Zeitreise ins Mittelalter: 600 Jahre alter Zehnthof

Eigentlich wollten sie auswandern. Doch stattdessen landen Norma und Marcus im Mittelalter: In einem 600 Jahre alten Haus, dessen Sanierung Marcus beinah mit dem Leben bezahlt.

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Von Autor/in Christopher Hiepe

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Es war Liebe auf den ersten Blick – zumindest für Marcus: Den ehemaligen Zehnthof der berühmten Burg Eltz, die früher den 500 D-Mark-Schein zierte, entdeckte er 2018 in einer Annonce. Einst mussten die Bauern der Umgebung hier ein Zehntel ihrer Erträge an die Herrschaft abliefern. Und Marcus hatte schon immer ein Faible für Geschichte und für alte Gemäuer. Dann noch der Ortsname: Burgen an der Mosel – wenn das nicht nach Mittelalter pur klingt.

Ein spontaner Kauf mit Folgen

Gleich bei der ersten Besichtigung mit dem Makler besiegelte er per Handschlag den Kauf – ohne das Ganze nochmal mit seiner Frau Norma zu besprechen. Er habe gleich erkannt, welches enorme Potential in den alten Bruchsteinmauern stecke, erinnert er sich heute. Norma sah aber vor allem die viele, viele Arbeit vor sich. Denn das Haus war schon seit Jahrzehnten nicht mehr bewohnt, zugewuchert, in Teilen baufällig. In den Räumen türmten sich Berge von Schutt, Abfall und holzwurmzerfressenen Möbeln.

Wohnen an der Mosel statt auf den Philippinen

Und der Plan war eigentlich mal ein anderer gewesen: Norma stammt ursprünglich aus dem Norden der Philippinen. In ihrem Heimatdorf hat das Paar ein Haus gekauft, in das es nach Marcus Rentenbeginn ziehen wollte. Doch die Ärzte verboten ihm aus gesundheitlichen Gründen lange Flugreisen. Das Haus wurde schweren Herzens wieder verkauft. Und der Erlös reichte genau für den Kauf des Zehnthofes.

Der wurde nach dem ersten Schock doch noch zum „Traumhaus“ für Norma: Als Kind habe sie auf den Philippinen einmal von einem Gebäude geträumt, das „wie genäht“ aussah, erzählt sie. Im Haus in Burgen erlebte sie dann ein großes Déjà-vu: In den Fachwerkbalken im einstigen Wehrgang erkannte sie die vermeintliche Naht aus ihrem Kindheitstraum wieder.

600 Jahre altes Haus über acht Jahre mühsam saniert

Acht Jahre lang verbrachten Norma und Marcus jede freie Minute damit, ihr zukünftiges Zuhause zu sanieren und wohnlich zu machen. Rund 100 Kilometer pendelten sie dafür zwischen Bonn, wo Marcus als Entsorgungstechniker arbeitet, und der Mosel. Bis auf die Elektrik machten sie alles selbst.

Sie entrümpelten mehr als 100 Kubikmeter Müll, brachen nachträglich eingezogene Mauern ab, legten Wasserleitungen, Böden und Fliesen, verputzten und strichen. Nach und nach legten sie so die historische Struktur des Hauses wieder frei, das sich ursprünglich aus drei Gebäuden zusammensetzte. So kommt es, dass mitten in der Wohnung bis zu 80 Zentimeter dicke Außenmauern die Räume teilen und man durch Fenster von einem in den anderen Raum schauen kann.

Fundstücke aus verschiedenen Epochen kombiniert

Zwischen all dem Gerümpel fanden sie auch einiges, was sie übernahmen: Der alte mit Holz befeuerte Küchenherd etwa, mit dem Norma und Marcus nicht nur kochen, sondern auch das halbe Haus heizen. Oder die lange Kirchenbank, die jetzt den ehemaligen Wehrgang schmückt – den aus dem 14. Jahrhundert stammenden ältesten Teil des Zehnthofes. Im Esszimmer, das auf den ersten Blick am meisten Mittelalter atmet und einem Rittersaal gleicht, stammt dagegen ursprünglich nichts aus dem Haus: Die Ritterrüstung kommt von einem Antiquitätenhändler, die Kanonen haben sie im Internet ersteigert.

Überhaupt hat das Paar im Laufe seiner 20-jährigen Ehe jede Menge auf Flohmärkten und Auktionen zusammengetragen – quer durch die Jahrhunderte. So finden sich im Haus etwa knallorangene Möbel aus den 70er Jahren neben solchen aus der Gründerzeit oder Kunsthandwerk von den Philippinnen. Das Motto von Norma und Marcus: Erlaubt ist, was gefällt.

"Ein Wunder": Marcus' überlebt schweren Unfall auf der Baustelle

Das Haus und seine Sanierung hat beiden viel abverlangt. Immer wieder hatten sie mit kleineren und größeren Katastrophen zu kämpfen. Teile des Daches stürzten ein, es kam zu Wasserschäden und ein Anstrich löste sich wieder von der Decke.

Der schwärzeste Tag war jedoch Ende Oktober 2019. Marcus wollte das Tor der angrenzenden Scheune austauschen und stand deshalb mit der Flex auf der Leiter. Was er nicht wusste: Ein fast tonnenschwerer Betonträger war nur lose befestigt und stürzt auf ihn nieder. Die Ärzte sprechen im Nachhinein von einem Wunder, dass er überlebt hat. Ein halbes Jahr später stand er wieder auf der Leiter. Aber seine Frau Norma lässt ihn jetzt nicht mehr aus den Augen.

Ein eigenes Familienwappen

Obwohl diese Probleme Norma und Marcus immer wieder in ihrem Zeitplan zurückgeworfen haben, haben sich die beiden nicht von ihrem Weg abbringen lassen. Kurz vor Weihnachten sind sie nun endlich in ihr Traumhaus gezogen, pünktlich zum Beginn von Marcus Rente.

Zuvor haben sie ihr neues Zuhause noch nach alter Sitte von einem Priester segnen lassen. Und wie es sich für mittelalterliche Burg- bzw. Hausherren gehört, haben sie sich von einem Heraldiker ein standesgemäßes Familienwappen entwerfen lassen, das von nun an ihren Stammsitz ziert.

Erstmals publiziert am
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Autor/in
Christopher Hiepe
Ein Film von
Sacha Bremus (Kamera), Jan Parvu (Kamera/Ton) und Daniel Alznauer (Schnitt).