Menschenunwürdige Zustände? - Flüchtlingsheime in Deutschland

Schimmel, marode Sanitäranlagen und fehlende Standards. Wie menschenwürdig sind deutsche Flüchtlingsunterkünfte? 

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Von Autor/in David Meilländer, Niklas Maurer

Sendungsbeitrag in der ARD-Mediathek:

Manuskript des Beitrags:

Ein Abend in Mainz, vor einigen Monaten. Der Beginn dieser Recherche: Eine Nachricht. Zwei Worte.

Karim:
Hilf uns”

Der Absender: Ein Asylbewerber. In diesem Film nennen wir ihn Karim. Kennen gelernt haben wir ihn bei einer Recherche zu griechischen Flüchtlingsunterkünften. Jetzt schickt er uns Bilder aus seinem neuen Zuhause. Ein Flüchtlingsheim in Magdeburg. Kakerlaken inklusive. Und nicht nur das.

Karim:
Ich bin gerade hier”
„Heute bin ich angekommen”
„Was soll ich tun?”

Alles gleicht einer Bauruine

Karim hat seine Unterlagen geschickt. Er ist Syrer, Familienvater. Frau und Kinder ließ er zurück, hoffte sie irgendwann nachholen zu können. Mitte Januar, einige Wochen später. Magdeburg versinkt im Schnee. Wir sind unterwegs zu dem Ort, wo Karim lebt.

Ein Gewerbe- und Industriegebiet. Ziemlich abgelegen. Das Wohnheim war vor langer Zeit ein Bürogebäude. Seit 2015 hat es die Stadt gemietet. Wir würden uns gerne selbst ein Bild machen. Doch die Stadt Magdeburg möchte das nicht. Eine Drehgenehmigung wird verweigert.

Aber wir kriegen nochmal Bilder, aus dem Inneren. Zerstörte Badezimmer. Alles gleicht einer Bauruine. Und an vielen Stellen: Feuchtigkeit. Auch in den Wänden.

Wir treffen Karim und einen anderen Bewohner in einem Hotel. Karim sieht mitgenommen aus, berichtet von Schimmelgeruch in der Unterkunft. Er habe alles versucht. Sich an die Stadt gewandt, Hilfsorganisationen, sogar den Bundeskanzler. Nichts sei passiert.

„Mein Freund und ich haben in dieser Unterkunft schlimme Momente erlebt. Hier haben wir keine Hoffnung. Ich leide unter Schlafstörungen, dem Gestank.”

Stadt verteidigt sich

Wir recherchieren weiter, erfahren: Im Juni 2025 waren Kontrolleure des Landesverwaltungsamts in der Unterkunft. Die Behörde schreibt: Die Zimmer hätten zwar weitgehend den Anforderungen entsprochen, dennoch habe es Mängel gegeben, die Unterkunft sei „modernisierungsbedürftig“ gewesen.

„Die Landeshauptstadt Magdeburg wurde vom Landesverwaltungsamt um Behebung der festgestellten Mängel insbesondere bezüglich der Sauberkeit aufgefordert.“

Wir wollen mit der Stadt Magdeburg sprechen. Ein Interview lehnt sie ab und erhebt schriftlich vor allem Vorwürfe gegen die Bewohner, schreibt von Polizei, Feuerwehreinsätzen, wiederholter Sachbeschädigung.

„Für einige Bewohner ist selbst die Toilettennutzung ein Fremdwort. […] Mehr als permanente Bewachung, tägliche Reinigung, Reparaturen sowie Gespräche u.s.w. ist schlicht nicht leistbar.“

Die Stadt erklärt: Man habe sich auch um Schädlingsbekämpfung gekümmert und 2025 zudem 100.000 Euro in die Instandsetzung investiert. Eine Aussage, die zu den uns zugespielten Bildern aus dem Januar dieses Jahres irgendwie nicht passen will.

Kritik an Zuständen in Unterkünften

Nivedita Prasad ist Professorin für Soziale Arbeit und Menschenrechte, bildet angehende Sozialarbeiter aus, hat immer wieder mit heruntergekommenen Flüchtlingsheimen zu tun. Das Argument von angeblich unordentlich Flüchtlingen hat sie dabei schon oft gehört.

Prof. Nivedita Prasad, Alice Salomon Hochschule Berlin

„Mich überrascht, dass es so wenig Empörung darüber gibt. Und es hat sehr viel damit zu tun, wie gesagt, mit diesem politischen Klima, aber auch damit, dass sie nicht befürchten müssen, dass Geflüchtete sich gegen den Staat beschweren. Das machen Geflüchtete natürlich nicht. Die wollen ja von diesem Staat etwas. Und das ist eben das Problem, dass vieles, was in den Unterkünften passiert, wirklich grund- und menschenrechtswidrig ist.”

Seit 2018 existieren zwar sogenannte Mindeststandards, allgemeine Leitlinien entwickelt vom Bundesfamilienministerium. Aber verbindlich sind sie nicht.

Und auch auf Landesebene haben nur fünf Bundesländer allgemeine, verpflichtende und derzeit gültige Standards festgelegt. Was das in der Praxis heißen kann, sehen wir immer wieder: Seit Wochen stehen wir in Kontakt mit Flüchtlingen, Helfern, Unterkünften aus ganz Deutschland. Und erhalten viele Hinweise auf schwierige Verhältnisse, auch Ungeziefer, Schimmel - mal schriftlich, mal mit Videobelegen, Zeugnisse von Verfall.

Wenn die so Toilette so läuft….“

Und überall hier leben Menschen.

Wohneinheiten ohne eigene Oberdecke

Diese Bilder stammen aus dem Inneren einer Massenunterkunft in Hamburg. Der sogenannten „Schlachthofstraße“. Zugespielte Aufnahmen. Von Toiletten, die laut Bewohnern größtenteils nicht funktionieren sollen. Und den Zimmern.12-Bett-Wohneinheiten ohne eigene Oberdecke, in einer riesigen Fabrikhalle.

Es gibt eine Hausordnung, die REPORT MAINZ vorliegt. Wer dagegen verstößt, wird für maximal zwei Stunden auf die Straße gesetzt, in schweren Fällen noch mehr. Besuch ist streng verboten.

Und auch wir dürfen hier nicht rein. Eine Drehgenehmigung wird uns verweigert. Immer wieder sind Bewohner gegen die Bedingungen in der Schlachthofstraße auf die Straße gegangen. Und auch bei unserem Dreh kommen wir mit einigen in Kontakt, die hier nach eigenen Angaben zum Teil weit über ein Jahr leben. Fast ohne Privatsphäre, auf engstem Raum.

„Es ist unmöglich hier zu leben. Ein Jahr wäre ja noch okay. Aber ich kenne Leute, die hier mehr als zwei Jahre leben.“

Was in der Schlachthofstraße passiert, widerspricht eigentlich den selbstauferlegten Regeln. Hamburg hat zwar keine Mindeststandards wie andere Bundesländer, aber zum Beispiel bauliche Standards festgelegt: Demnach hätte jeder Flüchtling eigentlich Anspruch auf immerhin 7,5 Quadratmeter Wohnraum.

Warum gilt dieser Standard nicht in der Schlachthofstraße, die offiziell als „Notstandort“ deklariert ist? Die Antwort der zuständigen Sozialbehörde:

„In Zeiten mit erhöhten Zuzügen bzw. hoher Auslastung des Unterbringungssystems kann in sog. Not- und Interimsstandorten davon abgewichen werden.“

Deutlich weniger Flüchtlinge

Die Zahl der Bewohner sei aber in den letzten Monaten gesunken. Das spiegele sich auch in der Belegung der Wohneinheiten wider.

Erhöhte Zuzüge? Die offiziellen Zahlen sagen etwas anderes: Seit 2022 kamen immer weniger Asyl- und Schutzsuchende nach Hamburg, die untergebracht werden mussten. 2025 waren es sogar rund 30 Prozent weniger als im Jahr davor.

Die Auslastung der vorhandenen Unterkünfte stieg zwar Ende 25 tatsächlich wieder, auf 93,5 Prozent. Im gleichen Zeitraum wurden aber auch um die 2000 Wohnplätze abgebaut. Und so kann Professorin Prasad mit der Argumentation der Stadt Hamburg wenig anfangen.

„Die Zahlen sind rückläufig, vor allen Dingen aus der Ukraine sind sie auch rückläufig. Das heißt, die Antwort ist eigentlich eine Unverschämtheit. Ich würde sehr dafür plädieren, dass es auf der Bundesebene eben verpflichtende Mindeststandards gibt, die man eben nicht unterlaufen darf und das wiederum zu verbinden mit empfindlichen Strafen gegenüber den Verantwortlichen. Also Geldstrafen erst mal.”

Was sagt das für Thema zuständige Bundesfamilienministerium dazu?
Es verweist auf die eigenen Mindeststandards - der Leitfaden also, an den sich in Deutschland niemand halten muss.

Immerhin: Im Wohnheim von Karim hat sich nach unserer ersten Recherche etwas getan: Die Stadt Magdeburg teilt mit, es seien Handwerker in der Unterkunft. Die Bäder würden renoviert, vorhandener Schimmel sei bereits entfernt geworden.

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David Meilländer
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Niklas Maurer
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