Glauben

Geister im Museum – Das späte Erbe der Missionare

In den Depots vieler Museen lagern tausende spirituelle Gegenstände, die für Priester traditioneller Religionen eine große Bedeutung haben. Sie wurden von Missionaren entwendet.

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Von Autor/in Michael Hollenbach

Der Mantel und der Rucksack bleiben im Aufenthaltsraum des Depots zurück. Vorsichtsmaßnahmen. Es sollen möglichst keine Motten in die riesige Schatzkammer des Museums der Kulturen Basel gelangen. Die Kulturanthropologin Isabella Bozsa dreht eine Kurbel nach links, und wie von Geisterhand bewegen sich 20 weitere Kurbeln und die dazugehörigen Rollregale. In Schubladen und Fächern lagern hier rund 300.000 ethnologische Artefakte: Holzfiguren, Masken, Amulette, Zeichnungen.

Eine zeremonielle Tanzmaske aus Westkamerun, die im Jahr 1903 nach Deutschland kam.
Eine zeremonielle Tanzmaske aus Westkamerun, die im Jahr 1903 nach Deutschland kam.

Isabella Bozsa zieht ein Horn aus einem Regalfach: „Es beinhaltet wirksame Substanzen und wurde dann verschlossen und dieses Horn wurde eingesetzt in Ritualen und hat heute immer noch spirituelle Bedeutung.“ Das erfuhr Bozsa vor gut einem Jahr von einem traditionellen Priester aus Kamerun, der sich vor Ort im Depot die religiösen Artefakte anschaute.

Dieses Horn gehört zu den mehr als 10.000 Gegenständen, die Missionare seit den 1820er Jahren für die evangelische Basler Mission gesammelt haben und die dann den Weg ins Museum der Kulturen fanden. In der Basler Mission wurden Missionare aus dem deutschsprachigen Raum, insbesondere aus Württemberg, ausgebildet: Geistliche, vor allem aber auch Handwerker sollten in Afrika und Asien die Menschen dort zum christlichen Glauben bekehren, um – so die Vorstellung der Missionare – ihre Seelen zu retten. Zu den ersten Missionsgebieten gehörten die Goldküste, das heutige Ghana, und später auch Kamerun.

Ignoranz und Gewalt

Isabella Bozsa hält ein in Leder eingebundenes Buch in der Hand: „Innen drinnen befinden sich einzelne Zettel, auf denen in arabischen Schriftzeichen, zum Teil aber auch geometrischen Zeichen, vermutlich Gebete geschrieben sind. Das ist ein sehr besonderes Buch, denn es stammt aus der Bibliothek von König Jojah aus Kamerun und gelangte auch in der deutschen Kolonialzeit in die Schweiz.“

In dem Buch befinden sich Schriften, die bis heute nicht entziffert wurden. Eine Expertin aus Kamerun, die sich das Buch angeschaut hat, spricht von einem „unschätzbaren Wert“. Am Ende des Buches finden sich noch alte Zettel mit lateinischen Buchstaben – wahrscheinlich geschrieben von einem der damaligen Missionare, sagt Bozsa: „In sehr schöner Kurrentschrift geschrieben steht da: ‚wertlos‘. Und das drückt eigentlich diese gesamte Ignoranz aus, der viele Missionare der lokalen Kultur gegenüberstanden.“

Missionars Raubgüter vor der Rückgabe
Abba Tijani (l), Generaldirektor der Nationalen Museums- und Denkmalbehörde Nigerias, und Ines de Castro, Direktorin des Linden-Museums, betrachten Benin-Bronzen.

Ein anderes Beispiel dieser Ignoranz nennt Ines de Castro, Direktorin des Stuttgarter Linden-Museums, eines der größten Völkerkunde-Museen in Europa. Ines de Castro hatte eine Delegation der Mapuche aus Chile zu Gast und erzählt: „Wir wussten sehr, sehr wenig über die Objekte, und da ist z.B. aufgekommen, dass ein rundes Steinobjekt mit einem Loch in der Mitte, was bei uns im Inventarbuch als Axt bezeichnet worden ist, ein schamanisches Instrument für die Beobachtung der Gestirne war. Da haben sie etwas, was vollkommen in eine andere Richtung geht. Da sieht man da dran, dass häufig die Informationen auch falsch sind, die wir haben.“

Die Missionare behandelten die religiösen Akteure vor Ort aber nicht nur mit Ignoranz. Ganz bewusst raubten oder zerstörten sie spirituelle Gegenstände und bezeichneten sie als „Teufelszeug“, erläutert der Historiker Kokou Azamede von der Universität Lome in Togo: „Sie wurden meistens verbrannt in der Öffentlichkeit, so dass die Menschen verstanden, sie hatten keinen Wert, sie sind weniger wertvoll als das Christentum.“ Die Missionare hätten die Kultur vor Ort unbedingt zerstören wollen, sagt der Historiker.

Wie umgehen mit dem Erbe der Missioare?

Doch die Missionare vernichteten nicht alle spirituellen Objekte, sondern sandten manche an die Missionssammlungen in ihre Heimat. Dort wurden sie ausgestellt, zum Beispiel 1908 in Basel, berichtet die Kulturwissenschaftlerin Dagmar Konrad: „Die Missionare sollten einen sogenannten authentischen Einblick in das Leben der anderen erhalten.“ Isabella Bozsa ergänzt: „Eine Perspektive, die das Ganze prägt, ist natürlich auch, dass den Besuchenden vermittelt werden sollte, wie modern man selbst ist im Gegensatz zu sogenannten rückständigen Kulturen, es ging auch darum, eine Rückständigkeit auszudrücken und nicht-christliche Religionen zu dämonisieren.“

Eine heilige Kunstfigur aus Kamerun
Eine Teilnehmerin des Dialogtreffens zur Debatte über mögliche Wege zur Rückgabe von Kulturgütern betrachtet Exponate in einer Vitrine.

Heute lagern wahrscheinlich noch Tausende von spirituellen Gegenständen in Missions- und Museumssammlungen in Deutschland. Der Umgang mit diesen Artefakten hat sich mittlerweile verändert. Entstanden ist ein Dialog, eine Kooperation zwischen den ethnologischen Museen in Europa und traditionellen Gesellschaften des globalen Südens. So holen Museen religiöse Experten aus den Herkunftsregionen ins Haus, um mehr über die spirituellen Hintergründe und den sensiblen Umgang mit den Artefakten zu erfahren.

Restitutionen sind nicht so einfach

Neben einem sensiblen Umgang mit den spirituellen Objekten geht es auch immer wieder um die Frage der Restitution, der Rückgabe in die Herkunftsgesellschaften. Ein schwieriges Kapitel. Eine mögliche Restitution vollzieht sich von Staat zu Staat. Doch viele Regierungen afrikanischer Staaten haben oft – im Gegensatz zu der betroffenen Ethnie - kein besonderes Interesse an einer Restitution.

Besonders heikel sind die sterblichen Überreste, die sich noch immer in vielen Sammlungen befinden: Schädel, Knochen, aber auch Zähne und Haare.

Mensch aus Feuerland auf einem deutschen Friedhof

In der Lübecker Sammlung der „Kulturen der Welt“ sind es die sterblichen Überreste von 25 Menschen. Zurzeit bemüht man sich, Kontakt zu den Nachfahren aufzunehmen. In zwei Ländern – in Peru und Chile – sei das auch gelungen, sagt der Leiter Lars Frühsorge. Bei einem Toten der Ethnie der Selk’nam in Chile sei es aus verschiedenen Gründen nicht möglich gewesen, ihn zurückzuführen.

Aber die Nachkommen wollten auch nicht, dass die Gebeine ihres Ahnen weiter wie ein Objekt mit Inventarnummer im Lübecker Depot lagern, berichtet Lars Frühsorge: „Im Falle der Selk‘nam war der Wunsch, dass der Ahne auf einem Lübecker Friedhof beigesetzt wurde, so dass es heute das Grab eines Menschen aus Feuerland hier in Lübeck gibt. Das war eine große Freude für die Menschen. Ich kann sagen, das war mit der schönste Tag in meiner beruflichen Laufbahn, diese Beerdigung, weil man es eine kleine Sekunde schafft, ein Unrecht zu relativieren.“

Erstmals publiziert am
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Autor/in
Michael Hollenbach
Redakteur/in
Leonore Kratz