Der Kampf zwischen Taxi- und Uberfahrern eskaliert mittlerweile auf offener Straße. In Siegburg bei Bonn endete kürzlich ein kleiner Streit in einer Massenschlägerei. Hintergrund: Mietwagenunternehmen, die Fahrten für Uber und Bolt durchführen, würden sich nicht an die Gesetze halten. Stimmt das? Die investigative Spurensuche von REPORT MAINZ führt zu Briefkastenfirmen, ins Rotlichtmilieu und zu gekauften Strohmännern. Mittlerweile flüchten Mietwagenunternehmen aus den Städten ins Umland, um den schärfer werdenden Kontrollen zu umgehen.
Sendungsbeitrag in der ARD-Mediathek:
Uber und Bolt - Abzocke außer Kontrolle?
Weitere Informationen:
24.06.2025 Mit dem Taxi nach Deutschland trotz Grenzkontrollen
Ein Netzwerk von Schleppern wirbt über Messengerdienste Fahrer an, um Geflüchtete nach Deutschland zu bringen. Dies zeigen Recherchen von REPORT MAINZ.
Wie UBER und Co. deutsche Städte erobern wollen
Es ist die große Hoffnung von UBER und Automobilindustrie: Das so genannte Ridesharing - kommerzielle Sammeltaxis. Doch zunächst muss ein Gesetz geändert werden - dafür schicken Anbieter praktischerweise ganze Textbausteine an die Politik.
Manuskript des Beitrags:
Eine Massenschlägerei zwischen Taxi- und Uberfahrern. Meine Recherche beginnt mit diesem Video. Ich bin in Siegburg bei Bonn, um zu erfahren was hier los war.
„Hier sind schon die Taxis, dann kann die Schlägerei auch nicht weit sein.“
Er müsste wissen, warum es dazu kam. Marcel Hannan ist selbst Taxifahrer und kennt die Szene. Hat die Schlägerei mitbekommen. Und sagt, dass es immer wieder zu Streit komme:
„Das fing da drüben an, weil sich dort ein Uber-Fahrzeug bereitgestellt hat.“
„Bereitgestellt, der hat einfach da gewartet?“
„Genau, auf Fahrgäste gewartet, was er nicht darf. Fakt ist, dass es dann halt zu einer Diskussion kam. Und die ist dann so ausgeartet, dass der Uber-Fahrer Verstärkung gerufen hat. Die anderen Taxifahrer haben das gesehen. Und dann kam es halt zu einer großen Massenschlägerei. Das sind keine Einzelfälle. Wir werden immer wieder angepöbelt von denen.“
Warum kommt es immer wieder zum Streit? Das will er mir auf der Straße zeigen.
Laut Gesetz sind Uber und Bolt keine Taxis, sondern fahren als sogenannte Mietautos. Deswegen dürfen sie nicht einfach angehalten werden. Dafür aber Preise, im Gegensatz zum Taxi, frei festlegen. Das ärgert viele Taxifahrer, wie Marcel Hannan. Freie Preisgestaltung auf der einen Seite, aber die Uber und Bolt-Autos würden sich auf der anderen Seite nicht an Ihre Pflichten halten. Zum Beispiel müssen die Autos nach einer Fahrt, wenn sie keine Folgeaufträge haben, zum Unternehmen zurück und dürfen sich nicht einfach irgendwo „bereitstellen“, also warten:
„Er darf hier nicht stehen, außer er hat eine Anschlussfahrt. Und wenn er keine Fahrt hat, dann muss er nach Beendigung der Fahr, immer zum Betriebssitz zurück.“
Und macht er das? Der Fahrer schaut auf seinem Handy Filme und isst dabei. Macht offensichtlich Pause.
Bei Kontrollen von Uber und Bolt-Fahrzeugen kommt es immer wieder zu Gesetzesverstößen. Zum Beispiel vor zwei Jahren in Berlin. Mehr als 1000 Fahrer waren illegal unterwegs:
„Ein Drittel wird legal gearbeitet, ein Drittel wird letztendlich Leistung vom Jobcenter bezogen und ein Drittel wird voll schwarz gearbeitet. Ich würde schon sagen, dass wir uns hier in der organisierten Form der Schwarzarbeit befinden."
Bei den Kontrollen stehen auch die Arbeitsbedingungen der Fahrer im Fokus. Eine Gefahr für Passagiere, wenn Fahrer beispielsweise übermüdet sind.
Anfang des Jahres sind bei einer Razzia in Frankfurt viele Autos aufgeflogen, die mutmaßlich mit gefälschten Konzessionen unterwegs waren. Die Staatsanwaltschaft ermittelt noch.
Auch ein aktuelles Experten-Gutachten für die Stadt Essen zeigt, wie Uber-Mietwagenunternehmen bei Arbeitszeiten, Steuer und Sozialabgaben manipulierten.
Ein Problem für uns alle, wenn dem Staat und den Sozialkassen Geld fehlt.
Was sind das für Unternehmen? Ich bekomme einen Tipp und will mir ein Unternehmen in der Nähe von Köln anschauen.
Dort soll eine Firma sein, die für Uber und Bolt fährt. Denn die App-Plattformen haben keine eigenen Autos. Ausgeführt werden die Aufträge von vielen kleinen Mietwagenunternehmen. Das Gesetz sieht vor, dass sie offizielle Büros haben, Stellplätze für die Autos und Pausenräume. Gibt es die hier auch?
Auf den ersten Blick ein normales Einfamilienhaus. Einen Briefkasten gibt es hier nicht. Bevor ich klingeln kann, geht die Tür auf. Eine Kamera über der Tür hat mich gefilmt.
„Hallo?“
„Nach oben bitte.“
„Ich suche eigentlich…GmbH. “
„Nee, sind wir nicht, wir sind ein Puff Schätzchen.“
„Ah ein Puff, ok.“
Meine Anfrage lasse ich da, bekomme aber keine Antwort.
„Ok, ja ist ein Puff.“
Ich bin in Berlin. Hochburg von Uber und Bolt. Wie sieht es hinter der Hochglanzfassade aus?
Verkehrspolitiker: Keine Einzelfälle, sondern Standard
Das will ich von Tino Schopf wissen. Er ist SPD-Abgeordneter in Berlin, sitzt im Verkehrsausschuss und hat viele der Mietwagenunternehmen unter die Lupe genommen. Solche Fälle wie in Köln überraschen ihn nicht:
„Das ist Standard. Also ich habe, ich hätte jetzt nichts anderes erwartet in dem Mietwagenbereich. Das ist für mich organisierte Kriminalität auf hohem Niveau. Was anderes fällt mir dazu nichts mehr ein. Und zeigt aber auch wie hoffnungslos überlastet unsere Genehmigungsbehörden sind.“
Gegen rund 60 Firmen hat er vergangenes Jahr Anzeige erstattet. Jetzt werde in Berlin mehr kontrolliert, aber das habe zu einer neuen Entwicklung geführt:
„So. Hier Finsterwalde. Und wenn man sich jetzt hier auf der Straße umschaut, dann sieht man hier eben viele, viele Mietwagen, aber nicht mit Berliner Kennzeichen. Wir haben hier LDS, Teltow-Fläming, Oberhavel, Havelland, also die Landkreise um Berlin herum.“
„Also die flüchten quasi?“
„Die flüchten halt ins Umland.“
Um Kontrollen zu umgehen, so Schopf, weil die Behörden dort weniger Personal hätten. Das will ich genauer wissen. Ich fahre also nach Brandenburg. Teilweise sind die Briefkästen kaum zu übersehen. Büros, Stellplätze auf den ersten Blick - Fehlanzeige.
Mutmaßlich Schwarzarbeit, Steuerhinterziehung und Scheinfirmen
Ein Mietwagenunternehmen fällt mir immer wieder auf. Eine Firma, die zwar in Berlin fährt, aber den Sitz genau hinter der Landesgrenze in Brandenburg hat.
„Grüß sie. Hi. Ich such den Herrn…Der ist nicht da?“
Bolt und Uber-Fahrzeuge, Büros und Pausenraume sehe ich hier nicht. Nur ein paar baufällige Container auf grüner Wiese. Und ein Zettel, wo übergangsweise das Unternehmen sein soll. Doch dort finde nur das hier.
Der Geschäftsführer ist im Dorf bekannt. Oft sei die Polizei hier gewesen. Auf meine Anfrage bekomme ich keine Antwort.
In ganz Deutschland ermitteln Behörden gegen Mietwagenunternehmen. Auch in Bayern, sagt Hanna Sammüller, von der Ordnungsbehörde München. Sie nehme ebenfalls eine Flucht aufs Land wahr. Teilweise 100 Kilometer und mehr - seit sie die Kontrollen hochgefahren habe.
„Man kann sagen, dass über 90 Prozent aller kontrollierten Mietwagenunternehmen in irgendeiner Art und Weise rechtswidrig handeln. Wir erleben, dass die Unternehmen Firmen-Sitze haben, die letztlich gar nicht auffindbar sind. Wir erleben, dass die Fahrer ihre eigentlichen Chefs gar nicht kennen, dass die Geschäftsführer nicht existent sind oder nur Strohmänner sind.“
Stimmt das? Wie einfach ist es einen Geschäftsführer zum Schein anzustellen?
Bei Facebook sehe ich, wie offen Strohmänner gesucht und angeboten werden. Gleich mehrere nehmen Kontakt mit mir auf.
Er will mir sein „Businessmodell“ erklären. Also soll ich ihn in Frankfurt treffen. Nicht ich werde das Gespräch führen, sondern ein Lockvogel, der sich in der Szene auskennt. Ich bin dabei und drehe mit versteckter Kamera.
Der Unternehmer sagt, die Geschäftsführerin für mein fiktive Firma soll seine Frau sein. Sie habe den speziellen Unternehmerschein und schon zwei Firmen. Auf dem Papier soll sie das Unternehmen leiten und auch Lohn bekommen.
„Als Geschäftsführerin bekommt sie offiziell 100 Euro, pro Auto, das überweist du auf mein Konto. Den Rest bekomme ich Bar. Je mehr du offiziell zahlst, desto mehr Sozialabgaben hast du auch.“
Auch erklärt uns der Unternehmer, wie eine kreative Buchhaltung funktioniert:
„Uber meldet die Fahrten nicht beim Finanzamt. Oder beim Ordnungsamt. Das Ding ist, ein Fahrer ist zum Beispiel als Minijob angemeldet, aber hat tatsächlich 3200 Euro für mich verdient. Er hat eigentlich Vollzeit gearbeitet, aber wir sagen auf dem Papier er hat während seiner Arbeitszeit, einfach eine lange Fahrt gemacht. Zum Beispiel in die Schweiz. So rechnen wir das ab.“
Ich will wissen: Was sagen die Weltkonzerne dazu, die so viel Geld für ihr Image ausgeben?
Uber und Bolt gehen nicht konkret auf die Vorwürfe ein: Man vermittele mit der App nur die Fahrten und verpflichte und kontrolliere die Mietwagenunternehmen zur Einhaltung der Gesetze. Man kontrolliere die Rückkehrpflicht bei Uber sogar mit der App. Bei Verstößen würden die Mietwagenunternehmen gesperrt. Man tausche sich zudem mit den Behörden aus.
Bundesarbeitsministerium sieht Handlungsbedarf
Kritiker wie Tino Schopf aus Berlin fordern hingegen besser ausgestattete Behörden und mehr Kontrollen. Selbst das Bundesministerium für Arbeit hat das Problem erkannt. Ein Gesetz könnte erst Ende 2026 kommen. Viel Zeit, für dubiose Mietwagenunternehmen, um mit gekauften Strohmännern, Briefkastenfirmen und dubiosen Firmensitzen Geld zu machen. Alles hinter der Hochglanzfassade von Uber und Bolt.