Challenger-Katastrophe vor 40 Jahren: Was hat die Space-Shuttle-Ära gebracht?

Vor 40 Jahren starben Dick Scobee, Michael J. Smith, Ronald McNair, Ellison Onizuka, Judith Resnik, Gregory Jarvis und Christa McAuliffe. 73 Sekunden, nachdem sie mit der “Challenger” von Cape Canaveral aus gestartet waren, explodierte das Space Shuttle. Die NASA hatte den Start durchgezogen, obwohl es zu kalt dafür war. Eine mangelhafte Dichtung hat dann zur Katastrophe geführt. Am Gedenktag heute ist eine europäische Weltraumkonferenz. Über beides spricht SWR-Aktuell-Moderator Florian Rudolph mit Wissenschaftsredakteur David Beck.

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Stand

SWR Aktuell: Was war der Grund für diese Katastrophe?

David Beck:Der Grund war tatsächlich relativ schnell gefunden, und zwar war das eine ringförmige Gummidichtung, auch O-Ring genannt, in einem der beiden Feststoffbooster. Diese Dichtung ist durch die Kälte vor dem Start hart und dadurch dann undicht geworden. So konnten dann die heißen Gase an der Dichtung vorbei, an einer Stelle nach außen treten, an der das eigentlich nicht passieren sollte, an der Verbindung zweier Elemente dieses Boosters. Die Gase, die haben dann ein Loch in die Außenwand gerissen. Man sieht auch auf Videoaufnahmen wenige Sekunden vor der Explosion, wie Feuer aus der Seite des Boosters austritt, und irgendwann hat der Booster dem dann nicht mehr standgehalten, wurde zerstört, und das hat dann letztendlich zur ganzen Explosion des Space Shuttles geführt. Dass diese Dichtung so schnell als Ursache entdeckt wurde, das war tragischerweise, weil Ingenieure von Thiokol, dem Hersteller des Boosters, gewarnt haben, dass genau das passieren könnte, wenn das Space Shuttle bei zu niedrigen Temperaturen startet. Am Abend vor dem Start wurde noch eine Krisentelefonkonferenz abgehalten, bei der Vertreter von Thiokol zunächst ihre Zustimmung zum geplanten Start verweigerten, aber dann mehr oder weniger von ihren Vorgesetzten dazu gedrängt wurden, doch zuzustimmen, damit der Starttermin eingehalten werden konnte.

SWR Aktuell: Das Programm ist ja dann erstmal auf Eis gelegt worden, dann gab es aber wieder weitere Flüge und auch keine weiteren Unglücke – zunächst: bis die Raumfähre Columbia dann im Februar 2003 beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre auseinanderbrach. Erst 2011 fand dann der letzte Flug eines Space Shuttles statt. Warum ist das Programm dann eingestellt worden?

 Eigentlich sollte die Wiederverwendbarkeit der Raumfähren ja für Einsparungen sorgen, aber am Ende war jeder Flug sogar noch teurer als mit einer konventionellen Rakete.

Beck: Es war schon die Columbia-Katastrophe, die ausschlaggebend dafür war, dass das Programm eingestellt wurde. Der Bericht nach Columbia bezeichnete das Space Shuttle als „riskant und unsicher“. Immerhin war die Technologie damals ja auch schon mehr als 20 Jahre alt. Ein Faktor war aber sicher auch, dass das Programm viel zu teuer war. Eigentlich sollte die Wiederverwendbarkeit der Raumfähren ja für Einsparungen sorgen, aber am Ende war jeder Flug sogar noch teurer als mit einer konventionellen Rakete, weil die Shuttles nach jedem Flug so aufwendig wieder in Stand gesetzt werden mussten. Und schon vor dem nächsten Flug nach der Columbia-Katastrophe erklärte dann der damalige US-Präsident George Bush 2004, dass das Programm eingestellt werden würde, sobald die internationale Raumstation ISS fertig gebaut ist. Gut 20 Flüge gab es dann noch bis zum letzten Flug des Shuttles Atlantis, das war im Juli 2011.

Raumfahrt 20 Jahre nach „Columbia”-Unglück – Deshalb zerbrach das Space Shuttle

Am 1. Februar 2003 verglühte das Space Shuttle Columbia beim Wiedereintritt in die Atmosphäre. Die gesamte Besatzung kam dabei ums Leben.

Alles in allem gab es mehr als 120 Shuttle-Flüge. Trotz der beiden Katastrophen und obwohl dass das Programm viel zu teuer wurde, würde ich es schon auch als Erfolg bezeichnen. Ich bin in der Shuttle-Zeit aufgewachsen, ich war als Kind Raumfahrt-Fan, und für mich war Raumfahrt einfach das Space Shuttle. Es ist wahnsinnig ikonisch, immer noch. Und ohne das Shuttle hätten wir auch die ISS nicht, die jetzt gerade der Mittelpunkt der astronautischen Raumfahrt ist und noch ein paar Jahre bleiben wird. Und so hat das Shuttle dann wirklich ein halbes Jahrhundert Raumfahrt geprägt.

SWR Aktuell: Wie geht es denn jetzt bei der US-Weltraumbehörde NASA weiter? Ist ein Nachfolger in Planung?

Wenn man nur eine Möglichkeit hat, die Astronauten ins All zu bringen und diese Möglichkeit dann weg ist, dann hat man gar keine mehr.

Beck: Nicht direkt. Die Strategie der NASA, was astronautische Raumfahrtkapazitäten angeht, hat sich seit Ende des Space Shuttles geändert. Man macht das jetzt nicht mehr selbst, sondern lagert es aus. Und vor allem ist ganz wichtig, das hat man beim Shuttle gesehen: Wenn man nur eine Möglichkeit hat, die Astronauten ins All zu bringen und diese Möglichkeit dann weg ist, dann hat man gar keine mehr. Deswegen sollen jetzt private Unternehmen redundante Kapazitäten schaffen. Das ist einmal SpaceX, die mit der Crew Dragon können jetzt auch schon NASA-Astronauten zur ISS fliegen. Und Boeing sollte eigentlich den Starliner entwickeln, was noch nicht so ganz geklappt hat. Die Entwicklung hat sich erst mal um Jahre verzögert. Und dann erinnerst du dich sicher, der erste Testflug mit Menschen an Bord startete im Juni 2024 mit Sunita Williams und Butch Wilmore. Die saßen dann fast ein Jahr auf der ISS fest, wegen Sicherheitsbedenken beim Wiedereintritt des Starliners. Am Ende mussten sie dann mit einer Crew Dragon zurückkehren und der Starliner ist ohne Menschen an Bord zur Erde zurückgeflogen. Ein eigenes Raumschiff hat die NASA aktuell auch. Das ist die Orion-Kapsel, mit der, wenn alles klappt, nächste Woche die ersten Menschen seit mehr als 50 Jahren zum Mond fliegen sollen. Artemis 2 heißt die Mission. Landen werden sie noch nicht. Das soll mit Artemis 3 dann passieren, frühestens Mitte nächsten Jahres.

SWR Aktuell: Und die Europäer, was machen die derweil?

Die NASA ist einfach kein so ein sicherer Partner mehr, wie sie das mal war.

Beck: Das ist so eine Sache, über die immer nachgedacht wird: Wenn es um astronautische Raumfahrt in Europa geht, machen wir das selbst. Ein eigenes Astronautenkorps haben wir ja, aber wir fliegen immer mit NASA-Missionen mit. Es gibt schon Überlegungen, auch konkrete Ideen, für ein Raumschiff, das man mit einer Ariane 6 ins All fliegen könnte, das dann auch zurückkehren könnte. Aber es ist jetzt noch nicht wirklich was geplant oder auch nur geplant, dann irgendwann mal vielleicht etwas zu planen. Man vertraut aktuell einfach noch auf die NASA. Allerdings könnte ich mir schon vorstellen, dass das Vertrauen nicht mehr so groß ist, wie es vor fünf oder vor zehn Jahren vielleicht war. Wir haben beim Beginn des Ukraine-Kriegs gesehen, wie schnell mit Russland ein Partner in der Raumfahrt verloren gehen kann. Und ja, bei den USA einerseits ist das Verhältnis zur EU gerade nicht das Beste. Und in den USA ist das politische Verhältnis zur Raumfahrt nicht das Beste. Die NASA ist einfach kein so ein sicherer Partner mehr, wie sie das mal war. Und das könnte dann schon dazu führen, dass die ESA und die EU auch bei der astronautischen Raumfahrt versuchen, sich mehr auf eigene Beine zu stellen.

[Hinweis der Redaktion: In einer früheren Form des Artikels waren die Angaben zur Dichtung im Booster und zum Ablauf der Startfreigabe gegen die Bedenken der Ingenieure nicht vollständig korrekt. Wir haben das korrigiert.]