Ich würde niemals aus der Kirche austreten oder mein Handwerk abmelden.
Mit 83 Jahren steht Dietlinde noch immer täglich in der kleinen Schneiderei neben ihrem Schlafzimmer in ihrer Wohnung. Auf dem Tisch liegt ihre Schere aus der Ausbildungszeit – ihr wichtigstes Werkzeug seit über 60 Jahren. „Das einzige Teil, was ein Lehrling damals mitbringen musste“, erklärt sie. „Ich habe heute noch meine Scheren, die ich über alles liebe. Alle anderen sind nichts wert.“
Der Schneiderberuf liegt bei Dietlinde in der Familie, aber eigentlich wollte sie etwas anderes werden
Der Beruf wurde ihr in die Wiege gelegt. Ihre Großmutter war Schneidermeisterin, ihre Mutter auch. Doch eigentlich wollte Dietlinde Lehrerin werden, wie ihr Vater. Das war in den 1960er Jahren nicht möglich, erklärt sie. Ihr großer Bruder durfte studieren, sie nicht.
Also entscheidet sie sich für einen anderen Weg. „Dann habe ich gedacht: Dann bilde ich eben die Menschen aus.“ Über 70 Lehrlinge hat sie im Laufe ihres Lebens ausgebildet. Das Weitergeben des Handwerks war ihr immer genauso wichtig wie das Schneidern selbst.
Eine Herausforderung: Sich in den 1960ern als Frau selbstständig machen
Ende der 1960er Jahre wagt sie den Schritt in die Selbstständigkeit. Als Frau keine Selbstverständlichkeit. Die rechtliche Situation für Frauen in Deutschland war damals noch eine andere. Zur Bank musste Dietlinde ihren Mann mitnehmen, allein bekam sie keinen Kredit. „Aber was haben Frauen gemacht, die allein waren?”, fragt sie heute. „Die mussten es ja auch machen.” Sie hat es durchgezogen. Und würde es sofort wieder tun.
Liebe zum Beruf und zum Detail – Dietlinde hat ihre Berufung gefunden
Was Dietlinde an ihrem Beruf liebt? „Dass ich die Menschen anziehe. Einfach auf den Typ genau.” Für sie steht nicht das Kleid im Vordergrund, sondern der Mensch. Jedes Stück, das sie anfertigt, ist einmalig – nur für diese eine Person gemacht. „Viele Menschen kennen nur von allem den Preis, aber von nichts den Wert”, sagt sie.
Dietlinde ist kein Fan von Fast Fashion: „Heute kann man ja schon gar keine Trends mehr ausmachen.”
In einer Welt voller Fast Fashion steht sie für das Gegenteil: für Handwerk, für Wertigkeit, für Kleidung, die bleibt. Mittlerweile ist Dietlinde Ehrenmitglied ihrer Innung. Sie hat Modenschauen in der Liederhalle organisiert, vor 7.000 Menschen präsentiert, Generationen von Frauen begleitet – manche seit über 50 Jahren. „Ich habe viele Kunden, die begleite ich schon sehr lange, da kenne ich die ganze Familie und den Kleiderschrank, dann weiß ich, wie man was gut kombiniert.”
Mehr zu SWR Heimat:
75 Jahre Ehe
Egon und Alice haben einen Grund zum Feiern! Im Dezember 1948 heiratet das Paar und nach 75 Jahren glücklicher Ehe dürfen sie nun ihre Kronjuwelen-Hochzeit feiern. Die beiden 94-Jährigen verraten, was sie all die Jahre zusammengehalten hat.