Glauben

Luxus gegen Leben - Schwedens Jugend im Visier der Gangs

In Schweden wächst eine Generation heran, in der es als cool gilt, für Geld Menschen zu töten. Wie kaputt ist die scheinbar heile Welt von Astrid Lindgrens Bullerbü?


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Von Autor/in Merle Schaack

Namam Faraj reißt eine Tüte Gummibärchen auf. Sie ist Sozialarbeiterin in Göteborg in Schweden. Und sie braucht erst mal Nervennahrung, sagt sie. Wenn Namam und ihr Kollege Jay zusammenarbeiten, sind sie meist nicht im Büro, sondern auf den Straßen Göteborgs unterwegs. Als „glaubwürdige Botschafter“ - so heißt ihr Projekt im Nordosten der Stadt. „Meist wissen unsere Klienten gar nicht, dass sie unsere Klienten sind“, sagt Jay.

Brückenbauen gegen Kriminalität

Namam und Jay kommen selbst aus diesem Teil der Stadt. Aus Vierteln, in denen die Kriminalitätsraten besonders hoch sind. Sie arbeiten für die Sozialbehörde, um genau das zu ändern. Ihr Auftrag: mit Street-Credibility Brücken bauen - zwischen den Behörden und den Kindern und Jugendlichen, die hier aufwachsen.

Hier, zwischen grauen Klotzbauten, Billig-Pizzeria und Jugendtreff. Wo kaum ein Kind außerhalb der Schule Schwedisch spricht - oder zu Hause lernt, dem Staat zu vertrauen.

verwarloste Jugendtreffs in Schweden
Ein Jugendlicher in einer verwahrlosten Halfpipe Picture Alliance

Der Unterschied zwischen uns und normalen Sozialarbeitern ist, dass wir viel mehr unsere Persönlichkeit einbringen, sie quasi als Werkzeug benutzen.

Gewaltwelle in Schweden

Denn Schweden, das Land der idyllischen Geschichten aus Bullerbü und Saltkrokan, hat ein Problem. Eines, das der Staat mit seinen bisherigen Mitteln nicht gelöst bekommt. Anders Bolund von Brå, dem Rat für Kriminalitätsprävention, sagt: „Diese extreme Entwicklung, dass Kinder Auftragsmorde und geradezu Hinrichtungen begehen - das hat niemand kommen sehen.“

Hinter der Gewaltwelle in Schweden stecken rivalisierende kriminelle Banden und ihre brutale Art, Konflikte auszutragen. Seit den Anfängen um 2015 spitzte sich die Lage immer weiter zu. Bis zum Höhepunkt der Gewaltwelle um 2020. Seither zählte die Polizei 300 Schusswaffentote. Und allein im vergangenen Jahr 189 detonierte Sprengsätze und 158 Schießereien. Eine vergleichbare Entwicklung gibt es in kaum einem anderen EU-Land.

Immer mehr jugendliche Straftäter

Und noch ein Trend ist besorgniserregend. „Unsere jüngsten Untersuchungen zeigen einen Zuwachs bei jungen Menschen, die schwere Straftaten begehen“, sagt Anders Bolund. Und es würden zunehmend mehr junge Menschen von kriminellen Netzwerken rekrutiert, für die sie sehr schwere Verbrechen begehen.

Immer mehr jugendliche Straftäter in Schweden
Immer mehr jugendliche Straftäter in Schweden Fotoservice

2025 tauchten rund neunzig 13- und 14-Jährige als Verdächtige bei Gewalttaten im kriminellen Milieu auf. Vereinzelt gibt es auch Berichte über sieben- bis zwölfjährige Gang-Rekruten. Strafmündig war man in Schweden zu Beginn dieser Entwicklung erst ab fünfzehn Jahren. Für die Jüngeren hat sich deshalb der Begriff „Barntorpeder“ etabliert – wörtlich Kindertorpedos. Und die Frage: Wer ist schuld, wenn Kinder schießen?

Vielschichtige Gründe für Anstieg der Gang-Kriminalität

Eine eindeutige Erklärung hat die Wissenschaft nicht. Forschende wie Anna Hedlund, Sozialanthropologin an der Universität Göteborg, verweisen auf ein komplexes Zusammenspiel. Ein Faktor ist die zunehmende gesellschaftliche Segregation. Eine ihrer Wurzeln wird in der Wohnungsbaupolitik der 60er- und 70er-Jahre gesehen.

Damals ließ die sozialdemokratische Regierung eine Million neuer Wohnungen bauen. Darunter große Neubauviertel am Rand der Städte. Gedacht waren sie als sozialpolitisches Zukunftsprojekt. Doch mit der Zeit bündelten sich dort oft soziale Benachteiligung, relative Armut und das Gefühl, nicht dazuzugehören. In solchen Milieus konnten sich kriminelle Netzwerke und ihre Versprechen von schnellem Geld besonders stark verankern.

Autos in Schweden in Brand gesetzt
picture alliance / dpa / Adam Ihse

Streetwork – da sein für die Jugendlichen

Die Sozialarbeiter Naman und Jay wollen verhindern, dass Jugendliche Gang-Mitglieder werden. Deswegen nehmen sie auf der Straße Kontakt mit ihnen auf. „Wir sind nicht darauf aus, ihnen nachzuspionieren oder Berichte über sie zu schreiben“, sagt Namam. „Wir wollen gute Gespräche mit ihnen führen.“

Am Fußballplatz stoppt Namam, weil zwei Jungs dabei sind, den Zaun kaputt zu treten. Sie sind vielleicht neun, zehn Jahre alt, haben Handys dabei - und keine Erwachsenen. Für die Streetworker Grund genug, sich mit ihnen bekannt zu machen.

Zumindest ein bisschen nachdenklich wirken die Jungs, nachdem Namam und Jay ihnen erklärt haben, dass der Platz gesperrt wird, wenn der Zaun kaputt ist und sie dort dann nicht mehr Fußball spielen können. Macht so was nicht, tut doch eh an den Füßen weh, ruft Namam den Jungs zum Abschied zu.

Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
Merle Schaack
Merle Schaack berichtet als freie Journalistin aus den nordischen Ländern. Ihr Herz schlägt für Geschichten, die zeigen, wie sich Weltgeschehen im Kleinen auswirkt.
Onlinefassung
Leonore Kratz
Redakteur/in
Sabine Brütting / Leonore Kratz