7., 8. und 9. November 2025

Digitales Programmheft zum Kammerkonzert

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KONZERTTERMINE

FR 7. NOVEMBER 2025, 20 UHR
Freiburg, Konzerthaus, Runder Saal
SA 8. NOVEMBER 2025, 20 UHR
Baden-Baden, Museum Frieder Burda
SO 9. NOVEMBER 2025, 16 UHR
Stuttgart, Neues Schloss, Weißer Saal

PROGRAMMFOLGE

Eugène Ysaÿe (1858-1931)
STREICHQUINTETT H-MOLL (FRAGMENT)
Grave et lent – Allegro – Andante

ca. 20’

FRITZ KREISLER (1875-1962)
STREICHQUARTETT A-MOLL
Fantasia. Moderato – Allegro moderato
Scherzo. Allegro vivo con spirito
Einleitung und Romanze
Finale. Allegro molto moderato

ca. 26'

Peter Lauer und Soo Eun Lee, Violine
Dirk Hegemann und Esther Przybylski, Viola
Fionn Bockemühl, Violoncello

Pause

PAVEL HAAS (1899-1944)
STREICHQUARTETT NR. 2 OP. 7 „VON DEN AFFENBERGEN“ (MIT SCHLAGZEUG AD LIB.)
Krajina (Landschaft) – Andante
Kočár, kočí a kůň (Kutsche, Kutscher und Pferd) – Andante
Měsíc a já ... (Der Mond und ich …) – Largo e misterioso
Divá noc (Wilde Nacht) – Vivace e con fuoco

ca. 32'

Gesa Jenne-Dönneweg und Larissa Fernandes, Violine
Bohye Lee, Viola
Fionn Bockemühl, Violoncello
Franz Bach, Schlagzeug



Sendung des Mitschnitts aus dem Konzerthaus Freiburg am 20. Juli 2025 ab 12.30 Uhr im Mittagskonzert auf SWR Kultur

WERKEINFÜHRUNGSTEXTE

Eugène Ysaÿe
Streichquintett h-Moll (1894)

Eugène Ysaÿe ist kein Unbekannter, vor allem unter Geigern nicht. Der 1858 im belgischen Lüttich Geborene entwickelte eine ganz eigene Streichtechnik, die sich am französischen Impressionismus orientierte: Mit langem, sattem Bogenstrich erreichte Ysaÿe einen vollen, warmen Ton – ganz im Sinne der klanglichen Eleganz und manchmal auch sich verschmelzender Opulenz, die seine Zeitgenossen und Vorbilder Claude Debussy oder César Franck in ihren Werken anstrebten. Nicht zufällig widmet Debussy sein einziges Streichquartett in g-Moll op. 10 dem Ysaÿe Quartett, das Ysaÿe 1895 gegründet hatte.

Als Komponist machte sich Ysaÿe vor allem einen Namen mit den sechs Sonaten für Violine solo, die nicht nur in Geiger:innen-Kreisen als legitimes Nachfolge-Werk der Sonaten und Partiten für Violine solo von Johann Sebastian Bach gelten. Technisch hoch anspruchsvoll ist jede Sonate, die jeweils einem großen Geiger gewidmet und auf den Leib geschrieben ist: dem Ungarn Joseph Szigeti, dem Franzosen Jacques Thibaut, dem Rumänen George Enescu, dem Deutschen Fritz Kreisler und den heute weniger bekannten Mathieu Crickboom und Manuel Quiroga. Etwa 30 Jahre vor seinem Meilenstein der Geigen-Literatur beginnt Ysaÿe mit der Komposition seines Streichquintetts in h-Moll – fertigstellen wird er es aber nie. Neben dem groß angelegten ersten Satz, der im heutigen Konzert erklingt, gibt es lediglich ein Scherzo als unveröffentlichtes Manuskript. Das Quintett widmet Eugène Ysaÿe seinem Bruder Théophile (1865-1918), der ebenfalls komponierte und sich – wie Eugène – in Brüssel stark machte für die damals neue französische Musik.

Die Wärme des Tons, die Eugène Ysaÿe als Geiger so am Herzen lag, zeigt sich auch in diesem verträumt melancholischen Quintett. Ein eigentümlicher Fluss zeichnet dieses 20-minütige Werk aus. Immer wieder streut Ysaÿe melodiöse Passagen in Dur ein. Doch schnell fallen die „Aufbrüche“ wieder in sich zusammen. Der elegisch-suchende Ton kommt nicht von ungefähr. Es ist ein Frühwerk, in dem Vieles erkundet wird. Modern anmutende, expressive Klangfelder stehen neben eher verträumten französisch-impressionistisch anmutenden Abschnitten; bewegte Passagen lösen statische Klangflächen ab, dann dünnt der Quintettsatz wieder aus, um einzelnen Instrumenten ihren Raum zu geben (wobei Ysaÿe auf virtuose Einlagen verzichtet). Jederzeit hörbar ist auf alle Fälle das Gespür für den Quintett- und Streicherklang, der natürlich auch auf die langjährige Spielerfahrung des Geigers Ysaÿe zurückgeht. Als er sein Quintett im Jahr 1894 schreibt, ist er längst ein in ganz Europa gefragter Virtuose.

Fritz Kreisler
Streichquartett a-Moll (1919)

Zwischen Stars herrscht nicht immer Friede. Richard Strauss und Arnold Schönberg waren ebenso Antipoden wie später die Komponisten Helmut Lachenmann und Hans Werner Henze. Auch unter Virtuosen gab es so manche Querelen. Alfred Brendel etwa, der kürzlich verstorbene Pianist, äußerte sich wenig zimperlich über seinen Kollegen Glenn Gould: Gould sei der Pianist, so Brendel in einem Interview, der er selbst „nie sein wollte“. Dem kanadischen Starpianisten fehle einfach der Respekt vor dem Komponisten.

Ganz anders Fritz Kreisler und Eugéne Ysaÿe. Beide waren Geigen-Virtuosen, und beide schätzten sich sehr: Ysaÿe widmet Kreisler die vierte seiner sechs Violinsonaten. Kreisler wiederum sagte über den sieben Jahre älteren Freund und Kollegen, dass er für ihn ein „Idol“ sei. Was die beiden Interpreten-Komponisten verbindet, ist die Offenheit. Weder in Ysaÿes Streichquintett noch in Kreislers Streichquartett sind ästhetischen Dogmen spürbar, die ja gerade zu Beginn des 20. Jahrhunderts aller Orten grassieren.

Fritz Kreisler hat unter all den Verboten und ästhetischen „no goes“ zu leiden. Kritiker und Kollegen werfen ihm einen zu „romantisch-schmelzenden“ Ton vor. Vibrati und freie Tempo-Flexibilität sind offenbar kitschverdächtig in einer Zeit, in der sich eine objektiv-rationale, dem Fortschritt verpflichtete Ästhetik durchsetzt. Klar ist: Kreisler bleibt Romantiker. Und dies zeigt auch sein Streichquartett in a-Moll, das er seiner Frau Harriet widmet, von der es heißt, sie habe den einstigen Frauenhelden und Herumtreiber auf den rechten Weg gebracht.

„Mit ritterlichem Pathos“ möchte Kreisler gleich die ersten Solo-Takte vom Cellisten hören. Ausdrucksstärke bleibt präsent in diesem Streichquartett, dazu gesellen sich ein „weicher“ Ausdruck in Moll und manche Episoden voller Schwermut. „Mit gesteigerter Inbrunst“, „drängend“ und „breit“ – so heißen die weiteren Aufführungshinweise im ersten Satz, der in seiner freien Form einer „Fantasie“ vollends gerecht wird.

Eine Romanze darf nicht fehlen, wenn man ein Werk für seine Frau schreibt. Sie kommt im dritten Satz und sie ist geprägt vom oft sehnsuchtsvoll wirkenden Intervall einer kleinen Sekunde. Insbesondere in dieser Romanze zeigt sich, dass Kreisler wie sein Freund und Kollege Ysaÿe gern mäandernd durch Klangbilder schweift; er ist sicher kein Komponist à la Beethoven, der sicher und mit Tempo auf ein Ziel zusteuert. Obwohl er im Finale ein „rhythmisch und flott“ vorschreibt und später „mit Schwung“ fortfährt, bleibt auch das Ende in einer freien, rhapsodisch wirkenden Form, die Raum lässt für lange und viele melodische Bögen.  

Pavel Haas
Streichquartett Nr. 2 op. 7 „Von den Affenbergen“ (1925)

Die 1920er-Jahre: Es sind lebendige Zeiten. Vielerorts wird experimentiert, die Grenzüberschreitung ist in den „Roaring Twenties“ an der Tagesordnung. Pavel Haas ist in der Blüte seines Lebens, als er den so vitalen Lebenswelten begegnet. Bei einem der bekanntesten tschechischen Komponisten, bei Leoš Janáček hatte er studiert, der wiederum das Brünner Musikkonservatorium nach dem Ende des ersten Weltkriegs eröffnet hatte. Große Teile der heutigen Tschechischen Republik, das heißt vor allem Mähren und Böhmen, sind vor etwa 100 Jahren besondere Musikregionen. Viele hochrangige Geigenvirtuosen und der florierende Geigenbau stellen unter Beweis, dass ein Schwerpunkt auf der Musik für Streicher liegt. In der Volks- wie in der komponierten Musik.

Offenbar ganz unbefangen nähert sich der etwa 25-jährige Pavel Haas der Streichquartett-Komposition, die ja seit Haydns Zeiten eine mächtige Tradition entwickelt hat. Haas selbst schreibt über sein Opus 7: „Dieses ganze sorglose Werk wird vom Bewegungsimpuls beherrscht - entweder dem gleichmäßigen Rhythmus der offenen Landschaft und der Vogelstimmen, oder dem unregelmäßigen Rumpeln der Dorfkarren, dem warmen Schlagen des menschlichen Herzens, dem kalten Spiel des Mondscheins oder dem wilden Ende einer ausgelassenen Nacht.“

Vieles sagt Haas schon über dieses so lebendige und vor allem einfallsreiche Werk, das Eindrücke widerspiegelt von seiner Reise in die mährische Bergwelt, die man im Volksmund das „Affengebirge“ nennt. Da wäre der erste Satz „Landschaft“ mit der Verarbeitung eines mährischen Volksliedes über einer gleichbleibenden Begleitfigur. Lustig wirkt das rhythmische Rumpeln und motorische Vorwärtsdrängen des Dorfkarrens im zweiten Satz. Über ein introvertiert-intimes Largo, das Blicke in die offene, weite Landschaft zu reflektieren scheint, erreicht Haas schließlich einen rastlos wilden Satz. An stampfende Rhythmen des rabiaten Russen Dmitrij Schostakowitsch erinnert der erste Abschnitt. Danach schlägt Haas Töne an, die typisch sind für die 1920er-Jahre: Es gibt viele Jazz- und Tanz-Anklänge inklusive Verarbeitungen des Rumba-Rhythmus. Zu den damals modischen Einflüssen der Unterhaltungsmusik passt das Schlagzeug, das dem Geschehen – manchmal auch augenzwinkernd – gehörigen rhythmischen Schub verleiht. Wie sagte Haas selbst? Fast alles werde vom „Bewegungsimpuls beherrscht“.

Torsten Möller ∙ studierte an der Berliner Humboldt-Universität Musikwissenschaft, Kunstgeschichte und Soziologie. Mit dem Schwerpunkt auf der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts ist er freiberuflich tätig für Radio (SWR Kultur, Deutschlandfunk) und Print (Schweizer Musikzeitung, MusikTexte). In Essen unterrichtet Torsten Möller das Fach Musikjournalismus an der dortigen Folkwang Universität der Künste.

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Impressum
Sabrina Haane, Gesamtleitung SWR Symphonieorchester
Dr. Henning Bey, Künstlerische Planung
Tabea Dupree, Redaktion SWR Kultur
Henrik Hoffmann, Redaktion Programmheft

Sämtliche Texte sind Originalbeiträge für dieses Programmheft.

Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
SWR