Das SWR Symphonieorchester freut sich, Ihnen seinen neuen Chefdramaturgen vorstellen zu dürfen: Maris Gothoni. Mit seiner Leidenschaft für Musik, seiner tiefen Kenntnis der klassischen und zeitgenössischen Repertoires und seinem Gespür für innovative Konzertformate möchte er nicht nur die Musikerinnen und Musiker des Orchesters inspirieren, sondern vor allem auch Sie, unser Publikum.
Im nachfolgenden Interview gibt Gothoni interessante Einblicke in seine Ideen für die kommenden Jahre und verrät seine musikalischen Favoriten abseits des gängigen Konzertrepertoires.
Lieber Maris Gothoni, herzlich willkommen beim SWR Symphonieorchester. Was hat Sie daran gereizt, die Leitung der Künstlerischen Planung zu übernehmen?
Mich begeistert am SWR Symphonieorchester ganz besonders, dass es außergewöhnliche stilistische Breite mit echter Spezialistenkompetenz verbindet – über Epochen, Stile und Aufführungstraditionen hinweg. Gerade diese Offenheit und Wandlungsfähigkeit machen für mich den besonderen Reiz der Aufgabe aus: in der künstlerischen Planung an diese Vielseitigkeit anzuknüpfen und sie in neuen programmatischen Zusammenhängen weiterzudenken.
Was begleitet Sie aus Ihrer Zeit als Musiker bis heute?
Vor allem der Blick von der Bühne. Ein Programm kann auf dem Papier noch so schlüssig erscheinen – am Ende muss es für die Musikerinnen und Musiker und nicht zuletzt für die Zuhörer musikalisch Sinn ergeben und in der Praxis funktionieren. Aus meiner Zeit als Konzertpianist weiß ich außerdem, wie viel Arbeit und Vorbereitung hinter einem Konzert stehen. Dieser Respekt vor der Arbeit der Künstler begleitet mich bis heute.
Sie haben in der Vergangenheit in ganz unterschiedlichen Ländern gearbeitet. Zuletzt in Finnland beim Radiosinfonieorchester in Helsinki, zuvor in Norwegen, England, Belgien und Südkorea. Was haben Sie dort über unterschiedliche Konzertkulturen gelernt?
Vor allem, dass es „das Publikum“ nicht gibt. Jede Region, jedes Orchester und jede Institution hat eine eigene Geschichte, eigene Hörgewohnheiten und Erwartungen. Erfolgreiche Modelle lassen sich deshalb nicht einfach von einem Ort zum anderen übertragen. Man muss zunächst verstehen, wo man ist – und kann darauf aufbauend Neues entwickeln. Das war auch eine wichtige Erfahrung meiner Arbeit in sehr unterschiedlichen kulturellen Kontexten: Entwicklungen und Herausforderungen können international ähnlich sein, die Antworten darauf müssen aber vor Ort entstehen.
Was steht am Anfang eines Konzertprogramms – ein Werk, eine Künstlerin oder ein Künstler, eine Idee oder eine Geschichte, die Sie erzählen möchten?
Das kann tatsächlich alles davon sein. Ich verstehe Programmieren oft als einen Dialog zwischen unterschiedlichen Epochen und musikalischen Welten, aber natürlich können auch außermusikalische Ideen den Ausgangspunkt bilden. Solche Gegenüberstellungen können auch dazu beitragen, die erstaunliche Frische vertrauter Klassiker neu hörbar zu machen. Besonders reizt mich, Begegnungen zwischen Künstlerinnen und Künstlern zu ermöglichen und daraus neue Projekte entstehen zu lassen.
Für mich hat Programmieren heute auch eine Orientierungsfunktion. Gerade weil praktisch „alles“ jederzeit verfügbar ist, liegt der Mehrwert nicht darin, einfach noch mehr anzubieten, sondern bewusst Zusammenhänge zu schaffen und eine Erfahrung zu ermöglichen, die so nur in diesem Konzert entstehen kann. Gleichzeitig geht es darum, Dinge sichtbar und hörbar zu machen, die im Überfluss des Verfügbaren leicht untergehen können.
Zeitgenössische Musik und neue Auftragswerke sind ein Schwerpunkt Ihrer Arbeit. Was fasziniert Sie daran – und was wünschen Sie sich vom Publikum im Umgang mit neuer Musik?
Mich fasziniert, dass sich bei dieser Musik die Aufführungstradition oft erst noch entwickelt. Man kann Komponistinnen und Komponisten begleiten, während Werke entstehen, und mit ihnen unmittelbar sprechen – bei Beethoven oder anderen Komponisten der Vergangenheit geht das natürlich nicht.
Vom Publikum wünsche ich mir keine besonderen Vorkenntnisse und auch nicht, dass ihm alles gefallen muss, sondern vor allem Neugier und die Bereitschaft, sich auf etwas Unbekanntes einzulassen. Man sollte dem Publikum etwas zutrauen und gute Zugänge anbieten, ohne die Musik selbst kleiner zu machen. Es gibt dabei nicht den einen richtigen Hörweg: Ein neues Werk kann ein Abenteuer sein, auf das man sich auf ganz unterschiedliche Weise einlässt.
Was macht für Sie ein wirklich gutes Konzertprogramm aus? Wann entsteht für Sie zwischen einzelnen Werken ein besonderer Zusammenhang?
Ein gutes Programm kann dazu beitragen, dass man die einzelnen Werke anders hört. Das muss nicht bedeuten, dass alles einem gemeinsamen Thema folgt – oft entsteht gerade durch Gegensätze oder sogar einen produktiven Dissens eine besondere Spannung. Werke können dadurch in einem neuen Licht erscheinen. Es braucht eine innere Dramaturgie, aber auch Überraschung. Im besten Fall hört man nach einem Konzert sogar ein vertrautes Werk ein wenig anders als zuvor.
Sie haben mit vielen unterschiedlichen Dirigentinnen und Dirigenten, Solistinnen und Solisten sowie Komponistinnen und Komponisten gearbeitet. Was suchen Sie bei einer künstlerischen Zusammenarbeit?
Neugier, eine starke eigene Vorstellung und gleichzeitig die Bereitschaft zuzuhören. Besonders erfreulich ist es für mich, wenn sich im Gespräch mit Künstlerinnen und Künstlern etwas Neues entwickeln kann. Entscheidend ist letztlich, dass eine Zusammenarbeit musikalisch etwas in Bewegung bringt und auch für das Orchester interessant ist.
Was muss ein Konzert können, damit Sie nach dem letzten Ton nicht sofort nach Hause gehen möchten?
Ein Konzert ist für mich einer der seltenen Orte, an denen wir uns einer Sache für eine bestimmte Zeit wirklich ungeteilt aussetzen können. Gerade darin liegt heute ein besonderer Wert: Musik findet in einem konkreten Moment, an einem konkreten Ort und gemeinsam mit anderen statt – mit ungeteilter Aufmerksamkeit und zugleich großer emotionaler Intensität. Im besten Fall bleibt nach dem letzten Ton etwas offen. Dieses Nachwirken ist vielleicht eines der schönsten Dinge, die ein Konzert erreichen kann.
Was soll ein Besucher oder eine Besucherin nach einem Konzert des SWR Symphonieorchesters mit nach Hause nehmen?
Idealerweise etwas, womit sie oder er nicht gerechnet hat – vielleicht ein unbekanntes Werk, vielleicht einen neuen Blick auf etwas sehr Vertrautes. Besonders schön ist es, wenn dabei gerade bei neuen Besucherinnen und Besuchern eine Beziehung zum Orchester entsteht: dass man beim nächsten Konzert nicht nur wegen eines bestimmten Werkes oder Solisten kommt, sondern auch neugierig darauf ist, was dieses Orchester als Nächstes zeigen wird.
Und zum Schluss ganz persönlich: Wenn Sie nicht gerade ein Konzertprogramm planen – welche Musik hören Sie dann?
Ich kann nicht verhehlen, dass ich aus meiner Zeit als Konzertpianist immer wieder zur Klaviermusik zurückkehre. Aber ich begeistere mich ebenso für Alte und Neue Musik, für Kammer- und Vokalmusik sowie für Orchestermusik aus allen Epochen. Privat genieße ich es allerdings auch, Musik einmal ohne Programmidee oder dramaturgischen Hintergedanken zu hören – und dann kann das alles Mögliche sein, von Björk bis zum balinesischen Gamelan.