Sendungsbeitrag in der ARD-Mediathek:
Vergessene Senioren - Mangel an altersgerechten Wohnungen
Tagesschauartikel zum Beitrag:
Altersgerechte Wohnungen - Zu wenig Wohnraum für Ältere
Manuskript des Beitrags:
Spielenachmittag bei Familie Engel-Martensen. Hier in ihrem Haus bei Hildesheim wohnen sie seit 16 Jahren zur Miete und fühlen sich wohl. Wären da nicht die Treppen.
„Das sind also 30 Stufen insgesamt. Ich habe mir extra einen Stuhl hingestellt, weil es doch sonst beschwerlich wird.”
Rolf Martensen hat Krebs, die Lunge spielt nicht mehr richtig mit. Auch seine Frau ist auf den Stufen schon ausgerutscht, hat sich den Fuß gebrochen.
„Das Gleichgewicht ist ja auch nicht mehr wie vor 30, 40 Jahren und da kann es schnell passieren.”
Also haben die beiden vor vier Jahren eine Entscheidung getroffen: Sie wollen raus aus dem Haus - bevor Alter und Krankheit es ihnen noch schwerer machen. Und suchen seither eine barrierefreie Wohnung in der Nähe. Doch ihr Plan scheitert. Überall landen sie nur auf der Warteliste.
„Die Sorge hat jetzt durch meine akute Situation zugenommen. Von daher ist schon jeder Monat, der länger wartet, macht einem schon zu tun.”
Hier wären sie gerne eingezogen: In die alten Kaiserhöfe in Bad Salzdetfurth. Altersgerecht umgebaut, im Ortskern, mit angeschlossener Tagespflege. Doch seit vier Jahren wird nichts frei.
Er hat die Wohnungen gebaut: Matthias Kaufmann von der Kreiswohnbaugesellschaft Hildesheim. Und berichtet: Die Warteliste ist lang.
„Ich denke, für so eine Kleinstadt wie Bad Salzdetfurth eine Warteliste von 30 Personen spricht doch an dieser Stelle schon Bände. Und das ist auch überall so.”
Problem vor allem im ländlichen Raum
Etwa in Thüringen, wo der Anteil an Seniorinnen und Senioren besonders hoch ist. Viele Einfamilienhäuser stehen zum Verkauf, berichtet uns Tim Schöne, Immobilienmakler im Thüringer Wald. Denn viele Rentner müssen ihr Eigenheim verlassen, weil es nicht altersgerecht ist. Die Häuser wird er teils kaum noch los, trotz günstiger Preise. Dieses Objekt etwa, frisch saniert mit Sauna und Ofen -angeboten für 115.000 Euro.
„Eigentlich alles, was das Herz begehrt”
Andere sind noch günstiger. Junge Käufer fehlen. Gleichzeitig findet der Makler selten altersgerechte Alternativen im Ort für seine Kunden. Sie müssen in die teure Stadt ziehen.
„Wenn man dann hier in die Kernstadt zieht und möchte gerne eine barrierefreie Wohnung haben, dann kostet die eben nicht nur 500 Euro im Monat, sondern halt eher mal auch 1000 oder mehr, ne? Und dann ist das Haus in drei Jahren aufgezehrt durch die Miete. Das ist schwierig.“
Zu teuer, und oft zu weit von der Heimat entfernt - dieses Problem kennt auch Romy Reimer, gerade im ländlichen Raum. Ihr Verein berät Kommunen und Initiativen bundesweit zum Thema altersgerechtes Wohnen.
„Menschen, die auf Barrierefreiheit angewiesen sind, haben keine Möglichkeit, Wohnraum zu finden, der für sie geeignet ist. Und dann kommt natürlich noch dazu, dass sie im Wohnumfeld oder in ihrer vertrauten Wohnumgebung bleiben möchten. Da wurden Entwicklungen verschlafen und nicht die richtigen Weichen gestellt.”
Bedarf steigt auf 3,7 Millionen bis 2035
Eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft zeigt: Derzeit gebe es etwa eine Million altersgerechte Wohnungen auf dem Markt. Dabei seien drei Millionen Haushalte auf eine solche Wohnung angewiesen - eine deutliche Unterversorgung. Und es könnte noch schlimmer werden: Bis 2035 werden 3,7 Millionen Haushalte ein altersgerechtes Zuhause benötigen. Was also wird unternommen?
Flickenteppich an Vorgaben
Wir fragen an bei allen deutschen Bundesländern, sie sind hauptsächlich zuständig für Wohnungspolitik. Überall gibt es inzwischen Vorschriften für barrierefreies Bauen. Doch die unterscheiden sich deutlich: Während in Nordrhein-Westfalen jede Wohnung in größeren Neubauten barrierefrei sein muss, ist in Schleswig-Holstein nur ein Geschoss verpflichtend. Immobilienökonom Christian Oberst kritisiert, barrierefreies Bauen müsse einfacher und günstiger werden.
„Wir haben sehr viele Vorschriften, die Regularien sind auch in jedem Bundesland anders, an jedem Ort anders, so dass es schwierig ist, da eine Übersicht zu haben - sodass sich herausgebildet hat, im hochpreisigen Segment haben wir ein deutliches Angebot, im mittleren bis niedrigpreisigem Segment haben wir so gut wie kein Angebot.”
Jedes Jahr entstehen 74.000 altersgerechte Wohnungen neu, teilt das Bundesbauministerium mit. Doch auf Nachfrage räumt es ein: „Die Lücke von 2,3 Millionen (Wohnungen) wird allerdings nicht geschlossen.” Das Ministerium gibt auch zu: „Bundesweit betrachtet entstehen die meisten altersgerechten Wohnungen im Neubau in Großstädten und städtischen Kreisen.” Auf dem Land bleibt der Mangel also groß.
Die kleine Gemeinde Vrees im Emsland wollte es anders machen. Wir treffen Bürgermeister Heribert Kleene. Als Anfang der Jahre 2000 der erste Vreeser in ein Heim sollte, und zwar weit weg von seiner Heimat, nahm er das Problem selbst in die Hand.
„Wir konnten es nicht verstehen, dass jemand, der jahrzehntelang hier auch in der Dorfgemeinschaft unterwegs war, alles mitgestaltet hat, mitgelebt hat, dass er dann, wenn er die Hilfe der Dorfgemeinschacht gebraucht, weggebracht werden muss.”
Also ließ er im Dorf mehrere altersgerechte Wohnungen bauen. Mit Fördergeldern und ohne Gewinnabsicht, um allen Bürgern ein Zuhause im Alter zu ermöglichen. Die Wohnungen ausgestattet mit praktischer Smart Home Technik.
„Hallo Heribert, ich sehe dich. Ich mach dir auf.”
Vom Tablet aus können Jalousien und Licht bedient werden. Ebenso ist alles ebenerdig zugänglich ausgestattet - Kostenpunkt: 550 Euro Kaltmiete für 70 m2. Bald sollen weitere Wohnungen entstehen.
Vrees - ein Ort, der sich um seine älteren Bürger kümmert. Die Gemeinde hofft, dass viele andere es ihnen nachmachen.