötvös, Daniel Barenboim, Gidon Kremer, Carolin und Jörg Widmann, Irvine Arditti und Roberto Fabbriciani.
Für seine exemplarische Arbeit wurde das Experimentalstudio international mit mehreren Preisen ausgezeichnet, u. a. mit dem Jahrespreis der deutschen Schallplattenkritik für die Produktion von Werken Luigi Nonos.
Nach Hans-Peter Haller, André Richard und Detlef Heusinger ist Joachim Haas seit 2022 Leiter des Experimentalstudios.