Die ehemalige Bundesfamilienministerin Kristina Schröder hat in einem Gastbeitrag in der Tageszeitung Welt eine Reform der Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderung gefordert. Unter Eingliederungshilfe fallen alle Hilfestellungen, die Menschen mit Behinderung bekommen können, um ihren Alltag bewältigen. Finanziert wird diese Hilfe meist von den Städten und Landkreisen. Kristina Schröder sagt, das sei alles viel zu teuer. Irrtum, sagt Sabine Brütting.
Die Eingliederungshilfe kostet die Kommunen zweifelsohne viel Geld. Das liegt daran, dass sie individuell darauf schauen soll, welche Unterstützung Menschen mit Behinderung brauchen. Im besten Fall bekommen sie diese Hilfe dann auch. In Baden-Württemberg kostet das rund 3 Milliarden Euro pro Jahr. Und in vielen Fällen ist es gut investiertes Geld. Und weil Eingliederungshilfe so sperrig klingt, nennen wir sie ab hier einfach: Assistenz.
Diese Assistenzen helfen Kindern dabei, in der Schule besser lernen zu können. Sie helfen schwerbehinderten Menschen, überhaupt ihre Arbeit erledigen zu können oder sie stellen sicher, dass Menschen nachts nicht einfach versterben, weil ihr Atem aussetzt. Dabei ist es mitnichten so, dass die Assistenz sofort bereitsteht, wenn sie benötigt wird, auch wenn Kristina Schröder dies so darstellt. Nirgends werden die Anträge dafür einfach „durchgewinkt“. In der Realität stecken dahinter seitenweise komplizierte Anträge und Gutachten von Ärzten und Institutionen.
Und selbst wenn Betroffene dann einen positiven Bescheid in Händen halten, heißt das noch lange nicht, dass sie auch eine Assistenz finden. Denn diese Jobs sind oft schlecht bezahlt. Deshalb übernehmen häufig auch Angehörige diese Aufgaben – neben dem bürokratischen Irrsinn, der beispielsweise dazu führt, dass man in vielen Fällen Assistenzen regelmäßig neu beantragen muss.
Natürlich kann man kritisieren, dass beispielsweise immer mehr Kinder mit ADHS solche Assistenzen benötigen. Man könnte das aber auch als ein weiteres Symptom eines systematischen Versagens unseres Bildungssystem werten. Ein Bildungssystem, das es nicht schafft, viele Kinder ohne massive Unterstützung teilhaben zu lassen, versagt.
Eine Gesellschaft, die die Verantwortung und Kosten für Schwäche, Krankheit und Behinderung auf den Einzelnen abwälzt, versagt ebenfalls. Gestern waren die Geflüchteten zu teuer, heute sind es die Menschen mit Behinderung. Und wer ist morgen „zu teuer“?