Pressemeldung | 8.4.2026

Kaiserschnitt ohne ausreichende Betäubung

Experten kritisieren unvollständige Datenlage rund um die Geburt
Forderung nach nationalem Geburtenregister

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Text der Pressemeldung:

Kaiserschnitt-OPs, bei denen die Betäubung nicht wirkt – das kommt nach Recherchen des ARD-Politikmagazins häufiger vor als bislang bekannt. Mehr als ein Dutzend Frauen berichten REPORT MAINZ gegenüber, einen Kaiserschnitt ohne ausreichende regionale Betäubung erlebt zu haben. Im Interview mit dem ARD-Politikmagazin schildern mehrere Frauen, dass sie während ihrer Operation „höllische Schmerzen“ gehabt hätten. Sie sprechen davon, „jeden Schnitt und jedes Reißen“ gespürt zu haben. Einige der Frauen klagen vor Gericht. Konfrontiert mit den Vorwürfen erwidern die Kliniken sich nicht zu laufenden Verfahren äußern zu wollen.

In Deutschland entbindet fast jede dritte Frau per Kaiserschnitt. Wie häufig es vorkommt, dass die Betäubung nicht ausreichend wirkt, wird nicht erfasst. REPORT MAINZ hat daher eine bundesweite nicht-repräsentative Umfrage unter den Landeshebammenverbänden durchgeführt. 323 Hebammen nahmen daran teil.  Von diesen gaben 86 Prozent an, Frauen zu kennen, die nach eigenen Angaben bei einer Kaiserschnitt-OP nicht ausreichend betäubt wurden und/oder starke Schmerzen erlitten haben.

Unvollständige Datenlage rund um die Geburt in Deutschland

Um einen besseren Überblick zu Geburtskomplikationen zu bekommen, fordern Experten ein nationales Geburtenregister einzuführen. Dieses würde über die bestehende Regelung weit hinausgehen. Bisher werden in Deutschland bei einer Geburt unter anderem nur der Name, das Geschlecht und der Ort erfasst. Ein nationales Geburtenregister hingegen könne zur Qualitätsverbesserung in der Geburtshilfe beitragen, sagen Experten wie Prof. Peter Kranke. Er ist bereichsleitender Oberarzt der Anästhesie für die Frauenklinik an der Uniklinik in Würzburg. „Momentan schielen wir immer in andere Länder, wenn es darum geht, wie häufig sind bestimmte Komplikationen, wie häufig tritt Versagen auf bei einer Teilnarkose. Insofern tun wir gut daran, auch in Deutschland eigene Zahlen präsentieren zu können“, so Prof. Kranke im Interview mit REPORT MAINZ.

Die Daten zur geburtshilflichen Versorgung in Deutschland sind auch in anderen Punkten unvollständig. Beispielsweise wird hierzulande die Müttersterblichkeit nur lückenhaft und nicht nach WHO-Kriterien erfasst. Eine interdisziplinäre Expertengruppe hat im Auftrag des Barmer Instituts für Gesundheitsforschung ein Konzept zur Einführung eines nationalen Geburtenregisters entwickelt. Dieses kann in mehreren Schritten aufgebaut werden und beruht auf der Zusammenführung und Ergänzung vorhandener Daten. Dabei sollten auch fehlende Perspektiven wie die, der betroffenen Frauen erfasst werden, so die Expertengruppe.

Abgeordnete kritisieren fehlende Maßnahmen der Bundesregierung

Dazu hat die Gesundheitspolitikerin und Bundestagsabgeordnete Kirsten Kappert-Gonther (B‘90/ Die Grünen) Ende 2025 eine kleine Anfrage an die Bundesregierung gestellt. Die Antwort: Man plane keine Einführung eines nationalen Geburtenregisters. Auf Anfrage von REPORT MAINZ bestätigt das Bundesgesundheitsministerium, dass derzeit keine Errichtung eines solchen Geburtenregisters vorgesehen sei.

Dabei wäre ein nationales Geburtenregister „die Grundlage dafür, dass wir Lücken im Versorgungssystem der Geburtshilfe aufdecken und dazu gehören natürlich auch Komplikationen während der Geburt, wie eine nicht wirksame Regionalanästhesie“, so Kappert-Gonther im Interview mit REPORT MAINZ. „Ich habe null Verständnis dafür, dass das nicht schon längst auf dem Weg ist.“

Kritik an der fehlenden Umsetzung kommt auch von Fraktionspolitikerinnen der Regierung selbst. Lina Seitzl (SPD) sitzt wie Kappert-Gonther im Gesundheitsausschuss und sieht als Fachpolitikerin viele Gründe, die für die Einführung eines solchen Registers sprechen. „Das würde beitragen, Transparenz zu schaffen und einfach eine Datengrundlage zu haben“, so Seitzl im Interview mit REPORT MAINZ.

Erstmals publiziert am
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Autor/in
SWR