2026&2027: Neuer Associated Artist im SWR Experimentalstudio

Ich wünsche mir wilde und experimentelle Sessions!

Er ist alles andere als ein Neuer im SWR Experimentalstudio: der Klarinettist und Komponist Jörg Widmann. Besonders durch die Werke von Pierre Boulez kam die Verbindung des Musikers und Hochschulprofessors zum Experimentalstudio zustande – eine Verbindung, die nun auf ganz neue Füße gestellt wird. Aus diesem Anlass sprach Lydia Jeschke mit Jörg Widmann.

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Jörg Widmann
Jörg Widmann

Lydia Jeschke: Das SWR Experimentalstudio ist für Dich kein unbekanntes Terrain. Wann und in welchem Zusammenhang gab es den ersten Kontakt?

Jörg Widmann: In meiner Freiburger Zeit, als ich über 16 Jahre an der dortigen Musikhochschule Klarinette und Komposition unterrichtete, bin ich den Kolleginnen und Kollegen vom Experimentalstudio natürlich schon begegnet. Der erste Arbeitszusammenhang aber ging auf Klaus Lauer zurück, der damals die Badenweiler Musiktage leitete: Er wollte Pierre Boulez und mich zusammenbringen, um dort das legendäre, aber selten gespielte, weil so schwer auf der Klarinette zu realisierende Stück Dialogue de l’ombre double aufzuführen. Dieses Stück braucht viel Vorbereitung, denn der Klarinettist muss zwei Stücke lernen: eines für die Live-Aufführung und das andere, das dann von Band zugespielt wird. Boulez besteht darauf, dass dieses Band vorab vom Interpreten der Aufführung eingespielt wird. Ich kam also ins Experimentalstudio, um diese Aufnahme zu machen.

LJ: Das muss 2008 gewesen sein; Michael Acker erinnert sich an die minutiösen Bemühungen um dieses Band, das dann von Pierre Boulez noch abgenommen werden musste – viele Tage Arbeit steckten da drin, oder?

JW:  Richtig, die Sache ist hoch komplex. Und obwohl Boulez mit der Badenweiler Aufführung, für die wir noch mit ihm geprobt haben, dann ganz zufrieden war, war es mit der ersten Mammut-Aufnahmesession nicht getan; es war ein work in progress. Konkret hatte Boulez an einer Stelle, die sich auf Béla Bartók bezieht, eine andere Tempovorstellung als ich, und so bin ich erneut ins Studio gekommen, um nochmal neu aufzunehmen, bis er mit den Proportionen glücklich war.

Für mich war das auch ein berührender Moment meiner Biografie: Ich bin zur Neuen Musik gekommen, weil mein Vater mich als Jugendlichen zu einem Konzert nach Straßburg mitnahm, wo Pierre Boulez seine eigene Musik dirigierte. Das erste Stück des Abends war Dialogue de l’ombre double. Es schloss sich jetzt also für uns beide in dieser intensiven Arbeit mit dem Experimentalstudio ein Kreis. Und trotz all der vielen wunderbaren Menschen, mit denen ich arbeiten durfte und von denen ich lernen konnte, würde ich heute sagen: Pierre Boulez war derjenige, von dem ich als Klarinettist am meisten gelernt habe. Warum? Das kann man an dieser Zusammenarbeit sehr konkret beschreiben.

Es gibt im Klarinettenpart schwarz beschriebene Notenblätter, viele, viele, viele. Ein Tapetenmuster, aber differenziert in Geschwindigkeit, Tonhöhen, Klangfarbe, Dynamik. Und nicht (wie in anderer Literatur) mit Ruhepausen dazwischen, sondern mit schwindelerregenden Trillerketten hintereinander. Ich sagte: Helfen Sie mir, wie kann ich das spielen? Boulez erklärte mir, wie sich das Stück in Strophen und Refrain einteilen lässt. Und über die schwierige 2. Variation sagte er: „Sie müssen sich ganz entspannt fühlen wie ein Fisch im Wasser. Aber eben: wie ein Fisch im Wasser: Sie müssen die Fähigkeit haben, blitzschnell die Richtung zu ändern.“

Peter Adamik

LJ: Das ist ein gutes Bild, vielleicht sogar für das ganze Stück. War die Elektronik eine zusätzliche Herausforderung?

JW: Ja, es war aufregend, weil es für mich neu war. Ich hatte alle möglichen hochkomplexen Stücke gespielt und uraufgeführt, mich da sozusagen immer wieder lustvoll in die Fluten des Neuen gestürzt und ich tue das bis heute. Man kommt da an seine Grenzen, man muss sich selbst immer wieder hinterfragen. Mit Elektronik hatte ich aber zuvor noch nie gearbeitet. Da ist es ganz wunderbar für mich, dass die Kollegen vom SWR Experimentalstudio nicht nur ein ungeheures technisches Wissen haben, in diesem Boulez-Stück macht man vielmehr richtiggehend Kammermusik zusammen. Die Form des Stückes ist ganz einfach, ich spiele im Kreis von verschiedenen Notenständern und immer, wenn ich live spiele, ist das Licht an, und wenn meine Klarinette vom Band kommt, geht es aus. Die Übergänge müssen geschmeidig zusammengehen wie in sensibler Kammermusik. Deshalb empfinde ich die Klangregisseure im Studio nicht nur als Technik-Wunderleute, was sie sind, sondern als Kammermusikpartner, wenn wir Boulez aufführen.

LJ: Du bist ja als Klarinettist zusammen mit Mark-Andre nochmals intensiv im Experimentalstudio gewesen, für das Klarinettenkonzert über und dann auch für … selig sind….

JW: Ja, das war wirklich ein Entstehen und ein gemeinsames Entstehen Lassen von etwas. Ich schätze Mark Andre sehr; seine Musik ist besonders in der Landschaft der heutigen Komponisten und Komponistinnen. Manchmal ist sie sperrig, fast hermetisch, aber gleichzeitig gibt es diese Sinnlichkeit und Spiritualität. Für das Klarinettenkonzert über haben wir uns bestimmt zehnmal in Berlin getroffen, zunächst nur gesprochen, dann ausprobiert, und zwischendurch zweifelte ich, ob aus dem Stück etwas werden würde. Irgendwann kam dann aber eine unglaubliche Menge Noten, und ich merkte, wie involviert Mark war. Parallel zu diesem Hin und Her auf dem Weg zur Klarinettenstimme bereitete das SWR Experimentalstudio die Übertrager (transducer) vor, die etwa im Resonanzraum einer Geige ein Tamtam erklingen lassen sollten usw. Die gemeinsame Vorbereitung mit Mark im Experimentalstudio, das waren dann wirklich sehr spannende Tage, bis hin zum Einsprechen unserer Vornamen für die letzten sieben Minuten des Stücks, in denen die Klarinette mit ein paar Elektroniküberlappungen allein bleibt.

Jörg Widmann

Mir persönlich noch wichtiger ist aber das Stück … selig sind..: ein riesenhaftes, langes, großes Klarinetten-Solo-Stück mit Elektronik. So ein Stück kann man nur mit einer Institution machen, die eben diese Kenntnis, aber auch die Verrücktheit hat und Experimentierfreude, wie der Name schon sagt. Ohne das SWR Experimentalstudios würde es so ein Stück gar nicht geben können.

LJ: Jetzt kommst Du also wieder dorthin, mit einer besonderen Rolle: als Associated Artist des SWR Experimentalstudios für die Jahre 2026 und 2027. Werden die Erlebnisse mit der Musik von Pierre Boulez und Mark Andre da noch eine Rolle spielen?

JW:  Diese neue Rolle ist zunächst ein Anknüpfen an unsere Erfahrungen. Wir müssen nicht bei Null starten, sondern wir haben diese Stücke auch weiter im Reisegepäck. Das Limelight, der Fokus der Aufmerksamkeit liegt meist auf einer Uraufführung. Für uns Komponisten und Komponistinnen ist fast wichtiger die zweite Aufführung, dass es weitergeht. Und mir ist es als Interpret, als Klarinettist ganz wichtig, diese Stücke weiterzutragen. Wir werden damit nach Luzern gehen und an verschiedene andere Orte.

Doch für mich ist auch zentral, dass ich zum ersten Mal als Komponist mit dem Experimentalstudio arbeite.

LJ: Welche Erfahrungen hast Du als Komponist mit Elektronik?

JW: Eigentlich habe ich nur einmal mit Elektronik gearbeitet. Das war für die Neufassung meiner Babylon-Oper für die Berliner Staatsoper. Daniel Barenboim, der ursprünglich selbst dirigieren wollte, riet mir, am Schluss, nachdem alle Klänge für Chor und Orchester ausgeschöpft sind, eine neue Ebene hineinzunehmen, nämlich die Elektronik. Das war für mich wahnsinnig spannend und aus einer Theaterperspektive auch dramaturgisch sinnvoll. Ansonsten habe ich Elektronik bisher in meiner Musik nicht verwendet.

Aber ich habe diese Lust am Klang und am Erkunden. Es ist ein kindliches Staunen darin, wie ich an jeden Klang herangehe. Da ist es eigentlich logisch, dass ich eines Tages auch die Klangerweiterung durch die Elektronik suchen würde. Dass es bis zu meinem hohen Alter von 52 Jahren dauern würde, bis ich diesen Schritt tatsächlich ernsthaft gehe, kann man ja nicht vorhersehen. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt.

Ich möchte meine Residenz beim Experimentalstudio dafür nutzen und über einen längeren Zeitraum mit den Klagregisseuren in Freiburg arbeiten. Ich brauche auf jeden Fall deren Hilfe, denn ich selbst arbeite gar nicht am Computer. Ich schreibe sogar noch ganz altmodisch mit Bleistift meine Partituren und radiere und streiche wütend aus, etc. Mir schwebt jetzt ein größeres Stück vor für Vokalstimmen und Orchester und Elektronik – ich bin gespannt.

LJ: Ich finde es schön, wenn verschiedene Traditionen und Haltungen aufeinandertreffen. Würdest Du Dir auch Zeit nehmen für wilde Experimente, ohne gleich zu wissen: das muss in ein Orchesterstück passen? Also freiere Sessions wagen?

JW: Ja, das erhoffe ich mir. Deshalb mache ich es. Wenn ich schon wüsste, was dabei rauskommt, müsste ich es nicht tun. Die Elektronik ist für mich wirklich Neuland, etwas Aufregendes. Ich wünsche mir wilde und experimentelle Sessions, und sicher geht das auch mal in eine falsche Richtung oder in eine, die man dann am Schluss nicht realisiert. Das ist wichtig, aber es braucht auch Zeit.

LJ: Ich hoffe, dass Du die Zeit, die Du brauchst, findest, für welche Projekte auch immer. Ich weiß außerdem, dass Du immer noch eine Extra-Energie entfaltest, wenn es um die Vermittlung der Musik geht. Gibt es da Ideen in Bezug auf die Arbeit mit Elektronik?

JW: Ja, auch das ist mir wichtig. Ich habe die Intendantin der Essener Philharmonie getroffen, und in Essen sind sie genau daran interessiert. Dort werden wir über Boulez' Dialogue de l‘ombre double mit dem SWR Experimentalstudio sprechen. Ich werde aus dem Vorgängerstück Domain für Klarinette spielen. Und dann werden wir versuchen, das Publikum hineinzunehmen in diesen Prozess: Wie hat Boulez das Solo verändert im neuen Stück? Was kommt durch die Elektronik konkret dazu?

Es gibt zum Beispiel eine Stelle in Dialogue, wo Boulez plötzlich auf Deutsch über die Musik notiert: „In Freundschaft“. So heißt das berühmte Stück von Karlheinz Stockhausen für Klarinette solo. Boulez, der mit Stockhausen befreundet war, zitiert da eine Passage von Stockhausen. Nämlich einen Puls mit einer Pendelbewegung, für die Stockhausen leider die zwei am schlechtesten klingenden Töne der Klarinette einsetzt. Diese sehr menschliche, physische Pendelbewegung nimmt Boulez, transponiert sie eine Sexte nach unten und macht aus einer kleinen eine große Sekunde. Genau diese Stelle klingt nun so, dass man sicher meint, es spiele der Live-Klarinettist. Aber nein, diese menschliche Pendelbewegung kommt eben nicht vom Menschen, sondern vom Band. Und ich als Live-Spieler spiele im dreifachen Piano einen Multiphonic, also einen Mehrklang dazu. Der wiederum scheint elektronischen Ursprungs zu sein. Das ist ein so magischer Moment, weil sich die Wahrnehmung verschiebt.

LJ: Das Menschliche in der Elektronik und das Netzwerk zwischen den verschiedenen Menschen, die sich Musik ausdenken oder die Musik spielen oder hören… vermutlich würde sich Pierre Boulez, der ja lange Jahre im Kuratorium des SWR Experimentalstudios war, über Deine Pläne und Ansätze freuen. Ich freue mich jedenfalls sehr auf Deine kommende Aktivität hier.

JW:  Ich hoffe - ich denke: ja, auch Boulez würde sich freuen. Eine Tradition setzt sich fort – im Experiment.

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SWR