INHALT
Konzerttermine
Programm
Kurzinfos zum Konzert
Werkeinführung
Künstlerbiografien
Orchesterbesetzung
Konzertvorschau
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Service
KONZERTTERMINE
Do 18. September 2025, 20 Uhr
Fr 19. September 2025, 20 Uhr
Stuttgart, Liederhalle
So 21. September 2025, 19 Uhr
Freiburg, Konzerthaus
Mo 22. September 2025, 19 Uhr
Mannheim, Rosengarten
Kostenlose Einführungen jeweils eine Stunde vor Konzertbeginn
PROGRAMM
Jean-Féry Rebel
(1666 – 1747)
"Les élémens, symphonie nouvelle"
Le cahos
Loure I (La terre et l'eau)
Chaconne (Le feu)
Ramage (L'air)
Rossignolo
Loure II
Tambourin I & II
Sicilienne
Rondeau (Air pour l'Amour)
Caprice (Rondeau)
ca. 23‘
Grußwort zum Antritt von François-Xavier Roth als neuer Chefdirigent und Künstlerischer Leiter des SWR Symphonieorchesters
Luciano Berio
(1925 – 2003)
Sinfonia für acht Singstimmen und Orchester
I
II O King
III In ruhig fließender Bewegung
IV
V
ca. 35‘
Pause
Franz Schubert
(1797 – 1828)
Sinfonie Nr. 8 C-Dur D 944 ("Große")
Andante – Allegro ma non troppo – Più moto
Andante con moto
Scherzo. Allegro vivace – Trio
Finale. Allegro vivace
ca. 47‘
Mitglieder des SWR Vokalensembles:
Wakako Nakaso, Sopran
Aya Gigandet, Sopran
Wiebke Wighardt, Alt
Judith Hilger, Alt
Johannes Kaleschke, Tenor
Steffen Kruse, Tenor
Philip Niederberger, Bass
Torsten Müller, Bass
Matthias Schneider-Hollek, Klangregie
SWR Symphonieorchester
François-Xavier Roth, Dirigent
Live-Videostream am Freitag, 19. September 2025 ab 20.03 Uhr auf SWR.de/so
Live-Radiosendung am Freitag, 19. September 2025 ab 20.03 Uhr auf SWR Kultur
Konzerteinführungen Fanny Opitz
KURZINFOS ZUM KONZERT
WERKEINFÜHRUNG
Mit seinem Antrittskonzert als Chefdirigent des SWR Symphonieorchesters stimmt François-Xavier Roth auf eine ihm wichtige Dramaturgie ein: verschiedene Epochen in Beziehung zu setzen. So präsentieren er und das Orchester heute Abend Werke aus Barock, Avantgarde und Wiener Klassik, die auf individuelle Weise zum weitgefassten Kreis der Sinfonie gehören, sei es im Untertitel (Rebel), als (ernst-ironisches) Spiel mit sinfonischen Formen (Berio) oder als klassischer Gattungsbeitrag (Schubert).
Jean-Féry Rebel: Les Élémens
Geht man den Anfängen nach, was einst unter dem Begriff Sinfonie verstanden wurde, staunt das Publikum von heute. Für Michael Praetorius war 1618 eine "Symphonia" der Auftritt eines Instrumentalensembles; Gabrieli und Schütz nahmen "Symphoniae sacrae" als Werktitel, Vokal- und Instrumentalwerke einschließend; als "Sinfonia" bezeichneten Vivaldi und Bach instrumentale Vor- und Zwischenspiele und in der italienischen Oper wurde der Begriff Ouvertüre und Sinfonie oft synonym gebraucht. Bevor sich die klassische Sinfonie mit mehreren Sätzen und Bauprinzipien, wie wir sie kennen, entwickelte, war der Begriff also ein ziemlich allgemeines Etikett. Ein schönes Beispiel ist die Orchester-Suite "Les Élémens" des französischen Komponisten Jean-Féry Rebel (1666 bis 1747), im Untertitel firmiert sie als "simphonie nouvelle". Eigentlich handelt es sich um eine Ballettmusik, entstanden am und für den tanzfreudigen Hof von Ludwig XV. in Versailles. Es ist eines der letzten Werke des Komponisten, den einst der Sonnenkönig gefördert hatte; er ist 71 Jahre alt bei der ersten Aufführung am 27. September 1737 an der Académie Royale de Musique.
Rebels "Elemente" wurden berühmt, weil sie – siehe den Untertitel – etwas unerhört Neues bringen. Gleich der erste Takt versetzt uns einen Ohrenschock. Dort steht ein Akkord, der wie ein nasser Lappen dem Publikum ins Gesicht schlägt. Musik, die klingt, was sie schildert: das Chaos. Alle Töne der harmonischen d-Moll-Tonleiter erklingen gleichzeitig, bilden einen Cluster wie bei György Ligeti – eine Art musikalischer Urknall, der Rebel einen Platz in der Musikgeschichte sichert. Die Beschreibung des Komponisten selbst wirkt da beinahe harmlos: "Ich habe es gewagt, die Idee der Verwirrung der Elemente mit der Verwirrung der Harmonie zu verbinden. Ich habe es gewagt, zunächst alle Töne vermischt gemeinsam hören zu lassen, oder vielmehr alle Noten der Oktave vereint in einem Klang." Nach diesem Prolog, in eigenwilliger Schreibweise "Le Cahos" betitelt, folgen die eigentlichen neun Tanzsätze, in denen jedes der vier Elemente Erde, Wasser, Feuer und Luft "gemalt mit den Mitteln des Tanzes und der Musik", so Rebel, vorgestellt werden; aparte Genremusiken, neben Chaconne und Sicilienne stehen typisch französische Tanzformen wie die majestätisch schreitende Loure, der Tambourine, das Rondeau und am Schluss eine reizvolle Caprice.
Luciano Berio: Sinfonia
Das Jahr 1968 war ein politisch und gesellschaftlich ereignisreiches, geprägt von Umbrüchen, Spannungen. In dieser Zeit komponierte Luciano Berio im Auftrag der New Yorker Philharmoniker seine "Sinfonia for eight voices and orchestra", er widmete sie dessen Chefdirigenten Leonard Bernstein. Zunächst umfasste sie vier Sätze und wurde so im gleichen Jahr mit den Swingle Singers und den Philharmonikern unter Berios Leitung uraufgeführt. Die um einen fünften Satz erweiterte und endgültige Fassung erklang erstmals 1969 bei den Donaueschinger Musiktagen, Ernest Bour dirigierte das Sinfonieorchester des Südwestfunks.
"Der Titel Sinfonia ist hier im etymologischen Sinn des 'Zusammenklingens' – von acht Stimmen und Instrumenten – zu verstehen", so Berio. Für den ersten Satz wählt er Texte des französischen Anthropologen Claude Lévi-Strauss, in denen die Struktur und die Symbolik brasilianischer Mythen über den Ursprung des Wassers analysiert wird, was insofern nicht ohne Ironie ist, da der Komponist es nicht darauf anlegt, dass die Hörer diese gewisperten Fragmente konkret verstehen. Es folgt eine Hommage an den schwarzen Bürgerrechtler Martin Luther King, der im April 1968 ermordet worden war. Betroffen hatte Berio unmittelbar darauf mit der Komposition "O King" für Mezzosopran und fünf Instrumente reagiert; er übernimmt sie in einer größer besetzten Version als zweiten Satz in die "Sinfonia", die Grundlage der Vokalparts beruht auf Luther Kings Namen. Der meditative Gestus mit stehenden Klängen wird wiederholt gestört durch heftige Klavierakzente, die man als Schüsse hören kann – der Baptistenpastor starb durch die Kugel eines mehrfach vorbestraften Rassisten. Für den zentralen dritten Satz wählte Berio Texte von Samuel Beckett und James Joyce, dazu Parolen, die Studenten im Mai 1968 während des Pariser Aufstands, dessen Zeuge Berio gewesen war, an die Mauern der Sorbonne schrieben, auf Tonband aufgenommene Gespräche mit Freunden und seiner Familie. Für den vierten Satz bezieht er sich auf den "O King"-Teil, der für Donaueschingen hinzugefügte Satz erscheint wie eine Synthese oder Reminiszenz. "Musikalisch 'träumt' dieser fünfte Satz von Elementen der vorhergegangenen Sätze und 'analysiert' sie – es handelt sich fast um eine 'Traumdeutung'", erläutert Berio sein Vorgehen.
François-Xavier Roth im Gespräch mit Bernd Künzig über vertraute Klänge und neue Perspektiven in der neuen Saison (während der Live-Konzerte nicht verfügbar)
Der italienische Komponist hatte ein Gespür für Entwicklungen, Strömungen, Aktualitäten. Seine "Sinfonia" reagiert einzigartig auf eine kulturelle und politische Umbruchsituation in den USA und Europa: Der Vietnam-Krieg, die Studentenproteste bewegen ihn als Künstler. Doch er bildet nicht ab, er transformiert die Artefakte der Gegenwart, collagiert sie – obwohl er selbst den Begriff Collage ablehnt. Damit formuliert er selbstbewusst ein Gegenmodell zu Purismus und Dogmen, von beiden ist die europäische Avantgarde jener Zeit latent angefressen. Am besten illustriert das der dritte Satz, der das Scherzo aus Gustav Mahlers zweiter Sinfonie überschreibt. Berio spricht davon, das sei "die vielleicht 'experimentellste' Musik, die ich je geschrieben habe". Hier führt er wie in einem Kaleidoskop disparate Stile und Sprachen zusammen, kaum bleibt Zeit, die Zitate und Allusionen von Bach, Schönberg, Ravel, Richard Strauss, Berlioz, Brahms, Berg, Hindemith, Beethoven und Strawinsky bis zu Boulez, Pousseur, Globokar, Stockhausen und Berio selbst zu benennen. Eben hört man Beethovens "Pastorale", darauf Debussys "La mer", gleich den "Sacre" und "Rosenkavalier"-Lüsternheit – und dauernd bricht der von Berio bewunderte Mahler als Ahnherr der Moderne zwischen diesen Fugen hindurch, besonders erschütternd, wenn in eine unvermittelt eintretende Stille hinein der surreale Satz "And after each group disintegration the name of Mayakovsky hangs in the clean air" den sinfonischen Zusammenbruch von Mahlers und Berios Faktur ankündigt, der ein zivilisatorischer sein könnte. Berios musikalische und literarische Überforderung mag Programm sein. Auf alle Fälle ist sie ein Gewinn.
Franz Schubert: Sinfonie Nr. 8 C-Dur
Viele sehen in den Liedern und der Kammermusik den Kern von Franz Schuberts, gemessen an 31 Jahren Lebenszeit, gewaltigem Werk. Es gibt eine prominente andere Sichtweise. So meinte Antonín Dvořák: "So sehr ich auch Schuberts Lieder schätze, so schätze ich seine Instrumentalwerke doch noch höher. Wenn alle seine Kompositionen zerstört werden sollten bis auf zwei, so würde ich für die Rettung der letzten beiden Sinfonien eintreten." Tatsächlich hatte Schubert in seiner Schulzeit im Wiener Stadtkonvikt als Geiger in dessen Orchester tiefe Eindrücke durch die Aufführung der Sinfonien von Haydn und Mozart sowie 1809 oder 1810 von Beethovens Fünfter erhalten, eine Musik, die gerade ein Jahr zuvor uraufgeführt worden war.
Ein Funke, der zündete: nach einem Versuch im Alter von vierzehn Jahren, schließt er mit Sechzehn seine erste Sinfonie ab, bis 1818 folgen fünf weitere. Angänge für vier weitere Sinfonien sind überliefert, keine wird abgeschlossen – der letzte Versuch allerdings führt zur "Unvollendeten" in h-Moll mit zwei Sätzen (erhalten ist der Beginn eines Scherzos), heute als Nr. 7 gezählt. Keiner wird diesem Fragment das Adjektiv vollendet absprechen.
Während einer Sommerreise nach Gmunden und Bad Gastein 1825 komponiert Schubert einen Meilenstein der sinfonischen Literatur des 19. Jahrhunderts, seine sogenannte Große C-Dur Sinfonie (D 944). Ein Jahr später abgeschlossen, widmet Schubert sie der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, dort wird das Manuskript hinterlegt. Wohl noch zu Schuberts Lebzeiten wird ein Stimmsatz angefertigt, Proben werden abgehalten; "wegen ihrer Länge und Schwierigkeit" kommt es zu keiner Aufführung, berichtet Schuberts Freund Leopold Sonnleithner 1861. Nun liegt die Sinfonie beinahe vergessen ein Jahrzehnt auf Halde. Im Januar 1839 stattet Robert Schumann Schuberts Bruder Ferdinand einen Besuch ab und geht mit ihm Noten durch, darunter dessen Abschrift der C-Dur-Sinfonie. Begeistert schreibt Schumann: "Der Reichtum, der hier aufgehäuft lag, machte mich freudeschauernd; wo zuerst hingreifen, wo aufhören? Unter andern wies er mir die Partituren mehrerer Sinfonien, von denen viele noch gar nicht gehört worden sind, ja oft vorgenommen, als zu schwierig und schwülstig zurückgelegt wurden… Wer weiß, wie lange auch die Sinfonie, von der wir heute sprechen, verstäubt und im Dunkel liegen geblieben wäre, hätte ich mich nicht bald mit Ferdinand Sch. verständigt, sie nach Leipzig zu schicken an die Direktion der Gewandhauskonzerte..."
Und so führt Felix Mendelssohn sie am 21. März 1839 eben dort auf. Schumann erlebt erst eine zweite Aufführung im Dezember und notiert, "dass sie uns in eine Region, entführt, wo wir vorher gewesen zu sein uns nirgends erinnern können." Und dann fällt sein oft zitierter Satz: "Und diese himmlische Länge der Sinfonie, wie ein dicker Roman in vier Bänden etwa von Jean Paul…" Tatsächlich gelingt es Schubert, aus Beethovens Schatten zu treten, vor dem sich später noch Brahms fürchtete. Und zwar gleich mit einem ungewöhnlichen Beginn: ohne jegliche Begleitung spielen zwei Hörner einstimmig ein achttaktiges Thema, eine ebenso mysteriöse wie atmosphärische dichte Eröffnung, die Tonart vagiert zwischen C-Dur und a-moll, bis im neunundzwanzigsten Takt ein erstes Fortissimo dem Geschehen eine Richtung gibt. Meisterhaft nun die pulsende, sich steigernde Überleitung zum Allegro man non troppo, mit dem sozusagen die (Roman-)Handlung in Gang gesetzt ist. Schumann notiert voller Bewunderung: "Das Tempo scheint sich gar nicht zu ändern, wir sind angelandet, wissen nicht wie". Schubert emanzipiert sich damit von Beethoven, indem er sein thematisches Material weniger durchknetet, sondern die Struktur viel mehr durch Klangflächen – etwa schattenhafte Klänge der drei Posaunen – und rhythmische Energiefelder gliedert. Der zweite Satz, ein Andante mit typisch Schubert’schen Wandergestus, führt nach knapp zwei Dritteln zu einem ungeheuren Moment, wie ihn man ihn viel später erst wieder bei Mahler und Bruckner finden wird: nachdem sich vorher die gehende Bewegung unerbittlich gesteigert hat, kollabiert das musizierende Subjekt in einem schreienden Septakkord in dreifachem Forte.
Das Scherzo und der vierte Satz nehmen teilweise beinahe manische Züge an, so wie das Material wiederholt wird. Theodor W. Adorno hegt leise Zweifel an der "sinfonischen Positivität" des Finales, höre man nicht vielleicht eine "Opernveranstaltung"? Jede Hör- und Musikergeneration wird ihre eigene Perspektive auf solche Fragen einnehmen – unwidersprochen wird sein, dass es die an ein Meisterwerk sind.
Schubert hat übrigens wohl bis einen Monat vor seinem Tod an einer weiteren Sinfonie gearbeitet, hinterlassen sind Skizzen zu drei Sätzen. Luciano Berio hat sich Ende der 80er-Jahre in seinem Orchesterwerk "Rendering" dieser Entwürfe in D-Dur angenommen und sie wie ein "Fresko restauriert" (Berio), ohne die Lücken zu kaschieren, sie mit faszinierendem Ergebnis in ein "ständig wandelndes musikalisches Gewebe" eingebettet. So treffen die im Nebeneinander eines Programms in die Zukunft weisenden Werklinien zweier großer Komponisten jenseits eines Konzertabends zusammen und bilden eine neue Gestalt.
Im Gedenken an Sir Roger Norrington
François-Xavier Roth und das SWR Symphonieorchester widmen die Aufführung von Schuberts "Großer" Sir Roger Norrington, der von 1998 bis 2011 Chefdirigent des Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart des SWR war und am 18. Juli dieses Jahres in seiner britischen Heimat verstorben ist. Sir Rogers Interpretationen von Schuberts "Großer" sind unvergessen und haben den "Stuttgart Sound" maßgeblich mitgeprägt, für den er und RSO Stuttgart international gefeiert wurden. (Die nachfolgende Audiodatei ist während der Live-Konzerte nicht abrufbar.)
Götz Thieme ∙ in Düsseldorf geboren, studierte in Hamburg Querflöte, historische und systematische Musikwissenschaft sowie Germanistik; seine Magisterarbeit schrieb er über Alfred Schnittkes Ballett "Peer Gynt". Von 2000 bis 2016 war er Musikredakteur der Stuttgarter Zeitung, seit 2022 ist er freier Publizist unter anderem für "Opernwelt", "Fono Forum", "Badische Zeitung" und den SWR.
Luciano Berio über seine "Sinfonia"
Der Titel "Sinfonia" ist hier im etymologischen Sinn des "Zusammenklingens" – von acht Stimmen und Instrumenten – zu verstehen. Obwohl die fünf Sätze äußerst verschiedenartige Ausdruckscharaktere aufweisen, sind sie aufs Ganze gesehen doch durch vergleichbare harmonische und artikulatorische Eigenschaften miteinander verbunden.
Der Text des ersten Teils besteht aus einer Reihe kurzer Fragmente aus dem Buch "Le cru et le cui" von Claude Lévi-Strauss. Diese Fragmente sind den Abschnitten des Buches entnommen, in denen der französische Anthropologe die Struktur und die Symbolik brasilianischer Mythen über den Ursprung des Wassers analysiert.
Der zweite Teil ehrt das Andenken Martin Luther Kings. Die Vokalpartie beruht ausschließlich auf seinem Namen.
Der Text des dritten Teils enthält im wesentlichen Exzerpte aus "The Unnamable" von Samuel Beckett, denen sich Zug um Zug andere Elemente verschiedenartiger Herkunft zugesellen: Joyce, Sätze von Harvard-Studenten, Parolen, die Studenten im Mai 1968 während des Pariser Aufstands – dessen Zeuge ich war – an die Mauern der Sorbonne schrieben, auf Tonband aufgenommene Gespräche mit Freunden und mit meiner Familie, Solfège-Fetzen usw.
Im vierten Satz beruht die Vokalpartie auf einem kurzen Ausschnitt eines Textes, den ich bereits im ersten Satz verwendet habe.
Auch der Text des fünften Satzes ist im Wesentlichen vom ersten abgeleitet, diesmal allerdings unter Hinzufügung neuer Elemente aus "Le cru et le cui". Hier werden Fragmente zweier Mythen übereinandergelagert. Sie zeigen Ähnlichkeit und Parallelität in ihrer Struktur, haben aber verschiedene Bedeutung. Der eine bezieht sich wiederum auf den Ursprung des Wassers, der andere auf den Ursprung der Musik. Diesen zweiten Text stellte mir Gérard Brunschwig liebenswürdigerweise zur Verfügung. Musikalisch "träumt" dieser fünfte Satz von Elementen der vorhergegangenen Sätze und "analysiert" sie – es handelt sich fast um eine "Traumdeutung". Bestimmte Elemente treten nur einmal auf, bei anderen wiederholt sich ihre Erscheinung in gleichbleibender Weise, wieder andere sind unterschiedlichen Transformationsformen und Transformations-Geschwindigkeiten unterworfen. Zum Beispiel enthält dieser fünfte Satz den ganzen zweiten Satz in völlig unveränderter Gestalt. Die Behandlung der Vokalpartien in den Sätzen I, II, IV und V ist sich jeweils darin ähnlich, dass der Text als solcher nicht unmittelbar erfasst werden kann. Die Worte und ihre Phoneme werden einer musikalischen Analyse unterworfen, die einen wesentlichen Bestandteil der Gesamtstruktur aus dem Zusammenwirken von Stimmen und Instrumenten bildet. Der wechselnde Grad an Textverständlichkeit ist Teil der musikalischen Struktur, und deshalb werden die von mir verwendeten Worte und Sätze nicht im Konzertprogramm abgedruckt. Die Erfahrung des "Nicht vollständig Hörbaren" soll als wesentlich für das Werk selbst betrachtet werden.
Ich glaube, dass der dritte Satz einen ausführlicheren Kommentar verlangt als die übrigen Sätze, denn er ist – um eine Klischeewendung zu gebrauchen – die vielleicht "experimentellste" Musik, die ich je geschrieben habe. Der Satz stellt eine Huldigung an Gustav Mahler dar, dessen Werk das Gewicht der ganzen Musikgeschichte in sich zu tragen scheint; auch ist er eine Huldigung an Leonard Bernstein für seine unvergessliche Interpretation der "Auferstehungs-Sinfonie" in der New Yorker Konzertsaison 1967.
Das Ergebnis wird zu einer Art "Voyage à Cythère" an Bord des dritten Satzes aus Mahlers Zweiten Sinfonie. Ich habe den Mahlerschen Satz wie ein Gefäß behandelt, in dessen Wänden eine große Zahl "musikalischer Mythen" und Anspielungen entwickelt, in gegenseitige Beziehung gesetzt und transformiert wird: von Bach, Schönberg, Debussy, Ravel, Richard Strauss, Berlioz, Brahms, Berg, Hindemith, Beethoven und Strawinsky bis zu Boulez, Pousseur, Globokar, Stockhausen, mir selbst und anderen.
Es lag weder in meiner Absicht, Mahler zu zerstören – er ist unzerstörbar – noch einen privaten Komplex gegenüber der nachromantischen Musik abzureagieren – ich habe keinen – noch eine weit gesponnene musikalische Anekdote zu erzählen – wie das junge Pianisten gerne tun. Zitate und Anspielungen wurden eher wegen ihres potentiellen als wegen ihres realen Bezugs zu Mahler ausgewählt.
Die Gegenüberstellung und Verschmelzung kontrastierender Elemente gehört tatsächlich zum Entscheidendsten in diesem Satz der Sinfonia, der sich – wenn man so will – auch als Dokumentation über "vorgefundenes Material" ansehen lässt. Als struktureller Bezugspunkt bedeutet Mahler für die musikalische Gesamtheit dieses Satzes das gleiche wie Beckett für den Text. Man könnte das Verhältnis zwischen den Worten und der Musik als eine Art Interpretation – nochmals: Traumdeutung – jenes gefühlsstromartigen Dahinfließens charakterisieren, welches das unmittelbarste Ausdrucksmerkmal in Mahlers Satz darstellt. Wenn ich beschreiben sollte, auf welche Weise das Scherzo von Mahler in meiner Sinfonia gegenwärtig ist, so käme mir spontan das Bild eines Flusses in den Sinn, der eine beständig wechselnde Landschaft durchläuft, manchmal in ein unterirdisches Bett versinkt und an einem ganz anderen Ort wieder ans Tageslicht dringt, bisweilen in seinem Lauf klar vor uns liegt, mitunter vollkommen verschwindet, gegenwärtig ist als völlig überschaubare Form oder auch als schmales Rinnsal, das sich in der vielfältigen Umgebung musikalischer Erscheinungen verliert.
(Übersetzung aus dem Italienischen: Josef Häusler)
KÜNSTLERBIOGRAFIEN
François-Xavier Roth, Dirigent
François-Xavier Roth ist ein musikalischer Visionär und ungemein vielseitiger Dirigent. So paradox es klingen mag: François-Xavier Roth hat sich auf das Universelle spezialisiert. Sein Repertoire reicht von frühem Barock über das sinfonische Kernrepertoire und Klassiker der Moderne bis hin zur Musik der Gegenwart. Ab September 2025 ist François-Xavier Roth Chefdirigent und Künstlerischer Leiter des SWR Symphonieorchesters. In seiner Antrittssaison stellt er seine stilistische Vielseitigkeit mit der Aufführung von Werken von Jean-Féry Rebel, Joseph Haydn, Wolfgang Amadeus Mozart, Ludwig van Beethoven, Franz Schubert, Richard Wagner, Anton Bruckner, Richard Strauss, Maurice Ravel, Claude Debussy, Luciano Berio, Helmut Lachenmann, Wolfgang Rihm und Philippe Manoury unter Beweis – im Sendegebiet des SWR wie auch bei nationalen und internationalen Gastkonzerten.
Roth, 1971 in Paris geboren, absolvierte zunächst am Pariser Konservatorium eine Ausbildung als Flötist, bevor er ins Dirigierfach wechselte. Von 2011 bis 2016 war er Chefdirigent des SWR Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg und von 2015 bis 2024 Generalmusikdirektor der Stadt Köln und Gürzenich-Kapellmeister. Das von ihm gegründete Originalklangensemble Les Siècles hat Roth innerhalb kürzester Zeit zu internationalem Erfolg geführt. Je nach Werk, und oftmals während eines Konzerts, passen die Mitglieder von Les Siècles ihr Instrumentarium dem jeweiligen Repertoire an und lassen so Altbekanntes mit geschärften Farben in neuem Licht erscheinen. Roth ist seit 2017 Principal Guest Conductor des London Symphony. Darüber hinaus steht er als Gastdirigent seit vielen Jahren regelmäßig am Pult von internationalen Spitzenorchestern wie den Berliner und Münchner Philharmonikern, der Staatskapelle Berlin, dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, dem Gewandhausorchester Leipzig, dem Concertgebouw Orkest Amsterdam sowie den Orchestern von San Francisco, Cleveland und Boston.
Ein besonderes Anliegen von François-Xavier Roth ist es, neue Publikumsschichten für klassische Musik zu begeistern und ambitionierte Laienmusiker:innen zu fördern. Roths Diskografie ist umfangreich und preisgekrönt. Sie umfasst u. a. sämtliche Tondichtungen von Richard Strauss, die Ballette von Igor Stranwinsky, die Orchesterwerke von Ravel und Berlioz, sämtliche Sinfonien von Bruckner, Mahler und Schumann sowie Alben zum 100. Geburtstag Debussys. 2020 wurde Roth als bis dahin jüngster Dirigent mit dem Ehrenpreis der Deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet. 2017 wurde er in Frankreich zum Ritter der Ehrenlegion ernannt.
SWR Vokalensemble
Der Rundfunkchor des SWR gehört zu den internationalen Spitzenensembles unter den Profichören. Die instrumentale Klangkultur und stimmliche wie stilistische Flexibilität des Vokalensembles suchen ihresgleichen und begeistern Publikum, Dirigenten und Komponisten im In- und Ausland. Mehr als 300 Werke sind in den vergangenen Jahrzehnten für das SWR Vokalensemble entstanden und jedes Jahr kommen neue hinzu. Neben der zeitgenössischen Musik widmet sich das SWR Vokalensemble vor allem den anspruchsvollen Chorwerken der Romantik und der klassischen Moderne.
Von 2004 bis 2020 war Marcus Creed der Chefdirigent des SWR Vokalensembles. Unter seiner Leitung wurde das SWR Vokalensemble für seine kammermusikalische Interpretationskultur und seine stilsicheren Interpretationen vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Jahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik, dem ECHO Klassik, dem Diapason d’Or, dem Choc de la Musique und dem Grand Prix du Disque. Künstlerischer Leiter ist seit 2020 Yuval Weinberg, der 2022 mit dem SWR Vokalensemble eine Gesamtaufnahme aller Chorwerke von György Ligeti vorlegte, die u. a. mit dem Jahrespreis Diapason d’Or sowie dem Preis der deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet wurde.
SWR Symphonieorchester
Das SWR Symphonieorchester hat in der Liederhalle Stuttgart und im Konzerthaus Freiburg sein künstlerisches Zuhause. Im September 2016 aus der Zusammenführung des Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart des SWR und des SWR Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg hervorgegangen, zählen Interpretationsansätze aus der historisch informierten Aufführungspraxis, das klassisch-romantische Kernrepertoire sowie Musik der Gegenwart gleichermaßen zu seinem künstlerischen Profil. Im September 2025 übernimmt François-Xavier Roth die Position des Chefdirigenten und Künstlerischen Leiters des SWR Symphonieorchesters und folgt damit auf Teodor Currentzis, der von 2018 bis 2024 an der Spitze des Orchesters stand.
Zu den jährlichen Fixpunkten im Konzertkalender des SWR Symphonieorchesters zählen die SWR eigenen Konzertreihen in Stuttgart, Freiburg und Mannheim sowie Auftritte bei den Donaueschinger Musiktagen und den Schwetzinger SWR Festspielen. Seit 2020 ist das SWR Symphonieorchester das Residenzorchester der Pfingstfestspiele im Festspielhaus Baden-Baden. Einladungen führen das Orchester regelmäßig zu den Salzburger Festspielen, in die Elbphilharmonie Hamburg, nach Berlin, Köln, Frankfurt, Dortmund, Essen, Wien, Edinburgh, London, Barcelona, Madrid und Warschau.
International gefragte Dirigenten wie Herbert Blomstedt, Peter Eötvös, Christoph Eschenbach, Pablo Heras-Casado, Manfred Honeck, Jakub Hrůša, Eliahu Inbal, Ingo Metzmacher, Kent Nagano, Sir Roger Norrington, Jonathan Nott, Andrés Orozco-Estrada, Petr Popelka, Michael Sanderling und Giedrė Šlekytė haben mit dem SWR Symphonieorchester zusammengearbeitet. Unter den hochkarätigen Solisten finden sich Leif Ove Andsnes, Yulianna Avdeeva, Renaud Capuçon, Sol Gabetta, Martin Grubinger, Isabelle Faust, Vilde Frang, Hilary Hahn, Janine Jansen, Alexandre Kantorow, Sabine Meyer, Emmanuel Pahud, Fazil Say, Gil Shaham, Antoine Tamestit und Christian Tetzlaff. Seit September 2024 steht die Geigerin Patricia Kopatchinskaja dem SWR Symphonieorchester als Artistic Partner für zwei Spielzeiten zur Seite.
Mit seinem umfangreichen Musikvermittlungsangebot erreicht das Orchester jährlich etwa 15.000 Kinder, Jugendliche und Erwachsene im Sendegebiet des SWR. Zahlreiche Live-Übertragungen auf SWR Kultur und Konzertstreams auf SWR.de/so ermöglichen vielen Musikfreunden in der ganzen Welt, an den Konzerten des Symphonieorchesters teilzuhaben.
Seit 2024 ist das SWR Symphonieorchester offizieller Partner von "La Maestra", dem international bedeutendsten Wettbewerb für Nachwuchsdirigentinnen.
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Impressum
Sabrina Haane, Gesamtleitung SWR Symphonieorchester
Tabea Dupree, Redaktion SWR Kultur
Henrik Hoffmann, Redaktion Programmheft
Matthias Claudi, Leitung Kommunikation SWR Ensembles und Festivals
Sämtliche Texte sind Originalbeiträge für dieses Programmheft