Zwei Insider berichten erstmals im Interview mit dem ARD-Politikmagazin REPORT MAINZ und SWR Aktuell über sexistische Vorfälle und Alkoholexzesse beim 26. Fallschirmjägerregiment in der Niederauerbach-Kaserne in Zweibrücken (Rheinland-Pfalz). Der Bundeswehr-Standort steht wegen Ermittlungen zu Sexismus, Extremismus und Drogenkonsums seit Wochen im Fokus der Öffentlichkeit. Die beiden Männer sprechen in REPORT MAINZ unabhängig voneinander über Vergewaltigungsfantasien und Hass gegenüber Soldatinnen. Einer nennt die Situation einen „blanken Horror“ für eine Frau. Die beiden Männer wollten ihre echten Namen nicht veröffentlicht sehen. Sie sind der Redaktion bekannt.
Soldaten-Party mit Nazi-Outfit?
Außerdem liegen dem ARD-Politikmagazin interne Fotos vor, die, unter anderem zeigen, wie ein Soldat mit Plastikfolie an einen Stuhl gefesselt ist. Ein Foto zeigt, wie sich Soldaten ein Tattoo stechen. REPORT MAINZ liegt zudem ein Foto einer Party vor, bei der mit blauen Hemden bekleidete Soldaten an ihren Armen rote Armbinden tragen. Das Outfit erinnert an die Nazi-Zeit. Andere entsprechende Fotos hatten bereits für öffentliche Empörung gesorgt.
Zeitsoldat berichtet über sexistische Äußerungen
Ein ehemaliger Zeitsoldat, der 2022 sechs Monate lang am Standort in Zweibrücken gedient hat, sagte im Interview mit REPORT MAINZ, in der Kantine hätten sich Kameraden über weibliche Soldaten lustig gemacht. Wörtlich berichtet er: „Unter anderem war eine Kameradin am Standort, die leicht gehumpelt hat, woraufhin Sprüche gefallen sind, wie: Die würde ich behindert ficken.“ Er habe nie erlebt, dass bei solchen Äußerungen Kameraden aufgestanden seien und gesagt hätten, so was gehe für sie nicht. Seine Einschätzung: „Ich bin mir sicher, dass es der blanke Horror für eine Frau ist, in diesen Umständen ihren Dienst leisten zu müssen.“
Vergewaltigungsdrohung per WhatsApp?
Ein weiterer Soldat, der die Verhältnisse in Zweibrücken kennt, erzählt, wie in Teilen der Truppe über Frauen gedacht werde, die Probleme mit ihrem Marschgepäck haben: „Wenn Frauen zum Beispiel nach 500 Metern zusammenklappen, weil sie das Gewicht von 40 Kilo nicht tragen können […] dann entwickelt man irgendwo einen gewissen Hass. Man entwickelt irgendwo ein gewisses Bild im Kopf, dass man Frauen in der Infanterie nicht haben will.” Er berichtet zudem von einem Vorfall, bei dem eine Rekrutin es abgelehnt habe, an einer Mannschaftsfeier teilzunehmen. Ein Soldat habe daraufhin per WhatsApp mitgeteilt, diese werde „irgendwann vergewaltigt oder sonst was“. Dieser sei „stockbesoffen“ gewesen und habe sich später für sein Verhalten entschuldigt.
Zeitsoldat berichtet über „exzessives Saufen“
Der ehemalige Zeitsoldat berichtet von massivem Alkoholkonsum. Im Interview sagt er: „Also ausschließlich des Feierabendbierchens war es nur das exzessive Saufen. Es war nur über die Grenze schlagen und es war nur infolgedessen dumme Dinge tun.” Interne Fotos, die REPORT MAINZ vorliegen, zeigen größere Alkoholvorräte und deuten auf erheblichen Alkoholkonsum hin.
Bundeswehr verurteilt Gewalt, Sexismus und Extremismus
Die Bundeswehr teilte auf Anfrage von REPORT MAINZ mit, man wolle aufgrund der laufenden Ermittlungen „einzelne Sachverhalte weder bestätigen noch dementieren.“ Gewalt, Sexismus und Extremismus hätten in der Bundeswehr keinen Platz. „Wir erwarten von unseren Soldatinnen und Soldaten sowie den zivilen Mitarbeitenden, dass sie aktiv für die Freiheitlich Demokratische Grundordnung eintreten und diese schützen,“ heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme.
Soziologin: Sexismus als Instrument, um Frauen unterzuordnen
Die Soziologin Prof. Maja Apelt von der Universität Potsdam, die zu Frauen in der Bundeswehr geforscht hat, sagte im Interview mit REPORT MANZ zu den Vorfällen in Zweibrücken: „Das Verhalten, was sich dort gezeigt hat, ist eben, dass der Sexismus ein Instrument ist, sich abzugrenzen von den Frauen, Macht auszudrücken, die so unterzuordnen und damit quasi das eigene Prestige auch zu steigern.”
Militärhistoriker sieht „Testosteron-gesteuerte Kultur“
Der Militärhistoriker Prof. Sönke Neitzel sagte dem Magazin, über die Vorfälle könne es keine zwei Meinungen geben, sie hätten ihn jedoch nicht überrascht: „Das ist eben eine sehr maskuline, Testosteron-gesteuerte Kultur. Wenn man Fallschirmjäger ist und auf unnatürliche Weise ein Flugzeug verlässt und ins Ungewisse springt, dann ist das nicht ungewöhnlich. Und in diese Kultur Frauen zu integrieren, ist immer eine Herausforderung.” Er fordert die Bundeswehr auf, nicht zur Tagesordnung überzugehen. Es sei wichtig, den Skandal aufzuarbeiten und gegen unzulässiges Verhalten härter durchzugreifen: „Wir von der Wissenschaft, die uns mit Bundeswehr beschäftigen, reden eigentlich wie mit einem lahmen Gaul, auch mit der Führung, und sagen: Beschäftigt Euch damit!“