Mittlerweile sind die Strohhaus-Pioniere und ihr nachhaltiges Strohhaus mehrfach prämiert, doch in der Planungs- und Bauphase mussten sie viele Hürden überwinden. Dabei war der ursprüngliche Plan des jungen Paares ein altes Haus zu kaufen und ressourcenschonend auszubauen. Doch dann kam es anders.
Familie baut nachhaltig mit Naturmaterialien
Anfang der 2000er Jahre lernen sich Sarah und Florian beim Architekturstudium in Weimar kennen. Bald sind sie zu viert, schließlich zu fünft. Bei jedem Spaziergang sucht die Familie nach einem geeigneten, möglichst günstigen Haus.
Im Ortsteil Ehringsdorf wird sie fündig: Der alte Ziegelhof steht seit Jahren leer. Sarah und Florian tun sich mit anderen Familien zusammen, entwickeln ein gemeinsames Nutzungskonzept und bekommen den Zuschlag.
Zum Gebäudekomplex gehört eine alte Scheune. Sie soll das neues Zuhause der Familie werden. Doch schnell wird klar: Die Bausubstanz ist nicht zu retten. Damit steht sie vor der Frage: Wie baut man im 21. Jahrhundert nachhaltig mit Naturmaterialien?
Im Studium hatten sie Bauen mit Stroh kennengelernt. Aber bislang gab es in Deutschland kein zweistöckiges Strohhaus, kein Vorbild. Sie wollen die ersten sein und betreten damit Neuland.
Baugenehmigung für's nachhaltige Strohhaus lässt lange auf sich warten
Die erste Hürde: der Bauantrag. Sarah und Florian sind mit den drei kleinen Kindern schon in eins der Nebengebäude gezogen, haben sich zwei kleine Zimmer provisorisch eingerichtet. Die Scheune ist abgerissen und ab Januar 2017 sind sie mit dem Bauamt für die Genehmigung ihres lasttragenden Strohballenhauses im Gespräch.
Das Verfahren zieht sich. Im August wollen sie loslegen. Doch erst eine Woche vor der bereits angeschobenen Strohernte bekommt die Familie das Go. Kurzes Aufatmen – dann ein Rückschlag. Es regnet, das Stroh ist zu nass zum Bauen. Zum Glück gibt es noch ein zweites Feld!
Die zweite Hürde: Zehn Strohballen müssen vor dem Einbau auf ihre Tragfähigkeit getestet werden. Die Weimarer Material- und Prüfanstalt hat dafür keine Vorrichtung. Die Kosten muss die junge Familie tragen – fast so viel wie das ganze Stroh. Aber ihre Ballen bestehen den Test mit Bravour!
Die dritte Hürde: Bauen mit Strohballen ist wie Bauen mit Klemmbausteinen. Im Verbund werden die Strohballen gestapelt, die vorgefertigten Fenster- und Türrahmen passgenau eingesetzt. Allerdings darf das Stroh nicht nass werden. Der Regenradar läuft rund um die Uhr. Florian muss immer rechtzeitig entscheiden, wann die Ballen mit großen Planen regensicher abgedeckt werden müssen und die Arbeiten damit unterbrochen werden müssen.
Leben auf der Baustelle mit Familie
Beim Bau packt die ganze Familie mit an. Sarahs Brüder sind wochenweise mit im Team. Und einen ganz wichtigen Job übernimmt Florians Vater, ein versierter Lehmbauer. Die Strohballen bekommen einen dicken Lehmputz. Die Außenfassade einen Kalkputz, der auch als Feuerschutz dient. Die Lehmbauweise sorgt für ein besonders gesundes Raumklima im gesamten Strohhaus.
Florian ist selbst bei allen Arbeiten dabei, auch Sarah und die Kinder fassen mit an. Florian sagt heute, dass das Bauen nur als Familienprojekt machbar war. Es gab keine Blaupause, keine Firma, die das so für sie hätte umsetzen können.
Familie erhält für ihr Strohhaus viele Preise
Im Januar 2019 ist ihr Haus bezugsbereit und inzwischen mehrfach prämiert, unter anderem mit dem Architekturpreis der Architektenkammer Thüringen 2022.
Kosten für das Strohhaus
Strohballen sind ein besonders nachhaltiger Baustoff, gut wärmedämmend und kompostierbar. Mit ihren 1,20 Meter dicken Wänden kann die Thüringer Familie tatsächlich auf eine Heizungsanlage verzichten. Nur im zentralen Wohnraum mit Küche, Ess-, Ruhe- und Handarbeitsbereich haben sie einen Specksteinofen für die kalten Wintertage.
Ansonsten reicht die Kraft der Sonne, die durch die verglaste Südseite das Haus erwärmt. Nur an ganz wenigen Tagen brauchen sie im Obergeschoss die Wärmflaschen, die für jeden im Bad griffbereit hängen.
So ein Strohhaus kostet ungefähr so viel wie ein konventioneller Hausbau. Stroh ist zwar ein günstiger Baustoff, aber alle anderen Arbeiten – Fundament, Holzbau, Installationen, Dach – fallen ebenso an. Doch durch die sehr gute Wärmedämmung und die Photovoltaikanlage auf dem Dach ist das Haus energetisch extrem sparsam.
Die Betriebskosten gehen in guten Jahren zu Null. Das wenige Holz, das sie in ihrem Ofen verbrennen, können sie mit dem Überschuss der Stromerzeugung gut bezahlen.
Auch die Einrichtung des Strohhauses ist preiswert und nachhaltig. Designermöbel sind dem Architektenpaar nicht wichtig. Sie recyceln in Eigenleistung geschenkte und geerbte Möbel. Ihre Küche haben sie aus den alten Balken der abgerissenen Scheune selbst gebaut.
Treppenhaus befindet sich außen am Strohhaus
Ihren drei Kindern ist es manchmal ein bisschen viel „öko“. Sie setzten durch, dass die Wände in ihren Zimmern weiß und nicht Lehmbraun wie im Erdgeschoss sind. An die Außentreppe sind sie gewöhnt, denn die Familie muss vor die Tür treten, um ins Obergeschoss zu kommen. Damit sparen sie den Raum für ein Treppenhaus und bekommen schon morgens einen direkten Eindruck vom Tag.
Ein Strohhaus, zwei Familien
Ihr Strohballenhaus teilen sie mit Alexandra, Uwe und deren drei Kindern. Jede Familie bewohnt ihre Haushälfte, aber Vieles im Leben passiert gemeinsam. Aus Bauherren wurden Nachbarn und beste Freunde.