Wie süchtig machen die Algorithmen von Social Media?

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Es ist Freitag und damit ein guter Anlass, um auf dem Handy nachzuschauen, wie viel Bildschirmzeit man diese Woche schon gesammelt hat. Bei vielen von uns dürften da einige Stunden zusammenkommen – vor allem mit Social Media. Aktuell wird in Deutschland über ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche diskutiert. Die SPD fordert das, und auch Bundeskanzler Merz ist für eine Altersgrenze. Gleichzeitig läuft in den USA gerade ein Prozess gegen Youtube und Instagram. Eine 20-Jährige hat die Unternehmen verklagt. Sie wirft ihnen vor, die Plattformen absichtlich so zu gestalten, dass Nutzerinnen und Nutzer süchtig danach werden.
Wie groß das Online-Suchtpotenzial ist, darüber hat SWR-Aktuell-Moderator Andreas Fischer mit der Psychologin Isabel Brandhorst gesprochen. Sie leitet die „Forschungsgruppe Internetnutzungsstörungen“ am Uniklinikum Tübingen.

SWR Aktuell: Machen YouTube, Instagram, TikTok und Co. bewusst süchtig?

Isabel Brandhorst: Ob sie das bewusst machen, kann ich nicht beurteilen – ich kann ja nicht in die Köpfe von Mark Zuckerberg und den anderen Unternehmern schauen. Ich glaube, ehrlich gesagt, nicht, dass sie etwas davon haben, wenn die Menschen süchtig werden, weil Sucht ja auch bedeutet, dass die Menschen negative Konsequenzen in ihrem Leben durch die Nutzung von Social Media erfahren. Aber sie haben natürlich etwas davon, wenn möglichst viel Aufmerksamkeit und Zeit der Menschen in die Plattformen fließt, und sie nehmen es in Kauf, dass die Nutzung von Social Media dann wichtiger wird als andere Lebensbereiche, was dann teilweise einfach in negativen Konsequenzen mündet.

SWR Aktuell: Ich muss ganz ehrlich sagen, auch mir fällt es oft mal schwer, das Handy nach ein paar Minuten wieder wegzulegen. Ich denke, das kennen eigentlich alle, die Social Media nutzen. Ist denn die Suchtgefahr für Jugendliche und Erwachsene gleich groß, oder gibt es da Unterschiede?

In Deutschland sind 4,7 Prozent der Jugendlichen zwischen 10 und 17 Jahren abhängig von sozialen Netzwerken.

Brandhorst:Da gibt es Unterschiede. Grundsätzlich ist die Jugendphase eine Phase, in der sich die meisten psychischen Erkrankungen erst manifestieren. Es ist insgesamt eine sehr vulnerable Phase, und da gehören auch die Verhaltenssüchte dazu. Nichtsdestotrotz sehen wir auch im Entwicklungsverlauf, dass die Jugendphase die Phase ist, wo die höchsten Prävalenzen einer „sozialen Netzwerkenutzungsstörung“, wie es als Fachbegriff heißt, bestehen und danach geht die Prävalenz ein Stück runter. Aber auch da gibt es kulturell ganz große Unterschiede: In Deutschland haben beispielsweise 4,7 Prozent der Jugendlichen zwischen 10 und 17 Jahren eine Abhängigkeit von sozialen Netzwerken. Im Übrigen sind 21 Prozent Risikokandidaten. Sie erfüllen manche, aber nicht alle Kriterien einer Sucht. Und es sind ungefähr drei Prozent der Erwachsenen.

SWR Aktuell: Könnte denn eine Altersgrenze für Social Media, wie sie gerade in Deutschland diskutiert wird, da helfen?

Wenn wir einfach ein Gesetz formulieren und das den Jugendlichen vor den Latz knallen und sagen, ihr müsst euch da jetzt unterwerfen, wird das sicher nach hinten losgehen.

Brandhorst:Ja, vorausgesetzt, sie wird auch so umgesetzt und kommuniziert und auch vielleicht gemeinsam erarbeitet, dass Jugendliche dieser Grenze auch zustimmen können oder sie vielleicht sogar unterstützen. Wenn wir das nicht schaffen, also wenn wir einfach sozusagen ein Gesetz formulieren und dann das den Jugendlichen vor den Latz knallen und sagen, ihr müsst euch da jetzt unterwerfen, das wird sicher nach hinten losgehen. Das wissen wir auch aus der Geschichte der Menschheit, dass sowas immer nach hinten losgeht. Man muss es schon auch gemeinsam mit den Jugendlichen gestalten können und sie nicht einfach nur vor die Tür setzen, sondern ihnen auch die Alternativen nochmal aufzeigen – und auch zeigen, wie sie trotzdem sozial verbunden sein können und sich kreativ ausdrücken können und sich Informationen und Inspiration auch im Internet holen können. Wir wollen sie ja nicht vom Internet ausschließen, sondern vor manipulierenden sozialen Netzwerken.

SWR Aktuell: Nun gibt es ja Debatten, wie man Jugendliche vor Süchten schützen kann, schon lange. Social Media ist jetzt ein vergleichsweise neues Phänomen. Kann man Social Media in gewisser Weise auch mit anderen Drogen wie Alkohol vergleichen?

Brandhorst: Der Vergleich hinkt tatsächlich ein bisschen, denn Social Media könnte harmlos gestaltet werden, wenn man gewisse manipulative Designmerkmale beispielsweise weglassen würde. Und es ist auch so, dass Alkohol und Drogen und Zigaretten grundsätzlich schädlich sind für den Körper. Social Media hat auch viele positive Auswirkungen, und auf viele Jugendliche auch überhaupt keine Auswirkungen, weder positive noch negative. Für manche Jugendliche aber auch ist es eine wichtige soziale Verbundenheit zu einer Community, zu der sie sonst keinen Zugang haben, zum Beispiel auch queere Menschen. Es kann auch eine tolle Quelle sein für Prävention oder Unterstützung, um die psychische Gesundheit zu verbessern. Also es ist nicht nur schlecht und es ist nicht für alle schlecht.

SWR Aktuell: Sie haben gesagt, bestimmte Designmerkmale müsste man weglassen, damit das Suchtpotenzial geringer ist. Haben Sie da ein Beispiel?

Zack!- habe ich vergessen, dass ich eigentlich einen Zahnarzttermin hatte.

Brandhorst: Zum Beispiel die personalisierten Inhaltsvorschläge, die von Algorithmen bestimmt werden. Die Algorithmen erkennen durch mein Nutzungsverhalten, weil ich eine Millisekunde länger auf ein bestimmtes Video schaue, für welche Themen ich mich interessiere und spielen mir entsprechend immer weitere Videos und Bilder vor, die meinen Interessen entsprechen. Und da kann ich gar nicht anders als da hinzugucken. Unser Gehirn ist sowieso so konzipiert, dass es sich bewegten Bildern und Ton – und wenn es noch bunt ist sowieso – zuwendet. Auch wenn ich weiß, dass das manipulierende Algorithmen sind, hilft mir das nicht unbedingt, weil mein Gehirn einfach seine Aufmerksamkeit hinwendet. Und wenn dann immer wieder das nächste für mich persönlich zugeschnittene interessante Video startet, auch die Autoplay-Funktion ist Designmerkmal, dann geht die Zeit einfach rum wie nix und -zack!- habe ich vergessen, dass ich eigentlich einen Zahnarzttermin hatte.

Erstmals publiziert am
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Das Gespräch führte
Andreas Fischer
Porträtfoto von Andreas Fischer
Onlinefassung
Stefan Eich
Stefan Eich steht im Gang eines SWR-Gebäudes.