"Erfahrene Spielerinnen und junge Wilde" - Das deutsche Frauen-Fußball-Team vor dem EM-Auftakt gegen Polen

Seit zwei Tagen läuft die Fußball-Europameisterschaft der Frauen in der Schweiz. Heute hat das deutsche Team ab 21 Uhr in St. Gallen seinen Auftakt gegen Polen. Ex-National-Torhüterin Silke Rottenberg erklärt bei SWR-Aktuell-Moderator Andreas Fischer, warum die Nationalelf für sie eine gute Mischung ist.

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Von Autor/in Andreas Fischer

SWR Aktuell: Es gibt einen Ticket-Rekord, und auch die Preisgelder für die Spielerinnen sind bei dieser EM so hoch wie noch nie. Ist der Frauenfußball endlich auf der Stufe angekommen, die er verdient hat?

Die ehemalige deutsche Fußballspielerin Silke Rottenberg lächelt in die Kamera.
Lukas Schulze

Silke Rottenberg: Definitiv. Vor allen Dingen sind wir auf einem wirklich sehr guten Weg. Dass die Preisgelder angestiegen sind, ist für mich aber auch ganz logisch. Ich weiß ja noch, was ich damals bekommen habe für einen EM- oder einen WM-Titel, von daher ist das für mich die logische Schlussfolgerung. Und wenn man sieht, wie viele Tickets verkauft wurden in so kurzer Zeit, spricht das natürlich für den Frauenfußball, aber auch für eine sehr gute Organisation in der Schweiz.

SWR Aktuell: Wie ist es denn für Sie, das alles jetzt mitzuerleben, diesen Erfolg? Sie haben gerade schon gesagt, bei Ihnen waren die Preisgelder noch niedriger. Sie haben 1993 Ihr erstes Länderspiel gemacht, da lief auch Frauenfußball noch nicht abends zur besten Sendezeit im Hauptprogramm….

Rottenberg: Ja, das ist wohl wahr, aber trotz alledem war meine Generation sehr erfolgreich. Ich erinnere mich gerne immer an den ersten WM-Titel 2003 oder den zweiten 2007. Und das ist ja immer so, man braucht Vorreiterinnen, um einen Sport nach vorne zu pushen. So waren wir die Generation damals, und die heutige Generation hat natürlich die Aufgabe, für die nachkommende Generation das Ganze weiter voranzutreiben. Und von daher muss die Entwicklung auch da hängen und die  geht auch weiter, wenn man erfolgreich ist.

SWR Aktuell: Und etwas, was man auch vorantreiben kann, ist ja zum Beispiel die Stimmung, wo man vielleicht auch Vorbild sein kann. Da gibt es ja auch deutliche Unterschiede zu den Männern. Mal positiv gesehen: Die Stimmung der Fans bei Frauenturnieren wirkt eigentlich immer entspannter, toleranter, weniger aufgeheizt. Da gibt es keine Ultragruppen, die aggressiv sind. Könnten sich die Männer das nicht mal zum Vorbild nehmen?

Spiele beim Frauenfußball sind Familienfeste, und das finde ich sehr schön.

Rottenberg: Ja, ich glaube, dass der Männerfußball einfach eine andere Toleranzgrenze hat - und die ganzen Ultras, die Fans, die Vereine eben auch haben, sind halt einfach so aufgebaut, dass sie ihre Stimmung einfach auch mehr auf anderen Wegen mit ins Stadion nehmen. Es herrscht viel Alkoholismus häufig, das muss man ganz klar so sagen. Mir macht es nicht mehr so viel Spaß, ins Stadion zu gehen, da bin ich ehrlich. Deswegen bin ich im Frauenfußball sehr gut aufgehoben. Und die Freude, die da mitgebracht wird, gerade auf familiärer Seite, viele Kinder, die man auch getrost mit ins Stadion nehmen kann. Es ist einfach sehr familiär. Die Schlachtrufe sind auch noch ein bisschen anders, aber es macht halt einfach Spaß. Es sind Familienfeste und das finde ich sehr schön.

SWR Aktuell: Schauen wir mal auf das Sportliche heute Abend. Im deutschen Team hat sich in den letzten Jahren ja einiges verändert. Die langjährige Kapitänin Alexandra Popp ist nicht mehr dabei. Ihre Rolle hat nun Julia Gwinn übernommen. Sie selbst kennen die Spielerinnen durch ihre Arbeit beim DFB. Was trauen Sie ihnen zu bei dieser EM?

Frische Spielerinnen, erfahrene Spielerinnen, junge Wilde

Rottenberg:Ich kann sagen, dass ich gefühlt alle Spielerinnen, die den DFB-Weg durchlaufen haben, wirklich kenne. Eine gute, junge, gemischte Truppe, die Christian Wück und sein Trainerteam aufgebaut haben. Frische Spielerinnen, erfahrene Spielerinnen, junge Wilde. Ich traue ihnen extrem viel zu. Mit einem guten Auftakt heute in Polen ist für diese Mannschaft einfach alles möglich.

SWR Aktuell: Den guten Auftakt haben sie angesprochen. Sie wissen ja selbst, wie man große Titel gewinnt. Wie wichtig ist das für den weiteren Turnierverlauf aus Spielerinnenperspektive, dass es im ersten Spiel gleich läuft, dass man sich da ein gutes Gefühl mitnimmt?

Rottenberg: Ja, es ist definitiv wichtig, einen guten Einstieg zu finden. Wenn man ein Spiel verliert oder unentschieden spielt, hat man gleich den Druck auf dem Kessel. Deswegen gilt es, einfach gut vorbereitet zu sein. Und das ist die deutsche Mannschaft hundertprozentig. Alle Spielerinnen sind an Bord - und deswegen volle Konzentration auf das heutige Spiel. Da hat man die Stärken der Polen sicherlich ausgemacht, aber auch die Defizite herausgefiltert. Und wenn wir unser Spiel spielen, bin ich davon überzeugt, dass wir Polen eben auch besiegen werden.

SWR Aktuell: Nehmen Sie uns mal mit. Sie kennen diese Situation. Wie geht man damit um? Was geht einem da durch den Kopf in den Stunden vor so einem Spiel?

Jede Spielerin ist froh, dass es endlich losgeht.

Rottenberg: Erstmal eine Riesenvorfreude, jede Spielerin ist froh, dass es endlich losgeht. Man hat daran lange gearbeitet, gefeilt an vielen Details. Und jetzt will man einfach auch den Ball rollen sehen und selber aktiv dabei mitmachen. Aber klar, eine gewisse Nervosität ist da, wenn man aufs Spielfeld geht. Das muss auch so sein, um sich selber auch ein Stück weit zu pushen, aus seinem eigenen Spiel zu versuchen, den Ball langsam nach vorne zu tragen und danach eben vorne möglichst schnell ein Tor zu machen. Das ist natürlich immer das Schönste, aber jeder wird fokussiert sein. Jeder ist ganz nah dabei, ob auf der Bank oder die ersten Elf, die auf dem Platz stehen. Und das ist eben das Wichtige zum Erfolg.