Sendungsbeitrag in der ARD-Mediathek:
Inside Secondhand - Wo die Kleider wirklich landen
Manuskript des Beitrags:
Madeleine Darya Alizadeh. Besser bekannt als die Influencerin DariaDaria. 370.000 Menschen folgen ihr auf Instagram. Auf ihrem Kanal dreht sich beinahe alles um Nachhaltigkeit. Sie hat auch schon Werbung für die Secondhand-Plattform Sellpy gemacht.
„Als ich das erste Mal von Sellpy gehört habe, dachte ich mir, dass das eine sinnvolle Plattform ist wahrscheinlich, weil man als Verkäuferin relativ wenig Aufwand hat. Man muss eben nicht mit der Kundin kommunizieren, man muss keine Fotos machen. Das ist ja was, was viele stört.”
Secondhand-Plattform Sellpy
Einfach soll es sein, verspricht die Plattform, die mehrheitlich zu H&M gehört. Hier kann jeder alte Kleidung weiterverkaufen. Wenn die niemand haben möchte, kann man sie gegen eine Gebühr wieder bekommen. Oder sie wird gespendet oder recycelt, sagt Sellpy. Damit tue man etwas für eine nachhaltigere Zukunft.
Was ist dran an diesen Versprechen?
Experiment mit Trackern
Vor mehr als einem Jahr starten wir ein Experiment. Nähen Tracker in aussortierte Kleidungsstücke. Und schicken sie zu Sellpy auf eine lange Reise. Zunächst landen alle Kleider in Polen. Einige werden verkauft. Aber nach Monaten melden sich drei von ihnen aus Indien und Pakistan. Sie sollten recycelt werden.
Wir reisen hinterher nach Pakistan, in die Millionen-Metropole Karachi. Was uns sofort auffällt: Textilien sind hier omnipräsent. Kein Wunder: Pakistan gilt weltweit als Nummer 1 Importeur für gebrauchte Kleidung - oft aus Europa.
Spur führt nach Pakistan
Und wer Second-Hand-Kleidung sucht, der darf einen Ort nicht verpassen: den Shershah-Landa-Markt. Ein Labyrinth aus circa 5.000 Lagerhallen. Hier lande fast alles an Kleidung, was mit den großen Containerschiffen am Hafen ankommt - egal in welcher Qualität.
„Wenn die Container hier ankommen, öffnen die Händler die Bündel und sortieren die Produkte. A steht für gute Stücke: Keine Verschmutzungen, keine Schnitte. Die Ware aus C-Kategorie ist verschmutzt und mit Schnitten. Dieses Geschäft ist wirklich eine Überraschung.“
Das ist Wazir. Einer von unzähligen Händlern hier auf dem Markt. Welche Qualität die Kleidung hat, sehe er erst beim Auspacken der sogenannten „Bales”. Ein bisschen wie ein Überraschungsei mit Kleidung sozusagen.
Wie sollen all diese Berge an Textilien noch verkauft und getragen werden? Einige sehen eher so aus, als würden sie hier schon Wochen oder Monate rumliegen. Immer wieder sehen wir Kleidung in einem sehr schlechten Zustand.
„Der Shersha-Markt ist der Dreh- und Angelpunkt für Schrott jeder Art. Das ist definitiv eine Tatsache.“
Angel Imdad ist Umweltschützerin und bemüht sich mit ihrem Unternehmen um die richtige Verwertung von Müll hier in Karachi. Sie kritisiert: Jedes Jahr kämen hier mehr Altkleider in miesem Zustand an. Das sollte Europa besser regulieren, sagt sie.
„Die Regeln sollten strenger sein, was die Masse der eingeführten Kleidung angeht, da es für die Menschen hier dann schwierig ist, damit noch zu arbeiten.“
Was sie meint, sehen wir hier überall: Müllberge. Vor allem Alltagsmüll, aber auch Kleidungsmüll. Es gibt kaum offizielle Deponien. Vieles landet hier in Karachi einfach am Straßenrand.
Was aber ist mit unserer Kleidung passiert? Die Spur einer Hose führt uns zu einem Secondhand-Händler. Wir bekommen Einblicke, die öffentlich nicht zu sehen sein sollten: Tonnen an Textilien. Marken, die wir auch aus Deutschland kennen. Vieles ist kaputt und nicht mehr tragbar - Was passiert damit? Ein Kollege übersetzt:
„Das alles wird aussortiert und dann verwenden sie es als Brennmaterial.“
„Und warum wird es verbrannt?“
„Er sagt, Energie sei teuer und Treibstoff auch, deshalb nehmen sie dafür alte Kleidung.“
Der Kleidungsmüll wird in Ballen gepresst - und ins Landesinnere gebracht, um da verbrannt zu werden, sagt er.
Es gelingt uns, Aufnahmen von einem dieser Orte zu bekommen: Eine Ziegelsteinfabrik. Unzählige Kleider als Brennstoff.
Ob auch unser Kleidungsstück verbrannt wurde, lässt sich abschließend nicht sagen. Aufgrund des schlechten Zustands der Hose liegt der Verdacht aber nahe.
Sellpy verweist an Recycling-Partner
Sellpy verweist uns gegenüber an einen Recycling-Partner. Der könne unverkäufliche Artikel an globale Märkte, zum Beispiel Pakistan, schicken. Er halte sich an europäische Vorgaben. 2025 habe der Partner nur zehn Prozent der sortierten Kleidung entsorgt. Außerdem schreibt Sellpy:
„Textildeponierung ist ein ernstes Problem (…). Unsere Partner (…) exportieren keine unsortierten Textilien in großen Mengen. Stattdessen arbeiten sie mit vertrauenswürdigen Second-Hand-Händlern (…).“
Für Ruth Preywisch von der Verbraucherzentrale reiche das aber nicht aus:
„Wenn solche Versprechen abgegeben werden, ohne dass ein Unternehmen wirklich ganz genau weiß, wo die Kleidung am Ende landet und wie mit der Ware am Ende umgegangen wird, dann ist das in unseren Augen ein falsches Versprechen und am Ende auch Verbrauchertäuschung.“
Und was sagt DariaDaria? Wir berichten auch der Influencerin von unseren Recherchen und zeigen ihr, welche Zustände wir in Pakistan gesehen haben.
„Die Konsequenz ist für mich, dass ich mich jetzt wahrscheinlich erstmal schäme, dass ich mit so einem Unternehmen zusammengearbeitet habe. Aber natürlich würde ich von einem Unternehmen, das noch dazu ja kapitalisiert an dieser Idee und diese Idee monetarisiert, dass die bisschen verantwortungsvoller dann umgehen.“
Greenpeace mit ähnlichem Versuch
Ist das nur ein Problem von Sellpy? Wir sind in Wien, treffen Ursula Bittner von Greenpeace. 2024 hat sie ein ähnliches Experiment gemacht wie wir. Mit 20 Secondhand-Stücken, aber bei anderen Unternehmen als Sellpy. Auch bei ihrem Versuch landeten Kleider in Pakistan, die wahrscheinlich verbrannt wurden - so ihr Verdacht.
„Es muss uns einfach klar sein, dass dieses System nicht funktioniert und dass das Problem an der Wurzel gepackt werden muss, dass wir weniger Kleidungsstücke überhaupt produzieren.“
Bundesregierung kündigt Textilgesetz an
Wie aber kann das gelingen? Das Bundesumweltministerium arbeitet gerade an einem neuen Textilgesetz. Hersteller von Kleidung sollen an Entsorgungskosten beteiligt werden. Mit dem Gesetz soll eine EU-Richtlinie umgesetzt werden.
Wir fahren nach Brüssel und sprechen mit der Abgeordneten Delara Burkhardt. Sie war dabei, als die Richtlinie diskutiert wurde. Schwierig könnte vor allem die Umsetzung werden, sagt sie:
„Es muss irgendeine Form von Registrierung geben. Es muss ein Wissen darüber geben, wie viele Textilien eigentlich in Umlauf gebracht werden, um den fairen Beitrag zu den Entsorgungskosten oder zu der Sortierkosten auch zu berechnen.“
Denn um zu wissen, wie viel ein Unternehmen bezahlen muss, müsste man erstmal wissen, wie viel Kleidung es überhaupt produziert. Und genau das sagen viele Firmen nicht offen.
Gesetz soll irreführende Umwelt-Werbung verbieten
Aber was wir uns vor allem gefragt haben: Wie kann Sellpy so vollmundige Versprechen machen? Auch da hat die Bundesregierung gerade ein neues Gesetz verabschiedet. Es soll irreführende Umwelt-Werbung verbieten. Staatliche Kontrollen aber, ob sich Unternehmen daranhalten, sind nicht geplant.
Ein bisschen was tut sich also. Aber - was das am Ende alles wirklich bringt?
Unsere Recherche zeigt: Unternehmen wie Sellpy können ihre vollmundigen Versprechen nicht halten - und gar nicht wissen, wo die Kleidung am Ende wirklich landet und was mit ihr passiert. Unsere Kleidung ist Teil des großen Müllproblems. Und: Je weniger Klamotten wir alle shoppen - desto weniger müssen wir auch wieder loswerden.