Sendungsbeitrag in der ARD-Mediathek:
Kinderarmut in Deutschland – jedes 7. Kind betroffen
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Kinderarmut: Aufwachsen zwischen Tafel und Obdachlosenunterkunft | team.recherche | Doku
Manuskript des Beitrags:
Schweinfurt in Bayern, sieben Uhr am Morgen.
„Das müsste direkt hier vorne sein eigentlich.”
Ich bin auf dem Weg zu einer Kindertafel. Hier belegen jeden Tag ehrenamtliche Helfer mehrere hundert Pausenbrote.
Jede Hilfe ist gefragt, ich packe also auch mit an. Elke Ehrmann ist schon seit 15 Jahren mit dabei.
„Wie würden Sie es einschätzen, der Großteil der Eltern, die ihrem Kind jetzt vielleicht kein Pausenbrot machen, oder nicht das richtige Pausenbrot machen, woran liegt das? “
„Da reicht vermutlich das Geld nicht, weil sie Heizungskosten bezahlen müssen, die Lebensmittelkosten steigen, und da fehlt das Geld.”
Pausenbrote wie am Fließband. Die Tüten sollen pünktlich zur großen Pause bei dreizehn Schulen und zwei Kindergärten ankommen.
Er hat die Kindertafel vor 16 Jahren gegründet. Angefangen hat Stefan Labus damals mit 30 Pausenbrottüten - mittlerweile ist der Bedarf auf 400 Brote angestiegen. Weil es bei immer mehr Familien immer knapper wird.
„Die Steigerung macht mich schon nachdenklich. Wir haben sehr viele Kinder als Bürgergeldempfänger, wir haben sehr viele alleinerziehende Eltern, wir haben natürlich Migrantenfamilien. Dieser Mix in Schweinfurt ist ganz bedrohlich. Wir haben ca. 15 Prozent der Kinder, die in Kinderarmut leben.”
Nicht nur in Schweinfurt ist Kinderarmut ein Problem - auch bundesweit gilt jedes siebte Kind als armutsgefährdet. Das sind mehr als 2,2 Millionen Kinder.
Armutsgefährdet heißt: weniger als 60 Prozent des mittleren Pro-Kopf-Einkommens zu haben. Für eine Familie mit zwei Kindern wären das z. B. monatlich rund 3000 € netto.
70 Pausenbrote bekommt diese Schule täglich. Die Kinder warten schon…
„Hallo, guten Morgen.“
„Guten Morgen, die Tüte für die 3B bitte.“
„Die 3B möchtest du wieder haben? So einmal hier.“
„Danke.“
„Bitteschön.“
Hier sind sie dankbar über das Angebot der Kindertafel.
„Die Tüten sind für mich ein Stück Bildungsgerechtigkeit. Mit Hunger lernt sich's schlecht, mit Hunger lernt sich's überhaupt nicht. Von daher ist dieser Start in den Morgen für unsere Kinder extrem wichtig.“
Wachsendes Problem vergrößert Chancenungleichheit
Zwei der Kinder aus der Schule dürfen wir zuhause besuchen. Sie leben seit Monaten in einer Obdachlosenunterkunft. Collin und Aaron. Ihr kleiner Bruder Liam ist erst drei.
Das Bad teilt sich die Familie mit anderen Bewohnern der Obdachlosenunterkunft. Alles andere findet hier statt - dieses rund 20 Quadratmeter große Zimmer ist der einzige private Rückzugsort für die fünf.
„Und wie macht ihr das dann nachts eigentlich, wenn ihr schlafen geht?“
„Wir können es ausziehen und da schlafen dann unsere Eltern und wir schlafen hier.”
„Wer schläft wo?“
„Also ich schlafe in der Mitte manchmal und Liam schläft immer ganz hinten.”
Wieder eine eigene Wohnung zu haben, das wünschen sich alle. Doch aus dieser Lebenssituation heraus, schwierig:
„Die meisten sehen nur, wo wir herkommen und nicht, warum wir hier gelandet sind. Dass manchmal die Umstände mitspielen. Deswegen ist es auch nochmal erschwert bei der Wohnungssuche.”
Lisa ist gelernte Krankenschwester, hat wegen der Kinder den Job aufgegeben. Adrian hat zuletzt in der Lagerlogistik gearbeitet. Vor knapp einem Jahr verliert er seine Stelle. Für die Familie existenzbedrohend - sie verschulden sich, verlieren die Wohnung, erzählen sie mir. Schließlich landen sie in der Obdachlosenunterkunft.
„Wie war es für die Kinder, dieser Umzug hierher? Wie nehmen Sie die Situation für die Kinder wahr?”
„Schwer. Es ist noch schwer. Ich rede sehr oft mit unserem Ältesten, Collin. Er sagt, dass er wünscht, dass wir wieder unsere eigene Wohnung haben. Er will auch wieder, dass Freunde von der Schule ihn besuchen können.”
„Oder sein eigenes Bett einfach auch.”
„Familie P. ist tatsächlich keine Ausnahme. In Deutschland leben über 145.000 Kinder und Jugendliche ohne festes Zuhause.“
„Nicht-Bekämpfung” ist das Teuerste
Michael Klundt ist Professor für Kinderpolitik. Er beschäftigt sich unter anderem mit Kinderrechten, aber auch bildungs- und gesundheitspolitischen Fragen.
„Kinderarmut ist eine Kinderrechtsverletzung, ist eine gesellschaftspolitisch mit zu verantwortende Kindeswohlgefährdung. Wir können es uns nicht leisten, dieses Thema einfach weitergehend zu ignorieren, weil es uns tatsächlich am Ende mehr kosten wird. Nicht-Bekämpfung von Kinderarmut ist das Allerteuerste, was man sich vorstellen kann.”
Die Leistungen für Kinder seien zu gering. Dass eine Erhöhung nicht bei den Kindern ankäme, ein Vorurteil.
„Alle Studien, die es gibt zu diesem Thema, weisen nach, dass die Eltern die Gelder, die für ihre Kinder bestimmt sind, nicht zweckentfremden. Dass es hier und da ein paar schwarze Schafe gibt, wie in allen gesellschaftlichen Gruppen, ist klar. Aber die allergrößte Anzahl der Eltern macht sich eher selbst krumm und verzichtet eher auf ein eigenes Zimmer, als dass die Kinder Einschränkungen haben. “
Die bevorstehende Bürgergeldreform verschärfe die Situation für Kinder in Armut zusätzlich. Geplant sind härtere Sanktionen. Die Leidtragenden können dann auch Kinder ein.
Denn von den mehr als 5,5 Millionen Bürgergeldempfängern sind, Stand Sommer ‘25, 1,8 Millionen Kinder und Jugendliche, also fast ein Drittel. Auch bei den Tafeln sind rund ein Drittel der Kunden unter 18 Jahre.
„Hier in Wuppertal gibt es neben der Erwachsenen-Tafel auch eine Tafel nur für die Kinder.“
Nach der Schule bekommen sie hier ein warmes Mittagessen. Jeden Tag kommen um die 30 Kinder. Der Bedarf ist viel größer - die Warteliste lang. Den Mitarbeitern ist es aber auch wichtig, bei den Hausaufgaben zu unterstützen.
„Was können wir tun, damit die Kinder von heute nicht die Tafelkunden von morgen werden. Und das ist natürlich, ja, es geht nur über Bildung und das ist eine der einzigen Wege. “
„Ich will auch Ärztin werden, Chirurgin.“
„Oh mein Gott, was ist das denn?“
„Guck, also jemand liegt da, jemand liegt da und man macht sowas mit Knochen.“
Leyan ist schon als Kind hierhergekommen. Jetzt hilft die 16-Jährige jeden Freitag ehrenamtlich. Sie möchte der Tafel etwas zurückgeben:
„Es gab halt mal einen Mitarbeiter, ich war in der 4. Klasse, und er hat mir bei den Hausaufgaben geholfen. Und irgendwann hab ich gedacht, nee, ich geb jetzt auf, weil das mir zu viel ist. Und danach hat er mich so angeguckt und dann hat er mir halt so gesagt, also, wenn du aufgibst, nimmt jemand anderes deinen Traum. Diese eine Erinnerung hat mich geprägt. Und seitdem denke ich immer so, meinen Traum mache ich also. Niemand anderen macht das. “
In drei Jahren will sie ihr Abitur machen.
Bildung als Weg aus der Armut. Die verlässliche Hausaufgabenbetreuung schätzt auch Joumana H.. Seit drei Jahren bringt sie Tochter Rawan hierher. Für die Mutter eine Möglichkeit selbst erwerbstätig zu sein.
„Meine Tochter ist jetzt in der 3. Klasse. Sie hat z. B. früh Schule Schluss, und ich habe versucht, zu arbeiten. Aber leider konnte ich das nicht. Weil ich musste z. B. Teilzeit oder Vollzeit arbeiten. Ohne die Kindertafel, das konnte nicht passieren. Mein Mann arbeitet in der Nachtschicht. Er muss am Tag schlafen und in der Nacht arbeiten. “
Viele Kinder im Bürgergeldbezug oft in Familien mit berufstätigen Eltern
Geldknappheit trotz Arbeit. Vollzeitjobs die zum Leben nicht reichen. Das ist keine Seltenheit, belegen auch die Zahlen: 64 Prozent aller Kinder in Armut leben in Haushalten, wo ein oder beide Elternteile in Voll- oder Teilzeit arbeiten gehen.
Der Ökonom Marcel Fratzscher kritisiert, dass die aktuelle Regierung die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen ignoriere:
„Kinderarmut ist ein Armutszeugnis für die deutsche Gesellschaft und auch für die deutsche Politik, denn wir haben eine überdurchschnittlich hohe Kinderarmut in Deutschland. Aber das Thema ist unter dieser Bundesregierung unter den Teppich gekehrt worden, erhält viel zu wenig Aufmerksamkeit und damit wird das Problem auch nicht gelöst werden.”
Der Europarat, der sich für die Wahrung der Menschenrechte einsetzt, hat Deutschland bereits mehrfach gerügt und fordert, „eine wirksame Strategie gegen Kinderarmut” zu entwickeln.
Und die Kinderhilfsorganisation Unicef stellte vergangenes Jahr fest: die Kinderarmut in Deutschland ist seit Jahren auf vergleichsweise hohem Niveau - es bestehe “großer Handlungsbedarf.”
Wir fragen beim Bundesministerium für Familie nach: Was ist konkret geplant, um Kindern aus der Armut zu helfen?
Sie schreiben:
„Ein Schlüsselfaktor zur Bekämpfung von Kinderarmut ist die Erwerbsbeteiligung der Eltern. Das Ministerium arbeitet kontinuierlich an der Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf z. B. durch die Weiterentwicklung einer bedarfsgerechten Kinderbetreuung.”
Mehr Geld für armutsbetroffene Kinder ohne Mehrausgaben?
Für Kinder in Armut reiche das aber nicht, sagt Marcel Fratzscher. Die Familien sollten auch finanziell besser ausgestattet werden. Dafür müsse der Staat noch nicht einmal mehr Geld ausgeben. Er könne einfach umverteilen.
Der Vorschlag dreht sich um den sogenannten BEA-Freibetrag. Eine Steuererleichterung, die Aufwendungen für Betreuung, Erziehung und Ausbildung ausgleichen soll. Zugute kommt das aber vor allem gutverdienenden Eltern.
„Die Freibeträge für Kinder und Jugendliche werden steuerlich geltend gemacht. Das heißt, jemand, der sehr viel an Einkommen pro Jahr hat, kann das maximale steuerliche geltend machen und profitiert deshalb finanziell stärker. Das heißt, eine Familie mit 150.000 Euro an Jahreseinkommen bekommt effektiv mehr Geld für jedes einzelne Kind als beispielsweise eine Familie mit zwei Kindern und 50.000 Euro Jahreseinkommen Und deshalb ist dieser Freibetrag so pervers, weil er letztlich zu weniger Chancengleichheit im Bildungssystem führt und daher die Ungleichheit zwischen Kindern und Jugendlichen vergrößert und nicht reduziert.”
Monatlich 120 Euro mehr für armutsbetroffene Kinder durch Umverteilung
Dreieinhalb Milliarden Euro ließen sich so jährlich einsparen. Umverteilt auf Kinder in Armut hieße für die: monatlich 120 € mehr.
Wir fragen das Finanzministerium - hält man am Freibetrag fest?
„Aufgrund der verfassungsrechtlichen Vorgaben ist eine steuerliche Freistellung des Kinderexistenzminimums zwingend geboten [...]. Zu diesem Kinderexistenzminimum gehören der Sachbedarf sowie der Betreuungsbedarf und der Erziehungsbedarf eines Kindes.”
Verfassungsrechtliche Hürden?
Das heißt: eine Änderung ist gesetzlich gar nicht möglich?! Stimmt das?
Johanna Hey ist Direktorin des Instituts für Steuerrecht an der Uni Köln. Ihr Fazit ist eindeutig:
„Das Bundesverfassungsgericht hat diesen BEA-Freibetrag als eine verfassungskonforme Möglichkeit angesehen. Das heißt eben nicht, dass der verfassungsrechtlich geboten ist. Und die Politik macht sich manchmal - das ist natürlich auch mal je nachdem wie es einem passt, dann heißt es ja, das Verfassungsgesetz hat das gesagt, und damit wird dann auch Verantwortung weggeschoben. Ich würde schon aus steuersystematischen Gründen, aber eben auch aus Gerechtigkeitsgründen und vor allen Dingen auch aus Gründen einer effizienteren Familienförderung sehr dafür plädieren, den BEA-Freibetrag, so wie er ist, zu streichen.”
Kinder wie Liam, Collin und Aaron können in naher Zukunft wohl nicht mit mehr Hilfen rechnen. Trotz konkreter Lösungsansätze, vieler armutsbetroffener Kinder und einer immer älter werdenden Gesellschaft. Dabei sind die Wünsche der Kleinsten gar nicht so groß:
„Was wäre dein Wunsch, Aaron?“
„Urlaub - an den Strand oder auf den Baggersee.”
„Ein Penthouse! Schick, aber das kostet zu viel Geld, wir haben nicht genug Geld. Und da gibt es viele Räume, das ist groß.”
Viele Räume - ein Wunsch, den wahrscheinlich jeder der fünf teilt. Sie hoffen auf eine erneute Chance. Momentan aber haben sie nur sich - und diese 20 Quadratmeter.