Verhaltensforschung

Deshalb entführen Kapuzineraffen Babys von Brüllaffen

Ein Team vom Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie in Konstanz hat bei einer Gruppe von Kapuzineraffen festgestellt, dass die Tiere einer sehr makaberen Mode nachgehen: Jugendliche Kapuzineraffen entführten Babys von Brüllaffen, offenbar nur, weil sie es schick fanden.

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Stand

Von Autor/in Frank Wittig

In den letzten Jahren entdeckte die Verhaltensbiologie immer mehr Verhaltensmuster bei Tieren, die bisher als ausschließlich menschlich angenommen wurden. So nutzen etwa Schimpansen Pflanzen als Medikamente.

Nun entdeckte die Doktorandin Zoe Goldborough einen weiteren Fall von ungewöhnlichem Verhalten bei Tieren, als sie sich Videomaterial aus Kamera-Fallen ansah. Zunächst war es nur ein jugendlicher Kapuzineraffe, der Brüllaffenbabys mit sich trug.

Artgenossen ahmen Verhalten des Kapuzineraffen nach

In den folgenden Monaten kamen aber vier weitere junge Männchen dazu, die Babys von einer benachbarten Brüllaffenpopulation verschleppten.

Ein Verhalten, das den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern vom Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie in Konstanz Rätsel aufgab. Zumal sie die Kapuziner-Affen aus einem ganz anderen Grund beobachteten, wie die Leiterin der Gruppe, Meg Crofoot erklärt:

"Wir waren auf der Insel vor der Pazifik-Küste von Panama, zunächst um den Werkzeuggebrauch bei dieser Population von Kapuziner-Affen zu studieren. Das ist ein sehr seltenes Verhalten bei diesen Affen und wirklich einzigartig. Es ist die einzige Population, die dieses Verhalten zeigt."

Die intelligenten Tiere nutzen Steinwerkzeuge, um Muscheln und Nüsse zu öffnen und an den nahrhaften Inhalt zu gelangen. Die Kapuzineraffen führen auf der Insel Jicaron ein sehr entspanntes Leben. Haben dort keine natürlichen Feinde und reichlich Nahrung.

Brüllaffen Baby mit seiner Mutter
Brüllaffenbaby mit seiner Mutter

Die Forschenden kamen zu der Einschätzung, dass der erste Affe tatsächlich aus Langeweile auf die Idee kam, Babys von Brüllaffen zu verschleppen. Stellt sich die Frage, wie es den etwa katzengroßen Kapuzineraffen gelang, Babys von den deutlich größeren und stärkeren Brüllaffen zu stehlen.

Babys der Brüllaffen überleben die Entführung nicht

Für Meg Crofoot war das allerdings nicht so erstaunlich. Sie hatte schon öfters beobachtet, dass die flinken Kapuzineraffen als Störenfriede ihre Streiche mit Brüllaffenbabys trieben, ohne dass ihre erwachsenen Artgenossen etwas dagegen unternahmen:

"Ich habe tatsächlich schon gesehen, wie jugendliche Kapuziner-Affen mit Babys von Brüllaffen gespielt haben, ohne dass diese irgendwie davor beschützt worden wären. Und ein großes Männchen der Brüllaffen saß in geringer Entfernung und wirkte fast hoffnungslos."

Die Affenbabys, die von ihren Entführern herumgetragen und offenbar als modisches Accessoire missbraucht wurden, überlebten das nur wenige Tage bedauert Crofoot:

"Das ist wirklich der traurige Teil der Geschichte. All diese Babys waren noch so jung, dass sie Muttermilch brauchten. Und natürlich konnten die männlichen Kapuziner-Affen das nicht zur Verfügung stellen. Wir fanden keine Hinweise darauf, dass die kleinen Affen geschlagen oder dass ihnen weh getan wurde. Die Kapuziner-Affen waren nicht aggressiv gegen sie. Sie wurden herumgetragen. Aber natürlich bekamen sie nicht, was sie brauchten."   

Entführungen hatten wohl keinen Zweck außer dem Trendsetter zu folgen

Die Konstanzer Verhaltensbiologinnen und -biologen stellten sich die Frage, ob es einen nachvollziehbaren Grund geben könnte, weshalb andere Kapuzineraffen das makabere Spiel ihres Artgenossen nachahmten. Gab es irgendeinen Vorteil für die Affen, der dieses Verhalten erklären konnte? Meg Crofoot und die übrigen Forschenden prüften verschiedene Möglichkeiten:

"Also erstmal glaubten wir, sie würden sie vielleicht essen. Das taten sie nicht. Dann dachten wir, die Babys bringen den Jugendlichen vielleicht soziale Aufmerksamkeit. Dass die anderen die Nähe der Entführer aufsuchten, wegen der Brüllaffen-Babys. Aber das sahen wir auch nicht. Stattdessen scheint es so zu sein, dass die anderen Affen einfach das Verhalten des Trendsetters übernommen haben."

Weitere Beispiele für Moden im Tierreich

Eine zweckfreie – in diesem Fall makabere – Mode zu kreieren, ist im Tierreich ungewöhnlich, doch nicht einzigartig. So wurde schon eine Gruppe von Schwertwalen beobachtet, bei der es offenbar schick war, erlegte Lachse für einige Zeit wie eine Art Hut auf ihrem Kopf zu balancieren.

In Sambia begann ein Schimpansen-Weibchen damit, sich Grashalme wie Schmuck ins Ohr zu stecken. Nach einiger Zeit ahmten fast alle Tiere in ihrer Gruppe dieses Verhalten nach. Bei den Kapuzineraffen war das Baby-Verschleppen nur für 15 Monate en vogue. Moden sind eben – in diesem Fall zum Glück – vergänglich.

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Autor/in
Frank Wittig
Frank Wittig, Reporter für SWR Wissen aktuell
Onlinefassung
Leila Boucheligua